Günter Herburger: Wildnis singend

Zum Tag der Indie-Verlage aus dem kleinen Berliner Verlag HANANI.

„Wildnis singend“ ist ein Buch voller Kollisionen. Bolivianischer Schamanismus in der Allgäulandschaft, virtuose Idee, passt irgendwie und gibt der Geschichte zuerst einmal einen märchenhaften Anstrich. Ricarda, im Allgäu geboren, als Kind mit der Familie nach Südamerika ausgewandert, plumpst nach 50 Jahren in die paradiesisch gestaltete – heißt hier eher in einen ursprünglichen Zustand zurückgebaute – Allgäulandschaft. Das Aussteigerpaar der „Athlet“ und die „Madonna“ leben nach dem Motto „Je weniger wir tun, desto besser.“ Im ersten Teil beeindruckt die Geschichte durch eine unbeschreiblich kunstvolle poetische Sprache. Doch auch hier offenbart sich bald eine große Kollision: die Poesie des ersten Teils vermag die brutale Realität nicht zu gestalten. Sie prallt auf eine Realität, der auch in der Sprache nur mit Wortgewalt beizukommen ist. Aus artistischen Höhen führt die Geschichte in die unterirdischen Tiefen der psychischen Beschädigungen.

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Prosaminiatur: Monte Rosa Gletscher

Es war nur ein kleiner Sprung nötig. Mit dem Skistock prüfte ich die Festigkeit des Schnees auf der anderen Seite der kleinen Spalte. Sieht gut aus. Heute Vormittag haben wir schon mehrere kleine Spalten überquert. Gesichert mit sieben bis acht Metern Seil zwischen uns waren wir nacheinander, immer vorsichtig, als wollten wir leise sein, um die Spalte nicht aufzuwecken, mit einem großen Schritt hinübergesetzt. Es war unsere erste Besteigung in dieser Gegend im Monte Rosa und wir kannten die Gipfel nicht. Der Lyskamm sollte es sein. Wir waren ja schließlich trainiert. Ein beeindruckender Berg, der uns beim gesamten Aufstieg von der Gniffetti Hütte seine weiße Wand entgegenhielt. Auf halber Höhe wandelte sich der Weg. Das breite Tal zwischen Ludwigshöhe, Parospitze und Lyskamm, das wir mit unseren Steigeisen aufgestiegen waren, endete auf einer schmalen Anhöhe und wir standen nun am Scheideweg. Die Gipfelbesteigung des Lyskamm konnte nur über den Grat erfolgen. Ich weiß, warum ich mich von ihnen getrennt habe, hier in dieser Schneewüste: die schlechte Sicht, der in Böen aufsteigende und abfallende Wind. Und mein Streit mit Wolf am Abend vorher. Ein ziehendes Gefühl in der Magengegend ist geblieben. Hier oben bin ich immer besonders empfindlich, als wäre meine Seele wund. Wolf muss irgendetwas gesagt haben, das mich bis ins Innerste getroffen hat. Ich weiß aber nicht mehr, was es war, will es nicht mehr wissen. Die Gedanken hier oben sind anders. Oder die Gefühle dazu. Nein, ich mache ihnen keinen Vorwurf, dass sie mich alleine zurückgehen ließen. Wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe, ziehe ich das durch, auch wenn es wider alle Vernunft ist. Das war schon immer so und so wird es auch bleiben, da kann mich niemand umstimmen.
Der Zorn kommt wieder hoch und die Tränen. Bevor ich nichts mehr sehe, springe ich.

About this photo: Title: Crevasse at Fox Glacier, Creator: Tristan Schmurr License Original source via Flickr

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Ingeborg Gleichauf: Poesie und Gewalt. Das Leben der Gudrun Ensslin

Das große Verdienst dieser Biographie liegt in der Absicht der Autorin, eine unverstellte Biographie zu schreiben. In der Einleitung stellt sie dar, wie wir in der Geschichte der RAF einer Mythenbildung aufgesessen sind, die durch Reproduktion von plakativen Behauptungen in einigen wenigen Werken mit hohen Auflagen aufeinander aufbauend die immer gleichen Bilder evoziert. Gleichzeitig gibt sie zu bedenken, wie schwer es ist, hier noch einmal archäologische Grundlagenforschung zu betreiben, wie unmöglich, hier vorurteilsfrei in die Auseinandersetzung zu gehen und doch, im Bewusstsein dieser Problematik, unternimmt sie eine sehr detaillierte Untersuchung, eine Reise in die Katakomben der Vor-RAF-Geschichte bei gleichzeitiger Zerlegung der Vor-Verurteilung durch Nach-RAF-Rezeption.

