Jedem sein Universum

Studium Generale WS 2016/17

Jedem sein Universum –
Wege der Philosophiegeschichte zur Frage nach dem Sinn

Literatur im Fenster e.V.
Schloß 1
88316 Isny

verantwortlich für den Inhalt:
Dagmar Eger-Offel

 

Inhalt

  1. Einleitung: Auf der Suche nach der richtigen Frage
    Warum stellen sich Menschen überhaupt die Frage nach dem Sinn?
  1. Platons Phaidon und Politeia
    Erklärung von Ursprung und Ziel
    Frage: Was ist das Erstgültige und was das Letztgültige?
    Aristoteles
    Das Leben hat ein Ziel: Die Glückseligkeit
    Frage: Was ist das Gute Leben?
  1. Epikur
    Sinn liegt in der Überwindung von Angst und Schmerz
    Frage: Was befreit von Angst und Leid?
  1. Thomas von Aquin
    Das Seiende und das Wesen
    Frage: Was bleibt?
  1. Immanuel Kant
    Sinn liegt im selbstbestimmten Leben
    Fragen: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen?
  1. Arthur Schopenhauer
    Die Welt als Wille und Vorstellung: dieses Wesen der Welt prägt den Sinn des Lebens
    Frage: Was ist die treibende Kraft für das Leiden und wie wird es überwunden?
  1. Friedrich Nietzsche
    Der Sinn besteht in der Umsetzung des eigenen Anspruchs: Der Übermensch
    Frage: Wie kann ich dieses Leben wollen, bejahend?
  1. Martin Heidegger
    Sein und Zeit
    Frage: Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr Nichts?
  1. Jean Paul Sartre
    Es gibt keinen Sinn, der Mensch ist zur Freiheit verurteilt
    Frage: Wie lebt man ohne Sinn?
  1. Albert Camus
    Absurdität
    Frage: Warum ist Sisyphos ein glücklicher Mensch?
  2. Viktor Frankl
    Logotherapie: den Menschen von krankmachender Sinnleere befreien
    Frage: Wie lässt sich Sinn definieren im Angesicht des Dritten Reichs?
  1. Gastredner zur Sinnfrage in einem anderen Kulturkreis
    Frage: Warum und wie stellt sich die Frage nach dem Sinn unter anderen Vorzeichen?

 

 

Einleitung

  1. Auf der Suche nach der richtigen Frage

Warum stellen sich Menschen überhaupt die Frage nach dem Sinn?

Es gibt vielerlei Gründe, sich die Frage nach dem Sinn des Lebens zu stellen. Meistens sind es Lebenskrisen oder schwierige Entwicklungsphasen, in denen das Leben im Gesamten auf eine Art Prüfstand gestellt wird.

Im Fall der Entstehung dieses Skripts verhält es sich anders: für mich persönlich war es vielmehr noch einmal die Frage nach der Sinnhaftigkeit von Philosophie, die mich dazu verleitete, die größte aller Fragen mit Hilfe einiger wichtiger Philosophen der Philosophiegeschichte anzugehen. Die Auswahl richtet sich hierbei ganz nach meiner subjektiven Einschätzung – wobei ich mir bewusst auch Philosophen ausgewählt habe, mit denen ich mich bisher noch nicht intensiver befasst hatte.

Es war also eine jener schlaflosen Nächte, in denen ich, schwere Fragen hin und her drehend, ein für mich bedeutsames Gedankenbild entwickelt hatte:

Das Leben ist eine Geschenkbox.
Nur hineinschauen darf man nicht.
Es ist alles drin, jede Facette, alle Möglichkeiten. Manche sind kleiner, manche sind größer.
Jeder Moment liegt wie ein Kristall in der Schachtel. Je nachdem, von welcher Seite man ihn betrachtet, leuchtet er in unterschiedlichen Farben. Wir wissen, dass es auf die Betrachtungsweise ankommt, aber wir dürfen die Schachtel nicht öffnen. Nur solange sie geschlossen ist, ist alles möglich. Schrödingers Katze ist gleichzeitig tot und lebendig. Wenn wir den Deckel aufmachen, ist alles entschieden.
Nur im letzten Moment unseres Lebens lüpfen wir das Geheimnis und sehen die ganze Pracht unseres Lebens vor uns liegen, schimmernd wie ein Kaleidoskop, sich drehend und verändernd bis zum letzten Moment.

Der Anblick und das Wissen wäre vor dem Ende nicht zu ertragen. Das Leben wäre nicht mehr lebbar mit dieser Festlegung.
Die Büchse der Pandora.
Die Schachtel muss geschlossen bleiben.

Den Abschluss des Semesters bildete Hannah Arendt mit

Vita Activa oder Vom tätigen Leben. Was bleibt, ist das Staunen.

Eine der ersten Fragen: Kommt man über das Philosophieren zum Sinn des Lebens? Auch wenn das Philosophieren nicht die Frage nach dem Sinn beantworten kann, Philosophieren ist eine Form des Tätigseins. Das menschliche Leben kann auf vielerlei Art und Weise verbracht werden. Aber gerade die von Hannah Arendt beschriebene Vita contemplative ist eine Qualität im Philosophieren, die uns dem Alltäglichen enthebt und neben der geforderten Vita activa in der Leistungsgesellschaft die menschliche Qualität des Lebens ausdrückt: das Staunen, mit dem alles Fragen beginnt. Das Staunen, das wunderbar bleibt, auch wenn es keine Antworten auf seine Fragen findet.

Und es enthebt uns eines Alltags, in dem Ziel und Sinn des Lebensprozesses auf Selbsterhaltung, allenfalls Erhaltung der Gattung reduziert sind.

Nicht das Wissen, sondern das Fragen steht im Mittelpunkt einer so verstandenen Philosophie. Deshalb: jede Antwort ist ebensogut eine möglich richtig wie möglich falsche. Aber nicht auf die Antwort kommt es an, sondern auf die Frage. Und manchmal auch auf die Suche nach der Frage. Und immer wieder Staunen.