Philosophische Zeitreise

Philosophische Zeitreise

Eine Einführung in die Geschichte des Denkens

 

Teil 1

Was haben philosophische Fragestellungen mit unserem Leben zu tun?

Eine ganze Menge! Für die Struktur unseres Denkens, für die Methoden des Schlussfolgerns, für die Wahrnehmung von Realität und die Konstruktion von Wirklichkeit beziehen wir uns auf philosophische Grundlagen.

Ein Beispiel: Das Schiff des Theseus

Das Schiff des griechischen Seefahrers Theseus ist nicht mehr seetauglich und muss ausgebessert werden. Es sollen alle nicht mehr ganz taufrischen Teile ersetzt werden, um es flott zu machen für eine wichtige Fahrt. Wir finden im Hafen zwei Trockendocks. Auf Dock A liegt Theseus’ Schiff und wird zerlegt, auf Dock B wird vom Schiffsbauer ein neues Schiff zusammengesetzt. Dem cleveren Schiffsbauer tut es leid um die alten Planken und er entwirft folgenden Plan:

–       Die Arbeitskolonne ersetzt jede alte Planke am Schiff des Theseus durch eine neue, die alte wird auf Dock B getragen und dort bereit gelegt für ein anderes Schiff.

–       Diese Arbeitsschritte werden so oft wiederholt, bis am Schiff des Theseus keine Planke mehr die alte ist, gleichzeitig ist auf Dock B ein neues Schiff aus den alten Planken entstanden in genau derselben Anordnung.

Welches der beiden Schiffe ist nun Theseus’ Schiff?

Hypothese A: Das Schiff auf Dock A, weil es das Ursprüngliche ist und Teile ersetzt wurden.

Grundlage: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. Auch wenn Teile eines komplexen Ganzen ausgetauscht werden, so bleibt doch das Wesen des Ganzen unangetastet.

Frage: Gibt es Abstufungen, ab wann das Ganze nicht mehr ein Ganzes ist?

Hypothese B: Das Schiff auf Dock B, da sich die ursprünglichen Teile alle in derselben Anordnung wie Theseus’ Schiff nun hier befinden.

Grundlage: Das Ganze ist die Summe seiner Teile. Es gibt kein von seinen Teilen unabhängiges Wesen des Ganzen.

Frage: Ist die Definition des Ganzen lediglich an seine Zusammensetzung und deren Anordnung geknüpft?

An diesem Beispiel wird deutlich, dass die Herausforderung darin besteht, abzuwägen und sich darüber klar zu werden, auf welche Grundlagen sich unsere Urteile gründen. Urteile aus dem Common Sense heraus werden schnell gebildet, ohne zunächst rational einen Begründungsgang aufzuschlüsseln. In der Argumentation wird dann deutlich, dass für jede Meinung Prinzipien vorausgesetzt werden, die einer Begründung bedürfen. Vor allem wird deutlich, dass Prinzipien als selbstverständlich angenommen werden und auf ihre Hinterfragbarkeit im Common Sense nicht überprüft werden. Erst in der diskursiven Auseinandersetzung stellt sich heraus, dass die Grundlegungen identifiziert werden müssen als Voraussetzungen, um sie dann hinterfragen und gegebenenfalls revidieren zu können.

In allen alltäglichen Urteilen finden wir Grundlegungen, Prämissen, die letztendlich im historischen Rückblick als gewachsene Setzungen zu bezeichnen sind, als Gedankenkonstrukte, die sich so entwickelt haben, die aber auch anders sein könnten. In Verflechtung mit vielerlei Formen von historischen Entwicklungen haben sich Merkmale des Denkens herausgebildet. Unsere Evolution, im Besonderen die Evolution des Gehirns und damit des „Geistes“ ist nicht interdependent mit Entwicklungen der Natur einhergegangen. Unsere Gehirnentwicklung und vor allem die entwickelten Denkstrukturen ist nicht zwangsläufig in seiner Form, in dieser Art und Weise, etwas Naturgegebenes. Manches hätte unter anderen Vorzeichen auch anders entwickelt werden können. Die Herausforderung einer Geschichte des philosophischen Denkens besteht daher darin, die Scheinbarkeit von Unhinterfragbarkeiten aufzudecken und sich der Potentialität – einer Potentialität jenseits des als selbsverständlich Angenommenen – bewusst zu werden und damit konstruktiv umzugehen.

Wo soll nun eine Einführung beginnen?

2. Teil

Es ergeben sich aus den ersten Überlegungen zunächst Definitionsfragen: Welches ist das Schiff des Theseus?

