Heimat und Identität – Philosophie

 Philosophie: Heimat und Identität

  1. Psychologische Betrachtung zu Heimat und Identität
    Claudia Kretschmann
  1. Ilja Trojanow: Kampfabsage
  1. Michael Walzer: Die Gemeinschaft
  1. Jan Sokol: Multiple Identitäten Einheit durch Vielfalt
  1. W.F. Hegel: Der Identitätsbegriff bei Hegel
  1. Jürgen Habermas: Inklusion – Einbeziehen oder Einschließen?
    Zur nationalen Identität
  1. Rainer Marten: Heideggers Heimat – Eine philosophische Herausforderung
  1. Bloch: Heimat als Gegenbegriff zur Fremde
  1. Bundeszentrale für politische Bildung, Manuela Boatcă:
    Multiple Europas und die interne Politik der Differenz

 

Ilja Trojanow, Ranjit Hoskoté:
Kampfabsage. Kulturen bekämpfen sich nicht – sie fließen zusammen

Ohne Zusammenfluß keine Kultur!

Trojanow und Hoskoté zeigen im historischen Rückblick die Entwicklung der wichtigsten zivilisatorischen Errungenschaften als ein Zusammenfließen aus den vielfältigen kulturellen Hintergründen. Dabei ist vor allem der Mittelmeerraum im 9. bis 15 Jahrhundert mit islamischen und christlichen Herrschaftszentren im Fokus der Untersuchung.

Die Sehnsucht nach Identität ist eine Sehnsucht nach Einheit, nach Vereinheitlichung. Laut den Autoren hat sich der Wunsch nach einer einheitlichen Kultur oder Nation erst im Laufe des 19. Jahrhunderts entwickelt. Mit der Entstehung der Nationalstaaten mussten Kriterien der Zugehörigkeit und der Ausgrenzung entwickelt werden. Es ist aber das Gedankenkonstrukt einer gewachsenen, in sich „identischen“ Kultur eine Vision, die lediglich als Hilfskrücke taugt, aber in keinem Land einen Beleg für eine einheitliche Kultur liefern kann.

In den folgenden Abhandlungen zeigen die Autoren, dass gerade durch die Energie des Zusammenfließens verschiedener Ströme Kultur ihre Dynamik erhält und überhaupt von Kulturentwicklung gesprochen werden kann.

Knotenpunkte der angestellten Betrachtung sind zunächst die iberische Halbinsel, die damals vorwiegend unter muslimischer Herrschaft stand, Alexandria am äußersten Zipfel Ägyptens, wichtiges Seefahrtszentrum des Mittelmeerraums und Konstantinopel (Istanbul).

Alexandria mit seinem in großen Bibliotheken gesammelten Wissen einer Hochkultur „fiel den Bigotten zum Opfer“ (S.25), die in dem Bemühen, die christliche Religion als die einzig Wahre zu etablieren mit größter Aggression gegen alles Fremde und Unbekannte vorgingen.

Auch die Reise des Kolumbus nach „Indien“ fällt zusammen mit der katholischen Eroberung Iberiens. Und mit welcher religiösen Überzeugung die „Wilden“ Südamerikas domestiziert wurden, ist bekannt.

Mit einem Blick auf die Gegenwart des Buches (verfasst 2007) bezeichnen die Autoren den Kreuzzug des Präsidenten Bush als der Vielfalt gegenüber ebenso blind wie Bin Ladens Jihad (nach S.27/28). Dabei war der kulturelle Austausch nie so allgegenwärtig wie in Zeiten des Internets. In diesem Zusammenhang verschließt sich ein Bestehen auf die Reinheit von Nationalitäten nicht nur der Möglichkeit kultureller Weiterentwicklung, sondern widerspricht auch in Grundzügen der europäischen Idee.

Anhand von Bildern wie die Einführung der Gabel, durch eine herrschaftliche Hochzeit aus dem Morgenland um 1000 herum exportiert und gegen große Widerstände zu einem Abendländischen Kulturgut gemacht, wird gezeigt, wie schwer kulturelle Wurzeln, auch solche, die wir explizit als unsere Errungenschaften ausgeben, an Regionen festzumachen sind.

