Max Horkheimer – Kritische Theorie

1. Teil
Sozialphilosophie als „Kritische Theorie der Gesellschaft“

In den Sechziger Jahren wurde der herrschende Grundkonsens zu Fragen nach der Verteilung von Macht und Privilegien, von Eigentum und Freiheit in Form einer politischen und gesellschaftlichen Krise in Frage gestellt. Die jungen Studenten knüpften an die Bemühungen des Instituts für Sozialforschung und deren in den 30er Jahren entwickelten „Kritischen Theorie“ an. An den Pranger gestellt wurden die grundsätzlichen Widersprüchlichkeiten des westlichen Wirtschaftssystems, die strukturellen Zusammenhänge zwischen ökonomischer, politischer und soziokultureller Handlungsebene. Aus der Kritischen Theorie ließen sich trefflich Argumente zur Opposition gegen die herrschenden Verhältnisse ableiten.

Horkheimer als früher Vertreter der Kritischen Theorie hat keine kanonisierbaren Gesetzmäßigkeiten entwickelt und Dogmatismus abgelehnt. Seine Vorgehensweise ist zunächst eine Analyse, die kritische Fragestellungen aufwirft. Die Kritische Theorie versteht sich als interdisziplinär entwickelte Theorie, die versucht, das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft und die dem vorausgehenden Strukturen von Gesellschaft zu analysieren, ohne daraus eine weitere rein philosophische Theorie abzuleiten.

Zunächst einmal möchte das Institut für Sozialforschung die Strukturen für Arbeiter und Angestellte in Deutschland untersuchen, später soll dies auch auf andere Länder und vergleichbare Schichten ausgedehnt werden. In der Strukturanalyse gehört das Problem von Autorität und Familie als konstitutiver Grundlage zu einem Untersuchungsbereich (siehe Aufsatz 1936: Autorität und Familie). Ebenso wesentlich ist die Auseinandersetzung zwischen Materialismus und Metaphysik (im gleichnamigen Aufsatz von 1933), wobei Horkheimers Anliegen auf die materialistische Verbesserung der Verhältnisse zielt, denn: „Nie stand die Armut der Menschen in einem schreienderen Gegensatz zu ihrem möglichen Reichtum als gegenwärtig, nie waren alle Kräfte grausamer gefesselt als in diesen Generationen, wo die Kinder hungern und die Hände der Väter Bomben drehen.“ (ebd.)

Auch in Fragen der Moral verhält sich der Horkheimer’sche Materialismus eindeutig an antiidealistisch, wenn er den Kant’schen guten Willen als „idealistischen Wahn“ abqualifiziert und behauptet, alle Moral sei „eine Lebensäußerung bestimmter Menschen.“ (Max Horkheimer: Kritische Theorie. Eine Dokumentation. 2 Bd. Hrsgg. v. Alfred Schmidt. Frankfurt, 1968, Bd.1, S.91) Hier setzt nun Horkheimer, durchaus in der Tradition von Kant, Moralität in Zusammenhang mit Freiheit, allerdings genügt nicht eine ideelle Freiheit des selbstverantwortlichen Individuums, um zur Moralität zu gelangen, sondern die materialen Voraussetzungen sind die Bedingungen für die Entwicklungsmöglichkeit hin zu Freiheit und Moralität. Das bedeutet, zumindest die Gleichheit der Entwicklungschancen und der Lebensbedingungen ist moralische Grundforderung der Kritischen Theorie im Sinne von verwirklichter Gerechtigkeit und in diesem Zusammenhang Abschaffung unnötiger Ungleichheit.

Horkheimers Materialismus bezieht sich auf das grundsätzliche Glücksverlangen des Menschen, das keiner weiteren Begründung bedarf. Um die Zusammenhänge in ihren Widersprüchlichkeiten darzustellen, bedient sich Horkheimer des Freud’schen Vokabulars, wenn er in „Egoismus und Freiheitsbewegung“, 1933, eine ökonomische Geschichtsentwicklung darlegt, die selbst in den zunächst auf das Allgemeinwohl bezogenen Freiheitsbewegungen immer wieder die Strukturen vom Ersetzen einer Machtinstanz durch eine andere aufdeckt.