1. Ist Existenz ein materieller, messbarer Wert, oder gibt es einen ideellen Wert, ein Wesen der Dinge?

2. Was ist der Mensch? Und:

3. Was ist der Mensch im Verhältnis zu seiner ihn umgebenden Welt?

Die Pythagoreische Zahlenharmonie erklärt eine Grundstruktur menschlichen Denkens: eines Denkens der Teilbarkeit, der Aufteilungen und Differenzierung, z.B. zwischen Ich und Welt. Wir denken die Welt in Teilen. Und selbst der Mensch ist teilbar in verschiedene Einheiten, z.B. Seele – Geist – Materie. Und selbst die Seele ist bei Platon dreigeteilt in einen gehorsamen Teil, einen triebgesteuerten und einen Lenker und wenn der Lenker seine Aufgabe nicht vernünftig erfüllt, fällt die Seele auseinander und wird (zur Strafe oder als Aufgabe?) als Mensch geboren und muss wieder in Harmonie kommen.

Die Eins, die Einheit ist nach den Pythagoreern das Begrenzte, das Vollkommene, das Gute. Die Zwei ist das Unvollkommene, in ihr steckt Dualismus, das Denken in Gegensätzen, das Grenzenlose und Schlechte. Deshalb ist die Wiederherstellung der einheitlichen Harmonie so wichtig. Wir sagen heute noch: jemand ist eins mit sich.

Das Denken in Dualismen, horizontal und vertikal ermöglicht Vergleiche und bringt Wertungen mit sich. Unbewertetes Vergleichen bleibt horizontal, Wertungen verlaufen vertikal nach einem Schema der Unterordnung.

Kann gleichzeitig horizontal und vertikal gedacht werden, also gleichwertig nebeneinander und doch auf einer Stufenleiter emporsteigend?

Wenn der Mensch mit seiner Struktur der Betrachtung der Welt nicht das Maß aller Dinge sein kann, ist er allenfalls die Anmaßung.

Platon versucht über sein Höhlengleichnis den vertikalen Aufstieg zur Idee des Guten. Sein Bestreben dabei ist das Ziel, zu einem gemeinsamen Wissen zu kommen, das Ursache und Ziel des menschlichen Daseins ist. Das bedeutet, Platon glaubte an eine unveränderliche Wahrheit, die es zu erkennen gilt. Und dieses Erkennenwollen ist Naturanlage, ist die Sehnsucht der Seele nach ihrem eigentlichen Ursprung, ist Eros.

Aus der Zwei-Welten-Lehre Platons – die nicht ihre Trennung, sondern ihr Verbundensein erklären soll – ergeben sich eine Reihe vorläufiger Antworten auf die oben genannten Fragen:

  1. Es gibt ein ideelles Wesen der Dinge: die Idee.
  2. Der Mensch ist ein geteiltes Wesen, bestehend aus einer präexistierenden Seele und einem Leib. Die Seele ist unsterblich. Sie hat eine Aufgabe: das Gute zu erkennen und so wieder eins mit sich zu werden.
  3. Der Mensch ist etwas Getrenntes von seiner Welt. Er hat die Freiheit, sich auszubilden und seiner Existenz einen Sinn zu geben.

Nun sind die Platon’schen Überlegungen zunächst einmal Hypothesen und doch der Beginn einer Metaphysik als Wissenschaft. Erst viel später wird Kant die Frage stellen: Wie ist Metaphysik als Wissenschaft möglich? Doch schon Aristoteles setzt Ursache und Existenz in ein anderes Verhältnis. Welches ist nun nach Platon das Schiff des Theseus?

Teil 3
In der Auseinandersetzung mit der antiken griechischen Philosophie stellen sich grundlegende Fragen, die sich auf unser Leben hier und heute übertragen lassen:

–       Inwieweit ist Platons Ideenlehre Wegbereiter eines Asketismus, der das gute Leben ins Jenseits verlegt?
–       Wenn der Mensch über das logische Denken, über Wissen zum Glück kommen soll, warum ist das Glück bei Platon nicht hier und jetzt zu finden?
–        Im Vergleich mit seinem Schüler Aristoteles ist hier bereits zu sehen, wie stark sich die Philosophie mit ihrer eigenen Geschichte, bzw. dem vorher Gedachten befasst.