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Prosaminiatur: Dem Meer zugehörig

Marie-Tim wunderte sich und dachte zuerst, dass es eben Dinge gab, die bei anderen anders sind, so wie die Sprache. Die Webers von nebenan hatten diese runden, rollenden Laute im Mund. Und die Kinder, es könnte damit zu tun haben, dass zwei verschiedene Eltern die Kinder irgendwie nach ihren Ähnlichkeiten mit sich selbst aufteilen müssen. Es wurden dann aber immer mehr Buben, obwohl Frau Weber sich so viel um alle Kinder kümmerte. Das Kind verwarf diese Theorie wieder. Jedenfalls: es hatte diese Mutter und zwar ganz für sich allein und bei ihr konnte es sein, wer oder was immer es wollte. Und es spielte damit. Immer und immer wieder spielten sie sein Lieblingsspiel: die Mutter ist das Dornröschen. Sie fällt in einen tiefen Schlaf. Gabriele ließ sich kunstvoll niedersinken auf das Sofa, mit großer Geste, den Handrücken an die Stirn geworfen und einem jammervollen „OOOhhhh!“ Und „AAAhhh!“ knickten ihr die Füße weg, sie sank nieder und ließ, wie immer, einen Arm herunterhängen. Der tapfere Ritter schlug sich mit seinem Schwert durch die Vorhänge am Fenster, erreichte schnaufend ihr Lager und fiel ihr zu Füßen – beziehungsweise dahin, wo der eine Arm lag. Der Ritter machte zwecks der symbolischen Aufladung in der Luft ein Kreuz mit seinem Holschwert, legte es neben ihren Arm, nahm die Hand und küsste sie sachte auf den Handrücken.

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Jean Jacques Rousseau: Der Gesellschaftsvertrag

Nun sind doch die USA mit einer der ersten demokratischen Verfassungen von 1788 Vorreiter in der Etablierung von Gewaltenteilung. Wenn sich ein Politiker mit der Geschichte der Theorien zur Demokratie befasst, muss ihm eigentlich klar sein, dass Demokratieverständnis in allererster Linie Beschränkung der Macht von Einzelnen bedeutet.

Also noch mal zurück zu den Anfängen: einer der Urväter aufgeklärter Staatstheorien ist Jean Jacques Rousseau mit „Der Gesellschaftsvertrag – oder Prinzipien des Staatsrechts“
Gleich in seiner Einleitung stellt er klar, worum es ihm zu tun ist:

„Ich möchte untersuchen, ob es innerhalb der gesellschaftlichen Ordnung eine legitime und zuverlässige Regel für die Organisation des Staates geben kann, wenn man die Menschen so nimmt, wie sie sind, und die Gesetze so, wie sie sein könnten.“

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Prosaminiatur 2

Bei Webers kam nun ein Kind nach dem anderen. Marie-Tim schnappte eines Tages bei einem Gespräch zwischen Sophie Weber und der Mutter den Satz auf: „Ach, s’duat mer so leid, dass se a Kind verlora ham. Wenn se zamme aufwachset, isch halt scho sche.“

Marie-Tim dachte, sie hätte irgendwann ein kleines Bündel Baby aus Versehen, beim Einkaufen vielleicht, auf dem Markt oder so, irgendwo liegengelassen, oder es sei aus der Handtasche herausgekullert. Auch nach Tagen des Nachdenkens darüber „… dass Sie ein Kind verloren haben“; der Sinn dieser Worte erschloss sich nicht. Die Mutter merkte, dass das Kind ganz verstört alles im Haus auf den Kopf stellte. Was man verliert, muss man doch wieder finden können?

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Maria Braig (Hrsg.): Zu Hause in Deutschland – Gleiche unter Gleichen?

Im Verlag 3.0 – Buch ist mehr, wurden von Maria Braig schon mehrere Bücher veröffentlicht in der Reihe „ubuntu“– Literatur von und über Menschen, die von der Gesellschaft zu Außenseitern gemacht werden.

Die aktuelle Anthologie vereinigt als Textsammlung unterschiedliche Textformate zum Thema „Fremdsein in Deutschland“. Erfrischend lebensnah ist der einleitende Text von Carl Valentin zum Fremdsein. Allerdings, wenn er in all der Zeit – wahrscheinlich sind es fast hundert Jahre – uns immer noch an diesem Punkt berührt, wo uns bewusst wird, dass die Komik als Verkleidung eines ernsthaften Missstandes daherkommt, muss man sich schon fragen, ob und warum sich diese Verunsicherung durch den Fremden, die Angst vor dem Fremden, nie ändert.