Die Menschen selbst sind nach Horkheimer die Produzenten ihrer Lebensform. Auch das erkennende und analysierende Individuum ist jedoch immer Teil seiner Gesellschaft und kann sie nur innerhalb dieses Rahmens wahrnehmen. Wenn die Gesellschaft als Ganze der Gegenstand der Kritischen Theorie sein soll, bedürfte es demnach eines Blickes von außen. Dies umgeht die Kritische Theorie, indem sie sich durchaus selbst als Bestandteil der zu analysierenden Gesellschaft begreift und sich trotzdem zur Aufgabe macht, die gegenwärtige Gesellschaft zu erforschen, ihre Funktionsmechanismen offenzulegen, mit der Zielsetzung, auf eine bessere Gesellschaft, auf bessere Verhältnisse hinzuwirken. Man kann sogar soweit gehen, einzuräumen, dass die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse die Kritische Theorie als immanente hervorgebracht haben, als dialektische Form der Auseinandersetzung mit sich selbst.

Horkheimer geht es immer um Theorie und Praxis. Es darf dabei aber nicht fehlinterpretiert werden, Theorie und Praxis seien identisch. Die Theorie begibt sich hier in eine oppositionelle Position und formuliert Ansprüche für eine neue Praxis.

Insofern: jederzeit lohnenswert und eine Herausforderung für Denken und gesellschaftliches Sein. „… denn es kömmt darauf an, sie zu verändern.“ (Karl Marx)

 

2.Teil
Max Horkheimer: Traditionelle und Kritische Theorie (1937)

Theoriebildung ist der Innbegriff vom Finden von Gesetzmäßigkeiten zu einzelnen Fachbereichen. Je allgemeingültiger ein Lehrsatz, desto besser. Ziel der Physiker ist es, die eine Weltformel zu finden, die die ganze Entstehung unter sich zu fassen vermag. „Als Ziel der Theorie überhaupt erscheint das universale System der Wissenschaft.“ (205) Dabei ist eine Bedingung die Widerspruchslosigkeit innerhalb von Theorien. „Ob nun aber die höchsten Prinzipien durch Auswahl, durch Wesensschau oder durch reine Festsetzung gewonnen werden, bedeutet hinsichtlich ihrer Funktion im idealen theoretischen System keinen Unterschied.“ (209) Es zählt nur die Brauchbarkeit für die Hypothesen. Eine bestimmte Logik, geprägt durch die Naturwissenschaften, ist Vorbedingung für Wissenschaftlichkeit. Der Wissenschaftler ist durch das System gezwungen, das Bestehende zu reproduzieren, selten werden Theorien durch neue Erkenntnisse ersetzt, meist geht es allenfalls um Hinzuzufügendes. Dementsprechend, so kritisiert Horkheimer, entspricht Wissenschaft und die Tätigkeit des Gelehrten der Struktur der Arbeitsteilung in der Gesellschaft: auch die Wissenschaftszweige „sind Momente des gesellschaftlichen Produktionsprozesses.“ (214)

Horkheimer erklärt, wie sehr die Wahrnehmung des Einzelnen davon abhängig ist, sich zu definieren in einer Umwelt, die sich gestaltet aus „Faktizitäten“. Der Einzelne ist dabei immer Teil der Produktion dieser gesellschaftlichen Praxis (ob er sich dessen bewusst ist oder nicht).

„Die Menschen sind nicht nur in der Kleidung und im Auftreten, in ihrer Gestalt und Gefühlsweise ein Resultat der Geschichte, sondern auch die Art, wie sie sehen und hören, ist von dem gesellschaftlichen Lebensprozess, wie er in den Jahrtausenden sich entwickelt hat, nicht abzulösen.“ (217) Die sinnliche Aufnahme von „Wirklichkeiten“ ist Teil eines entwickelten Ordnungssystems.

Die traditionelle Wissenschaft bedient hierin eine gewisse Nachfrage. Sie gehört zum ökonomischen Gesamtprozess und erzeugt Ergebnisse, für die es einen Bedarf gibt. Die kritische Theorie dagegen hat immer im Blick, dass die Trennung zwischen Individuum und Gesellschaft zu relativieren ist. Die gesamte Wirtschaft und Kultur ist das Produkt des Zusammenwirkens in Abhängigkeiten. Tatsachen und Theorien sind das Ergebnis von sozialen Bedingtheiten. Insofern wird hier Wissenschaft zur Untersuchung der Gestaltbarkeit von Theorie und Lebensverhältnissen. Das kritische Denken hat das gesellschaftliche Ganze zum Subjekt.