Die nähere Beschäftigung mit der Aristotelischen Tugendethik wirft ebenfalls eine Reihe von Fragen auf, die übertragbar sind auf Gegenwartsproblemfelder:
–       In der Auseinandersetzung mit unseren Wirtschaftssystemen: wie viel Ethik braucht die Ökonomie?
–       Welche Bedeutung haben für uns heute materielle Güter im Vergleich zu übergeordneten „Werten“?
–       Ist die Auseinandersetzung um die Vorrangstellung des Empirischen oder des Metaphysischen immer noch ein Thema?

Teil 4

Römisch- Hellenistische Philosophie nach Aristoteles

Bei den Stoikern taucht zum ersten mal, in Bindung an das große Ganze, der Pflichtgedanke als notwendig zu erfüllender auf. Diese Pflicht geht so weit, dass alle Affekte und Leidenschaften ausgeblendet werden aus einem Leben, das sich dem Weltganzen einfügt und das an-strebt, was die Vernunft gebietet. Die Zweiteilung Vernunft – Sinnlichkeit bei gleichzeitiger Diskreditierung alles Sinnlichen findet hier ihre Grundlegung als ethischer Dualismus. Erkenntnistheoretisch: keine Erkenntnis aus sinnlicher Wahrnehmung, Vernunft ist göttlich!

Bei Epikur gibt es keine erste Ursache, keine präexistente Weltvernunft. Seine Beobachtung des Vernunftwidrigen im Menschen veranlasst ihn dazu, eher nicht an ein übergeordnetes Vernunftgebot zu glauben, das unabhängig vom Menschen existiert, sondern vernünftig ist das, was der Mensch als vernünftig erklärt. Und das ist seiner Meinung nach ein Leben ohne Furcht (vermeide Unlust). Was Angst macht ist die Religion und der Tod.

Epikurs Anliegen war, die moralische Verantwortlichkeit zu retten. Dies steht den späteren Interpretationen einer individualhedonistischen Auslegung des Epikureismus entgegen.

Was haben wir bei Epikur falsch verstanden, wenn wir behaupten, es gehe ihm um die Lust?

Teil 5

Immanuel Kant

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.“

Für alle unsere Vorstellungen ist eine Voraussetzung das Kausalitätsprinzip und unser Dasein in der Zeit. Wenn diese Prinzipien aber nur Ideenbeziehungen sind, muss neu gefragt werden, wie Erkenntnistheorie funktionieren kann. Deshalb fragt Kant: Wie ist Metaphysik als Wissenschaft möglich? Ist Zweckmäßigkeit oder eine Ordnung der Natur nur eine Vorstellung des menschlichen Geistes? Bildung des Verstands wird zu einem Forderungspostulat. Ein deontologischer (auf ein Sollen bezogener) Bildungsansatz muss die Frage nach Prinzipien stellen. In diesem Sinne versucht Kant, wie Descartes, herauszufinden, was als unbedingt, a priori, aller Erfahrung vorausgehend, als gültig erachtet werden kann. Wenn es ein Prinzip gibt, das diesen Anspruch erfüllt, dann ist dies ein kategorischer (unbedingt gültiger) Imperativ (Pflichtgebot).

Die Vollendung des Menschen liegt in einer veredelten Natur, die das Sittengesetz, den Kategorischen Imperativ, in ihren Willen aufgenommen hat. Dazu untersucht Kant in der „Kritik der reinen Vernunft“ zunächst das Vernunftvermögen und seine Begriffe. Alle Erkenntnis ist Vernunfterkenntnis.

Erst 150 Jahre später wird massiv Kritik geübt an diesem Postulat von Horkheimer und Adorno mit der „Dialektik der Aufklärung“, eine Kritik an der Durchrationalisierung der Welt:

http://www.zeit.de/1984/11/die-dialektik-der-auklaerung

6.ter und letzter Teil

Die Auseinandersetzung mit Friedrich Nietzsche, dem „Philosoph mit dem Hammer“, der als Zertrümmerer überkommener Werte und der Wucht der Erkenntnis, dass die Welt ohne Sinn sei, und die Beschäftigung mit Karl Popper, der Erkenntnis nur als Folge von Gewohnheiten stehen lässt und die Wissenschaft zu einem endlosen Ratespiel ohne letztgültige Beweise degradiert (wir wissen nur, was wir nicht wissen, denn die einzig mögliche wissenschaftliche Erkenntnis besteht darin, dass sich eine Theorie als falsch erwiesen hat) führt am Ende dieser Reise durch einige Eckpunkte der Philosophiegeschichte zur Infragestellung allen Wissens, auch zur Infragestellung der Philosophie als Wissenschaft mit Erkenntnisanspruch.