Anhand der Frage, ob die Renaissance Europa zum Mittelpunkt der modernen Welt gemacht hat, zeigen die Autoren, welche Einflüsse diese Entwicklung erst in Gang gebracht haben. Nicht zu vergessen ist dabei, dass der Islam, wenn auch nicht unbedingt aus dem arabischen Raum, sondern über persische, indische und griechische Einflüsse (nach S.38) über Jahrhunderte als „progressivste kulturelle Macht im Mittelmeerraum und in Westasien“ (ebd.) galt.

Überhaupt entstand auch die hellenische Kultur überwiegend aus dem Austausch mit den persischen Traditionen. Man vergegenwärtige sich den Umfang des damaligen hellenischen Reichs mit zentralen Kulturzentren im heutigen westlichen Teil der Türkei. Es wird auf einen Denker verwiesen, der platonische, stoische und jüdische Ideen miteinander verknüpfte und dazu beitrug, dass manche Grundlegungen in der christlichen, jüdischen und muslimischen Tradition verwurzelt sind: Philon von Alexandria (25 v.Chr. – 50)

„Philo hat eine eindeutige Vorliebe für die platonisch-(neu)pythagoreische Philosophie, weil sie sich am besten eignete, die griechische Rationalität mit der jüdischen Religion und orientalischen Mystik zu vereinbaren.“

(https://www.bibelwissenschaft.de/wibilex/das-bibellexikon/lexikon/sachwort/anzeigen/details/philo-von-alexandrien/ch/34432b9135a5e48bcf08839088649aa3/)

Und nun entsteht der Konflikt zwischen Rationalismus, skeptischer Abwägung und Glaube, Offenbarung. Mit der Machtübernahme christlicher Herrscher wurden Zentren des interkulturellen Austauschs geschlossen oder zerstört, z.B. 529 unter Kaiser Justinian die Schließung der Akademie in Athen als „Hort heidnischer Philosophie“ (S.53).

Die Vorbereitungen für die Renaissance sind nach den Autoren in Bagdad zu verorten, denn hier gab es Philosophen in der Tradition des Aristoteles, die als Universalgelehrte, zusammengekommen aus Tadschikistan, Turkmenistan und Persien der Offenbarungslehre mutig ihre rationalistischen Gedanken entgegensetzten.

Dante mit der göttlichen Komödie, vielbewunderte Dichtung, hat zwar nicht über seine Quellen gesprochen, doch viele Bilder sind aus den Schilderungen zu Aufstieg und Himmelsreise des Propheten Mohammed entlehnt. Und noch weiter zurückgehend kann der Ursprung in den hinduistischen und buddhistischen Mandalas mit ihren Himmel und Hölle Darstellungen vermutet werden.

Wie sich die Reise von wichtigen Schriftstücken über die Jahrhunderte durch die Länder vollzogen hat, zeigt eine griechische Abhandlung aus Milet, die über Bagdad nach Cordoba gelangt, über Tioledo ins Benediktinerkloster von Cluny, als Kopie nach Venedig und schließlich über den Buchdruck nach Paris und nach München. In Toledo befand sich Europas erste moderne Übersetzerschule und in Al Andalus verfügte über viele große Bibliotheken mit bis zu 400.000 Büchern. Nach den Autoren war „das mittelalterliche Europa ein Schüler der islamischen Welt“ (92).

711 überquerten Araber und Berber die Straße von Gibraltar und besetzten ganz Iberien, nach Trojanow innerhalb eines Jahrzehnts. Von da an bis 1492 waren die Konflikte zwischen Christen und Muslimen ein beherrschendes Thema. Bei aller Vehemenz, mit der die jeweiligen Religionsvertreter auf ihrer gepachteten Wahrheit beharren, darf nicht vergessen werden, dass Religion ein Projekt im ständigen Transformationsprozess ist. Die meisten Innovationen für die Religion, die sich Christentum nennt, kamen die ersten tausend Jahre aus dem byzantinischen Reich.

Trojanow vergleicht z.B. Ishtar aus Mesopotamien, Isis aus Ägypten, Devi aus Indien und Demeter aus Griechenland, später Artemis. Die Christen sehnten sich auch nach einer barmherzigen Frauenfigur und begründeten den Kult um die Mutter Gottes beim Konzil in Ephesus im Jahr 431 (nach S.182).