Die Gesellschaft fordert das Individuum auf, sich zum Zweck des Ganzen zu machen. Dabei hat sich in der bürgerlichen Gesellschaft eine Ordnung entwickelt, deren Dynamik „verwandelt sich in Unfruchtbarkeit und Hemmung. Die Menschen erneuern durch ihre eigene Arbeit eine Realität, die sie in steigendem Maße versklavt.“ (229)

 

3. Teil
Traditionelle und Kritische Theorie (1937), 2.Teil

Das Denken des Intellektuellen gehört mit zur Entwicklung der Massen. Dabei darf der Intellektuelle der Kritischen Theorie nicht die Vorstellungen einer Klasse vertreten, sondern muss sich um den historischen Prozess der Emanzipation bemühen, d.h. sein kritisches Augenmerk immer auf das Bestehende richten, im Bemühen um Verbesserung der Verhältnisse. Die Leistung eines Theoretikers bemisst sich nach Horkheimer daran, inwieweit Menschen nach seiner Theorie sprechen und handeln. Ziel eines solchen Theoretikers ist eine Gesellschaft ohne Unrecht. Dabei kann er sich durchaus partiell im Gegensatz zu den proletarischen Ansichten befinden.

„Es gibt keine Theorie der Gesellschaft, auch nicht die des generalisierenden Soziologen, die nicht politische Interessen mit einschlösse,…“ (239) Es gibt keine echte Überparteilichkeit, aber das Bemühen eines liberalen Geistes, sich von Machteinflüssen so weit frei zu machen, dass er die Wechselverhältnisse der herrschenden Kräfte erkennt.

Die traditionelle Theorie definiert Allgemeinbegriffe (nach S.241). Dabei werden, ohne zeitliche Unterschiede, Hierarchien aufgestellt. Auch die Kritische Theorie beginnt mit Abstraktionen, bezieht sich aber immer auf ihren jeweiligen historischen Standpunkt. Ihr System der Begrifflichkeiten bezieht sich auf das gesellschaftliche System. Die Dynamik der gesellschaftlichen Wirklichkeit vergleicht Horkheimer mit dem Stoffwechsel von Pflanzen und Tieren (nach S242). Zusätzlich müssen dann zur Gesellschaftsanalyse weitere Bestimmungen hinzugefügt werden, die die Kenntnis von Mensch und Natur erfordern.

„Die kritische Theorie der Gesellschaft beginnt also mit einer durch relativ allgemeine Begriffe bestimmten Idee des einfachen Warentausches; unter Voraussetzung des gesamten verfügbaren Wissens, der Aufnahme des aus fremden und eigenen Forschungen angeeigneten Stoffes wird dann gezeigt, wie die Tauschwirtschaft bei der gegebenen und sich freilich unter ihrem Einfluss verändernden Beschaffenheit von Menschen und Dingen (…) notwendig zur Verschärfung der gesellschaftlichen Gegensätze führen muss, die in der gegenwärtigen geschichtlichen Epoche [1937: >>Situation<<] zu Kriegen und Revolutionen treibt.“ (243)

Zur Erläuterung von Horkheimers Definition der Kritischen Theorie als Existenzialurteil liefert Alex Demirovic in seinem Artikel eine Erklärung, die sowohl Umfang als auch Bereiche der Kritischen Theorie definiert, siehe Hervorhebung:

Die Kritik als Existenzialurteil von Alex Demirović: Kritik und Wahrheit. http://www.grundrisse.net/grundrisse26/KritikundWahrheit.htm
„Seit Marx betrifft die Kritik ebenso den Gegenstand wie die Kategorien, in denen die handelnden Menschen ihre gesellschaftliche und natürliche Welt gestalten. Die Kategorien sind ein Aspekt der gegenständlichen Welt, die kritisiert wird. Marx versteht seine Arbeit nicht als Kritik einzelner Theorien, sondern der ökonomischen Kategorien, die objektive Gedankenformen sind, in denen die Akteure ihre Handlungen denken, ausarbeiten, vollziehen. Deswegen kann die Kritik zugleich Darstellung des Systems der bürgerlichen Ökonomie und „durch die Darstellung Kritik desselben“ sein (Marx an Lasalle, 22.2.1858). Das ist ein Theorieprogramm, das nicht nur auf die bürgerliche Ökonomie beschränkt bleiben kann, sondern gleichermaßen auch für die Kategorien des Politischen und des Kulturellen gilt. (…)Die Theorie begreift die Kategorien als Erfahrungen der Individuen, als Praktiken. Kritisch ist sie, weil sie, wie Max Horkheimer darlegt, ein „einziges entfaltetes Existenzialurteil“ ist (vgl. Horkheimer 1937, 201). Die theoretische Analyse schließt auch die Aussage ein, dass es bestimmte Verhältnisse und Praktiken nicht geben sollte. Die kritische Theorie begreift sich als Teil der gesellschaftlichen Arbeitsteilung, also als ein Moment in einem Prozess, der die materielle Welt in ihrer Gesamtheit von Gegenständen, sinnlichen Erfahrungen und Kategorien umfasst und gestaltet. (…) Die Kritik ist ein Verhalten, das die Kategorien, die Sinne, die Leidenschaften umfasst. (Hervorh. d. Verf.)

