George Orwell: 1984

Ein Klassiker erlebt eine Renaissance. Anfang des Jahres wurde diese Dystopie mit „Doppeldenk“ und „Neusprech“ vor allem in den USA wieder verstärkt rezipiert, was mit den Strategien Donald Trumps in Verbindung gebracht wurde. „Alternative Fakten“ kommen dem „Doppeldenk“ nach Orwell ziemlich nahe. Aber die eigentlichen Fragen, die hier bereits 1949 thematisiert wurden, gehen viel tiefer. Damals ging es um die Verhältnismäßigkeit zwischen Einzelnem und einem politischen System, das als Legitimation autoritär- diktatorischen Regierens das Wohl der Bürger auf seine Fahnen schreibt. Eine Frage, die Orwell in diesem Roman aufwirft: Was wird aus dem Menschen, wenn er für die Armeen nicht mehr benötigt wird? Für die Stabilisierung von Hierarchien braucht die Elite den Massenmenschen nicht mehr. Noch weiter, noch tiefer gehend zeigt Orwells Roman, dass wir uns durchaus unserer Selbst nicht sicher sein können. Am Ende steht als Frage im Raum: Wie viel bleibt übrig von dem, was wir „Selbst“ oder „Ich“ nennen, oder von einem „Willen“? Interessant an der Lektüre solcher Romane mit Modellcharakter sind natürlich immer auch die möglichen Übertragungen auf die Gegenwart, auf eine Zukunft: Welche Rolle spielt das Individuum in Zukunft, im Zuge der Entwicklungen in einer technisierten, von Daten gesteuerten Welt und wird nicht der gewöhnliche Mensch überflüssig?

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Boualem Sansal: 2084 – Das Ende der Welt

„Die Religion erweckt möglicherweise die Liebe zu Gott,
doch nichts führt stärker dazu als sie,
den Menschen zu verachten und die Menschheit zu hassen.“

Boualem Sansal, Preisträger des Friedenspreises des deutschen Buchhandels 2010 hat damals mit seiner Geschichte „Das Dorf des Deutschen“ einen Nerv der Zeit getroffen. Zwei Brüder mit francoalgerischer Herkunft in den Pariser Banlieues entwickeln sich vollkommen unterschiedlich, einer von beiden radikalisiert sich während der andere entsetzt die Mechanismen von Ideologisierung und Entmenschlichung zu analysieren versucht.

Boualem Sansal schrieb zu dieser Zeit, er träume von einem Algerien, in dem man in Freiheit leben könne. Nun ist sein aktueller Roman „2084 – Das Ende der Welt“ eine in die Zukunft verlegte Überzeichnung der schlimmsten Ängste, die man in Verbindung mit Ideologie und Entmenschlichung fantasieren kann. Ein Land, genannt Abistan, ist so vollkommen von der Außenwelt abgeschottet, dass seine Bewohner glauben, es gäbe nur ihr Land und jenseits seiner Grenzen würde die Welt aufhören. Es wird beherrscht von religiösen Ideologen. Kritiker haben schon darauf hingewiesen, dass Abi, der Entsandte, den niemand zu Gesicht bekommt, möglicherweise als Charakter Anleihen nimmt beim immer unsichtbaren Militärführer Algeriens Abd al-Aziz Bouteflika.

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