Christa Wolf: Kein Ort. Nirgends

Eine der Geschichten von Christa Wolf, die unvergessen und zeitlos bleiben, weil sie, sowohl historisch als auch politisch, auf mehreren Ebenen spielen.

Karoline von Günderode und Heinrich von Kleist sind sich in Wirklichkeit nie begegnet. Christa Wolf inszeniert einen Nachmittagstee einer illustren, avantgardistischen Gesellschaft um 1804, bei der sich die beiden Schriftsteller taxieren, gegenseitig vermessen, die gemeinsame Leidenschaft des Schreibens beschwören und ihre Unterschiedlichkeit im Leiden daran analysieren. Zwei Selbstmörder in einem Raum, die über gesellschaftliche Zwänge disputieren und über die Unmöglichkeit, im Schreiben einfach nur „genial“ zu sein.

Es sind Christa Wolfs Themen, die sie der Günderode in den Mund legt. Und wir erfahren einiges dabei über die Situation der Frau als Schriftstellerin um 1800 und erfahren indirekt etwas über den Zwang des „normierten“ Schreibens unter dem Regime der DDR. Wie sehr Christa Wolf als kreative Autorin darunter zu leiden hatte, erzählt sie in „Was bleibt“.

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Christa Wolf: „Was bleibt“

Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 1994, Erstausgabe 1990

25 Jahre Deutsche Einheit, ein guter Zeitpunkt um wieder mal zu fragen: „Was bleibt?“

Christa Wolf, nach Reich-Ranickis Einschätzung „Deutschlands humorloseste Schriftstellerin“, ist kurz nach der Wende mit dieser Erzählung an die Öffentlichkeit und damit ins Fettnäpfchen getreten. Ursprünglich 1979 geschrieben und nach dem Mauerfall erst überarbeitet und veröffentlicht löste die Erzählung einen großen Literarturstreit aus, in dem Christa Wolf und die gesamte DDR-Literatur auf den Prüfstand gestellt wurden.

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Gegenwartsliteratur DDR: Christa Wolf

„Worin besteht denn die Funktion unserer Literatur, als Ganzes betrachtet? Sie müsste klarmachen, wie bei uns endlich das gesellschaftlich Notwendige sich in Übereinstimmung befindet mit der tiefen Sehnsucht der Menschen nach Vervollkommnung, nach allseitiger Ausbildung ihrer Persönlichkeit; welch ein starker, unerschöpflicher Kraftstrom der sozialistischen Welt durch die Möglichkeit zufließt, diese tiefe Sehnsucht der Menschen zu befriedigen.“ (Christa Wolf, Popularität und Volkstümlichkeit, 1956)

Christa Wolf sah sich im Dienst an der Wahrheit und am Sozialismus auf dem Weg zur klassenlosen Gesellschaft. Vielleicht brauchte sie aus diesem Grund die Prosadichtung, um sich vom ideologischen, widerspruchslosen Schreiben zu befreien.

Die Intellektuellen befolgten die Parole „In die Betriebe“ und Christa Wolf war 1960 im Waggonbau Ammendorf in der Werkbrigade tätig. Hier entstand die Idee zu „Der geteilte Himmel“. In ihrer Erzählung ist den Arbeitern nichts wichtiger als Planerfüllung und Produktivitätssteigerung. Die Trennung eines Liebepaares durch die 1961 gebaute Mauer gibt der Erzählung schließlich ihre historische Dimension. Aber es wird so dargestellt, als wäre eine freie Entscheidung über Gehen oder Bleiben möglich, das Thema Republikflucht existiert nicht. In einer Rede bekannte sie sich zur Mauer als „antifaschistisch- demokratischem Schutzwall.“ Trotz allem: linientreue Kritiker waren entsetzt, es wurden ihr Individualismus, kleinbürgerliche Abweichungen und mangelndes Klassenbewusstsein vorgeworfen. In der BRD wurde das Buch von der neuen Stimme von drüben wohlwollend aufgenommen. Hier wurde für Christa Wolf bereits deutlich, dass ihr künstlerischer Anspruch nicht mit der geforderten politischen Repräsentanz in Einklang zu bringen war.

Wahrheit als das Wesen das Sozialismus war ihre Doktrin, doch schon früh bekam sie zu spüren, dass Wahrheitsanspruch und Parteidisziplin schwer vereinbar sind. Sie trat ein für Dialog und Meinungsaustausch: „Wenn ich nicht in der DDR gelebt hätte, sondern in Westdeutschland, dann weiß ich nicht, ob ich heute Sozialist wäre.“ Ulbricht: „Ich kann nicht zulassen, dass Skeptizismus propagiert wird, und dann in den Plan hineinschreiben, dass die Arbeitsproduktivität um 6% erhöht wird. Wenn wir die Propaganda des Skeptizismus zulassen, senken wir die Erhöhung der Arbeitsproduktivität um 1%. Skeptizismus, das heißt Senkung des Lebensstandards, ganz real, so wird bei uns gerechnet.“ Christa Wolf gehörte nun zu den kritischen Intellektuellen der DDR.

Trotzdem entbrannte in den 90ern ein heftiger Literaturstreit über Christa Wolfs Haltung und ihr Verbleiben in der DDR, trotz dass sie um die Machenschaften des Partei- Apparats bescheid wusste. In diesem Zuge wurde ihr gesamtes literarisches Schaffen noch einmal massiv in Frage gestellt.

In „Stadt der Engel“ schreibt sie zu dem Gedanken, wenn sie 1945 in den Westen gekommen wäre: „Ich wäre ein anderer Mensch geworden. (…) Ob ich geschrieben hätte, weiß ich schon nicht, denn zum Schreiben haben mich ja immer die Konflikte getrieben, die ich in dieser Gesellschaft hatte.“ (Christa Wolf, Stadt der Engel. S.242/43)

Schreiben in der DDR stand unter ganz anderen Vorzeichen (s.o. „Funktion der Literatur“). Idealismus und Ideologie entwickelten sich in konträre Richtungen. Gibt es für uns heute, lange nach dem Scheitern des DDR-Regimes Gründe, uns mit den Literaten als intellektuellen Repräsentanten auseinanderzusetzen?

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