Nach Horkheimer stellt es für den Menschen eine Notwendigkeit dar, sich vom „Zwang der Natur und den zur Fessel gewordenen Formen des gesellschaftlichen Lebens“ zu befreien. (247) Dazu bedarf es eines erkennenden Subjekts und seiner willensmäßigen Anstrengung. Notwendigkeit als Begriff ist dabei selbst kritisch zu betrachten, denn die vorgestellte Notwendigkeit ist zwar eine nichtexistierende, darf aber auch keine idealistische sein, sondern muss auf ihre Verwirklichung zielen. Hier bringt er wieder den Theorie- Praxis Dualismus in die Diskussion, der nach cartesianischer Kategorisierung eine oppositionelle Struktur hat. Die Kritische Theorie will ihre Verwirklichung in der Praxis und ist darauf angelegt, „Die menschliche Existenz grundlegend zu verbessern“ (250). Dadurch wird sie für Horkheimer zur „fortgeschrittenste(n) Gestalt des Denkens in der Gegenwart“ (249).

Das Existenzialurteil ist aber auch ein ständig sich verändern müssendes, weil die Theorie immer in Zusammenhang steht mit ihrer jeweiligen historischen Situation. Die Gesellschaft, die sozialen Verhältnisse, die Kultur sind nur im Zusammenhang zu verändern, weil Gesellschaft ein dynamisches Ganzes ist.

Individuen sind zu Medien der ökonomischen Dynamik geworden und diese Dynamik findet immer mehr Formen. In diesem Zusammenhang muss sich die Theorie laufend neuen Anforderungen stellen: „Dieser Einfluss der gesellschaftlichen Entwicklung auf die Struktur der Theorie gehört zu ihrem Lehrbestand.“ (255) Deshalb gibt es auch keine klar definierten Kriterien für die Kritische Theorie, außer das „mit ihr selbst verknüpfte Interesse an der Aufhebung des gesellschaftlichen Unrechts.“ (259)

4. Teil
Vernunft und Selbsterhaltung (1942)

Der Begriff der Vernunft ist der Begriff, auf dessen Verständnis die Struktur der Gesellschaft beruht. Die Ideen, die damit verknüpft sind, sind die der Freiheit, Gerechtigkeit und Wahrheit (nach S.271). Die Philosophie des Bürgertums ist eine rationalistische, die ihre Ordnung auf Vernunft gründet. Nach Horkheimer ist dieser Vernunftbegriff aber einer, der anstatt Freiheit Kalkulierbarkeit als vernünftig begreift. Damit ist der ursprüngliche Vernunftbegriff pervertiert und seiner eigentlichen Bedeutung entfremdet.

Die Fähigkeit der Vernunft, zwischen dem, was außerhalb des Bewusstseins existiert und was Teil des denkenden Bewusstseins ist, hat an Bedeutung, auch in der Philosophie, verloren. Die Vernunft reflektiert nicht mehr, wie bei Kant, über ihre eigenen Grenzen und über die Möglichkeiten der Erkenntnis über die „Dinge an sich“. Somit ist sie gefangen in den selbst gesetzten Strukturen. Rationalistische Metaphysik ist hinfällig, alleiniges Ziel ist nach Horkheimer „zweckgerichtetes Verhalten“ (273). „Ihre Bestimmungen, in eine zusammengefasst, sind die optimale Anpassung der Mittel an den Zweck, das Denken als arbeitssparende Funktion.“ (274)

Was Horkheimer schon in früheren Aufsätzen kritisiert: es wird behauptet, die Zwecke seien der Natur des Menschen entsprechend. Und somit wird der Zweck zum gesellschaftlichen Nutzen. Er unterstellt bereits den Griechen einen wegweisenden Pragmatismus, indem bei Sokrates, Platon und Aristoteles das Schöne und Gute in eins gesetzt wurden, das Gute ist auch das Nützliche. Die politischen Strukturen sehen bereits hier vor, das Nützliche für das Gesamte an erste Stelle zu setzen und für das Gute zu erklären. „Wer unter Menschen leben will, muss den Gesetzen gehorchen. Darauf läuft die weltliche Moral des Abendlandes hinaus.“ (275) In der Schlussfolgerung muss sich der Einzelne aus vernünftigen Gründen den Interessen der Gesamtheit unterordnen, was einen freiwilligen Triebverzicht verlangt. Allerdings, kritisiert Horkheimer, waren die Benachteiligten immer schon von den Vorzügen des Gesamten ausgeschlossen, was bedeutet, ihr Triebverzicht ist nicht zu ihrem Nutzen, sondern nur zum Nutzen einer Gesamtheit, von der sie nichts haben. Die Bürger konnten für sich eine rationale Zivilisation begründen, ihr Selbstinteresse verwirklichen, durch die Klassenspaltung haben wir es aber nicht mit Strukturen zu tun, die die Interessen der Massen widerspiegeln. Die Berufung auf eine „Allgemeine Vernunft ist damit verlogen.