Auch der Einfluss der griechischen Philosophie, insbesondere Platons, auf die Entwicklung des Christentums ist nicht zu unterschätzen. Erst viele Jahrhunderte nach Christus kann man das Christentum als etablierte Religion mit der entsprechenden Unterstützung von Machthabern, mit Autoritäten und einem kodifizierten Dogma bezeichnen.

„Wenn Religionen diesen Zustand der Kanonisierung erreichen, haben sie die Beweglichkeit der Vorstellungskraft zugunsten der Starre der Konsolidierung aufgegeben. In diesem Stadium bildet die Religion ihre spezifische Identität durch Abgrenzung.“ (S.168)

Was zur Ideologie erstarrte und als Rechtfertigung für einen imperialistischen Rassismus diente, dem zunächst viele Völker Südamerikas zum Opfer fielen, die australischen Ureinwohner, die Indianer Nordamerikas und so weiter und sofort, endete nicht an den Grenzen Europas. Mit dem Nationalsozialismus entwickelte sich Rassismus zu einem Mittel, gegen Teile der innereuropäischen Bevölkerung nicht „nur“ mit Ausgrenzung, sondern mit einer brutalen Vernichtungsmetaphorik zu verdeutlichen, dass Heimat und Identität in Europa nicht nur definiert sind von Staatszugehörigkeit, Bürgerstatus, Nationalität, sondern immer noch auch durch völkische „Rassen“- Zugehörigkeit geprägt sind.

Trojanows und Hoskotés Hoffnung, dass der kulturelle Zusammenfluss in den Weltstädten, den Alexandrias von heute, die gegenwärtigen Spaltungen nach wie vor überbrückt (nach S.194) wird von ihnen selbst wieder zurückgenommen mit der Feststellung, dass die Multidimensionalität für kulturelle Koexistenz der Zweidimensionalität von wir und andern zum Opfer fällt.

Auch die religiösen Neuinterpretationen, die extremistischen Entwicklungen zum Islamismus und, wie hier im Buch dargestellt, der Hindutva, sind nach den Autoren „stärker vom modernen politischen Denken und den Revolutionsstrategien des Westens beeinflusst als von den Überlieferungen des hinduistischen beziehungsweise islamischen Glaubens.“ (214)

Das bedeutet, dass alle Urteile in bezug auf Ursachen und Gründe in den „fremden“ Religionen von der Grundüberlegung her falsch liegen.

Nicht nur die politischen Strukturen, auch die ökonomischen, die Menschen zwingen, einer Perspektivlosigkeit zu entfliehen, die Menschen entwurzeln, sind ein Grund für die Hinwendung zu extremistischen Ideologien, weil hier klar definierte Identifikationsmuster angeboten werden, weil hier Identitätssicherung erfolgt, auch um den Preis der Sicherung der eigenen Identität durch kollektive Angriffe und Aggression.

„Die Vorstellung einer festgelegten Identität ist eine Schimäre. Kulturelle Existenz ist ein kumulativer Prozess. Die Politik der Identität versucht, jeden einzelnen von uns in eine bestimmte Schublade zu pressen, auf der fein säuberlich Rasse, Religion und Nationalität vermerkt sind; wohingegen das Leben uns einlädt, ja sogar verpflichtet, uns auf eine Achterbahnfahrt durch das Auf und Ab der Unterschiede zu begeben – wir haben keine Identitäten, sondern dynamische Positionen.“ (227)

Die Trennung zwischen uns und den anderen ist eine künstlich erzeugte, die in der Regel irgendwelchen Machtinteressen dient. Identität definiert sich nicht in erster Linie durch Abgrenzung. Vor der Abgrenzung erfolgt die Entwicklung zum Individuum in Verbundenheit.

Identität ist ohne Verbundenheit, ohne Zugehörigkeit ist nicht zu denken. Zugehörigkeit muss sich aber nicht herstellen aus Abgrenzung und Konfliktpotential gegen alles andere, sondern kann und muss offen bleiben für die unterschiedlichsten Entwicklungsprozesse.

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