Wie ist Philosophie dann noch möglich?

Doch das ist ein anderes Thema…

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5 Kommentare zu „Philosophische Zeitreise

  1. Mir erscheinen beide Hypthesen, A und B, nicht schlüssig, da hier voraussgesetzt wird, dass die Realität (das SEIN) bzw. das Wesen, hier Planken bzw. das Schiff als Ganzes, messbar und klassifizierbar sind/ist. Dies mag in Frage gestellt werden; siehe Exkurs in die Quantenmechanik, Stichwort „Komplementarität“.
    Um bei der Geschichte des Theseus zu bleiben, die Diskussion der Hypothesen ist von dem zu grunde gelegten Weltbild und weiter von dem Umfeld (in der die Diskussion stattfindet) abhängig, und können nicht abschließend beantwortet werden.

  2. Link: http://de.wikipedia.org/wiki/Kopenhagener_Deutung
    Buchtipp: Josef M. Jauch, „Die Wirklichkeit der Quanten – Ein zeitgenössischer galileischer Dialog“, Hauser 1973
    In verständlichen Worten (aus; Nathalie Knapp, Der Quantensprung des Denkens, rororo 2011, S.85): Komplementarität: …“besagt, dass Wellen- und Teilchennatur verschiedene Perspektiven ein und deselben Geschehens sind, die sich gegenseitig ergänzen, die aber niemals gleichzeitig beobachtet werden können…In Wirklichkeit ergänzen sie einander und bilden ein Ganzes.“

    Nachdem der verehrte Theseus mich veranlasst hat, den längst vergessenen Josef M.Jauch wieder zu lesen (siehe Buchtipp) komme ich nicht umhin, die Schlussfolgerung daraus zu zitieren (S. 11): „…dass nämlich das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile und…“ – ist das nicht die Hypothese A???

  3. Nach der Komplemantaritätstheorie können Raumzeitdarstellung und Kausalitätsforderung nicht gleichzeitig erfüllt sein, wir können nicht Ort und Impuls an einem _Quantenobjekt_ gleichzeitig messen. Dies bezieht sich auf die kleinsten Teilchen.
    Was aber aus der Quantenphysik daraus abgeleitet wurde ist die Beobachtertheorie, die auch auf andere Objekte anwendbar ist: Was beobachtet worden ist, existiert, was nicht beobachtet worden ist, existiert und existiert nicht. (siehe Schrödingers Katze: http://www.welt.de/wissenschaft/article118912805/Wie-Erwin-Schroedingers-Katze-zu-Weltruhm-kam.html)
    In unserem Fall haben wir uns auf die Materie als ortsgebundene entschieden. Wir sehen, dass sie zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort existiert, was aber in der Definitionsfrage: Welches ist das Schiff des Theseus? nicht unbedingt weiterführt, denn die Frage lautet immer noch: Ist Existenz ein materiell meßbarer Wert, oder gibt es einen ideellen Wert, ein „Wesen “ der Dinge, unabhängig von Ort und Zeit, Impulsmessung oder materieller Zusammensetzung?

  4. …einverstanden – Danke!
    So dann
    1/ Mit Theseus sind bestimmte Eigenschaften verbunden, z.B. er zieht in den Krieg gegen die Perser oder aus aktuellem Anlass, er versorgt hungernde syrische Kinder mit Lebensmittel, so wird das Schiff in Dock A immer sein Schiff bleiben bzw. der Betrachter wird immer auf Dock A das Schiff des Theseus sehen. 2/ Weiter, Materie (Planken) ist veränderlich und zeitlich begrenzt. Platon würde das Schiff in Dock B als Phänomen beschrieben haben.

    Auch wenn nun Hypthese A die als naheliegenste eingestuft wird, es bleiben Restbedenken, da die Existenz (Schiff mit und ohne Theseus) zwar ein messbarer Wert ist, gleichwohl mit „versteckten“, zeitlich veränderlichen Variablen. Unter der Annahme, dass Thesus selbst und niemand sonst anders weiss, warum er auf’s Meer segelt (ohne jeglichem Sinn), bleibt Hypothese A begründbar?
    „…gibt es einen ideellen Wert, ein Wesen der Dinge, unabhängig von Ort und Zeit…
    Ja, es gibt ihn wohl, aber ich kann das „warum“ nicht formulieren, eine zeitlich und räumlich konstante Basis ist schwer zu finden (bleibt uns nur Schrödingers Katze???) – Raum für weitere Diskussion in Ulm?

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