„Wenn nach dem liberalen Zwischenspiel die ökonomischen Tendenzen einmal soweit fortgeschritten sind, dass nur die Monopole übrig bleiben, sind diese imstande, die bürgerliche Teilung der Gewalten, das Gewebe von Garantien und Menschenrechten vollends zu zerreißen.“ (284)

Horkheimer analysiert hier auf den Faschismus hin: jedes System der Herrschaftssicherung verlangt „vernünftigerweise“ die Einordnung unter das Gesamte. Die gesellschaftliche Ordnung setzt ihre Werte und macht jeden zum Handlanger, bis er selbst zum Opfer wird. In diesem Sinne entspricht der gegenwärtige Gebrauch der Vernunft einer Missachtung des ursprünglichen Begriffs, denn die Autonomie des Individuums ist untrennbar mit der Vernunft verknüpft.“ Der Zerfall der Vernunft und der des Individuums sind eines.“ (285) Selbsterhaltung ist nicht mehr an vernünftiges Denken gebunden, das aus dem Selbsterhaltungstrieb eine Form von Soziabilität entwickelt. Die Selbsterhaltung innerhalb gesetzter Strukturen fordert Unterwerfung, wovon die Unterordnung unter die ökonomischen Strukturen die größte Autorität besitzt. Die Vernunft des Faschismus ist eine moralfreie Vernunft, die sich absolut setzt. Jeder, der außerhalb steht, hat keine Existenzberechtigung.

„Die neue, die faschistische Ordnung ist die Vernunft, in der Vernunft selber als Unvernunft sich enthüllt.“ (299)

In seinem späteren Werk „Dialektik der Aufklärung“, mit Adorno zusammen, beschreibt Horkheimer ausführlich, den „Rückfall in die Barbarei“ als Folge mit Vernunft begründeter Selbstzerstörung.

Zu Beginn der Entwicklung der Kritischen Theorie in den 20er Jahren richtete sich die Kritik gegen die bürgerliche Gesellschaft. Der Marxismus bildet hier die Grundlage als Methode zur Erforschung der gesellschaftlichen Verhältnisse. Man kann Horkheimers philosophische Arbeit in vier Phasen einteilen: eine Vorkritische Phase, die Frühzeit der Kritischen Theorie, die Jahre der Emigration und die Spätphilosophie. Gerade während der Emigration ist die Philosophie gezeichnet vom schwerwiegende Zweifel an der Vernunft, beziehungsweise der Analyse der Instrumentalisierung der Vernunft zu barbarischen Zwecken. Später richtet sich die Kritische Theorie gegen die technisierte Welt, gegen die vollautomatisierte Gesellschaft. Perfektionierung und Automatisierung verhindern die Entwicklung menschlicher Fähigkeiten, verhinderten auch Erlebnis- und Genussfähigkeit. Dabei bleibt die Kritik in erster Linie pessimistisch, indem sie Missstände aufzeigt, aber nicht konkrete Alternativen formuliert.

„Vielleicht können wir den Gang der Welt nicht ändern, aber wir können jedenfalls das tun, was uns als Einzelnen möglich ist.“ (Gesammelte Schriften 13, S.150f)

Dabei bleibt immer die Praxis Bestandteil der Wirklichkeitserkenntnis, die praktische Vernunft wirkt auf die theoretische Vernunft.

 

1967 erscheint „Zur Kritik der instrumentellen Vernunft“. Die Erfahrung mit den Staaten, die sich kommunistisch nannten führte dazu, dass Horkheimer zwar nach wie vor den Marx’schen Kategorien Bedeutung zumisst, sie reichen aber zur Erklärung der Entwicklungen nicht mehr aus. Er verhindert sogar eine zeitlang die Neuauflage seiner Frühschriften.

In der Spätphilosophie setzt er sich in seiner Kritik vor allem mit dem „Positivismus“ auseinander, mit einer bedrohlich einseitigen Interpretation durch rein empirische Methoden, die nicht mehr über sich selbst hinauszublicken vermögen. Was immer noch, wie in den Frühschriften ein Hauptthema darstellt, ist die Entfremdung des Menschen von sich selbst.

 

 

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