Maria Braig hat die Textsammlung in zwei Teile aufgeteilt: „Angekommen“ mit Texten von Flüchtenden und „Angenommen“ mit Texten von den Angekommenen oder auch von immer schon Dagewesenen, die über die Unterschiede durch Hautfarbe, Ethnie, Religion sprechen, wie sie sich in ihrer Wahrnehmung auf die Erlebensmöglichkeiten auswirken.

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Prosaminiatur

Bildausschnitt aus meinem Erzählprojekt „Als würde alles nur so aussehen für die Kamera“

Das Aufgebot des Himmels

Das gesamte Aufgebot des Himmels stand Spalier für dieses Ereignis, die Wolken, die gelben Streifen, die Sonne, das Blau und das Dunkel. Riesige Wolkenhaufen standen sich gegenüber, bewegten sich nicht, warteten. Wind  kam auf, aus allen Himmelsrichtungen gleichzeitig, brachte ein Durcheinander in die Farben und Bewegung in die Haufen und Fetzen. Und dann kollidierten die Wolkenwände in einem solchen Getöse, dass Gabriele ihre Hände an die Ohren riss, um sie zu schützen. Das Donnerkrachen kam immer näher. Ein weiterer Blitz; sie zählte die Sekunden bis zum Donner: eins … zwei … drei. Das Gewitter war nahe. Ein stechender Schmerz nahm ihr die Luft. Mit beiden Händen krallte sie sich an der Tischkante fest. Schon wieder. Das helle Leuchten des Blitzes tat ihren Augen weh. Eins … zwei …. der Donner krachte mit einem Getöse, dass die Fensterscheiben zitterten. Etwas in ihrem Leib polterte mit Karacho gegen ihre Eingeweide. Und dann platzte es. Das Fruchtwasser rann ihre Schenkel hinab. Ein Schrei. Der Bauch wurde hart wie ein Stein. Sie ging in die Knie. Nun musste schnell gehandelt werden.

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Michael Krüger: Das Irrenhaus

Das Irrenhaus ist ein sehr unterhaltsamer Roman über einen Freizeitphilosophen, der durch eine Erbschaft in die glückliche Lage kommt, seinen Lebensunterhalt nicht mehr erarbeiten zu müssen. Und es ist ein Roman über die Verschrobenheit der Bewohner eines Mietshauses, beziehungsweise der Verschrobenheit des Erzählers, der ironisch den Ausschnitt jeder Wahrnehmung und der Interpretation von Anderen persifliert.

Der Verleger Michael Krüger schreibt virtuos, mit viel Leseerfahrung und dem Wissen um das Handwerk. Das Sujet ist bekannt: Der Protagonist schlüpft in die Rolle des Schriftstellers.
Überhaupt ist die Erzählung ein Rollenspiel. Sie erinnert mich an Max Frischs Gantenbein: „Ich probiere Geschichten an wie Kleider.“

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Heinrich von Kleist: Michael Kohlhaas

Brandaktuell: Die Rolle des Einzelnen gegen eine korrupte Gesellschaft, Gerechtigkeitsterrorismus und Selbstjustiz und die große Diskussion um das Widerstandsrecht gegen die vorherrschende Politik! Das macht einen Klassiker aus, dass er uns über die Zeit hinweg etwas zu sagen hat.

Eigentlich Gründe genug, um den alten Kohlhaas mal wieder auszupacken. Auf ihn gekommen bin ich aber ganz anders: über Dagmar Leupolds Roman „Die Helligkeit der Nacht“, in dem der verstorbene Heinrich von Kleist einen Briefwechsel mit Ulrike Meinhof phantasiert. Aber dazu an anderer Stelle mehr.

1802 erschien der „Michael Kohlhaas“ in einer Zeit, da die Versprechungen und Hoffnungen der französischen Revolution noch frisch, wenn auch schon enttäuscht waren. Kleist ist mit seinen Schriften bekannt dafür – man könnte sagen, im Sinne Jean Jacques Rousseaus – Kritik zu üben an der Gesellschaft, von der humanen Seite aus. Oftmals verkleidet er seine Kritik in Parabeln oder in Übertragungen auf historischen Stoff, wie z.B. bei der „Penthesilea“, oder eben auch dem „Michael Kohlhaas“, der zurückgeht auf einen überlieferten Fall aus dem 16. Jahrhundert.13605854045_0d7209a443_o

About this photo
·  Title Michael Kohlhaas 4 · Creator Eye Steel Film · License Original source via Flickr

 

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