Heimat und Identität – Flucht und Entfremdung

Psychologische Betrachtungen zu Fremdheit und Identität

Beitrag von Claudia Kretschmann:

Fremdheit und Identität

Der Fremde in uns

Denn Fremdheit ist eine schöpferische Kraft, für die Gesellschaft, aber auch in der Literatur. Sie lebt von der Ambivalenz, von Reibung und Widersprüchlichkeit. (Fridolin Schley)
„Dominanzstreben und Fürsorglichkeit bilden zwei Eckpfeiler menschlichen Sozialverhaltens. Sie sind fest in unserem stammesgeschichtlichen Erbe verwurzelt und stehen oft miteinander im Widerstreit. Das belastet das Zusammenleben in Familie und Gesellschaft. Das Dominanzstreben ist aggressiv motiviert. Im Wettstreit um begrenzte Ressourcen wie Reviere versuchen Tier und Mensch gleicherweise durch Kämpfen, Drohen oder Bluff ihre Eigeninteressen gegen den Widerstand der Konkurrenten durchzusetzen. Flucht und Unterwerfung sind dem aggressiven Verhalten funktionell zugeordnet, sie bilden ein funktionelles Systemganzes, das man als agonistisches System bezeichnet.“ (Eibl-Eibesfeldt)
Als agonistisches Verhalten (griech.: agonistis = der Handelnde, Tätige), auch Agonismus, wird in der Verhaltensbiologie die Gesamtheit aller Verhaltensweisen bezeichnet, „die mit Rivalität, Wettbewerb und Konkurrenz verbunden sind […]. Sie umfassen nicht nur den mit Gewalt verbundenen Angriff (Aggressivität), sondern alle Verhaltensweisen, die bei Auseinandersetzungen zwischen Widersachern auftreten – also auch die des Verteidigens, des Beharrens, des Zurückweichens beziehungsweise der Flucht.“
https://de.wikipedia.org/wiki/Agonistisches_Verhalten

Freundlichkeit und Liebe wurden im Laufe der Evolution vom Tier bis zum Menschen zu einem tragenden Element menschlichen Sozialverhaltens, aber auch das tierische Erbe des Dominanzstrebens blieb erhalten, und es handelt sich um eine „Problemanlage“, auch wenn sie ihre nützlichen Seiten hat. Der Mensch kann ja seine Emotionalität, in diesem Fall seine Aggression, auch instrumentell einsetzen, etwa zur Bewältigung von Aufgaben und zur Überwindung auch geistiger Hindernisse. Wir verbeißen uns bekanntlich in Aufgaben und attackieren Probleme. Im sozialen Bereich allerdings stört sie insbesondere in der Neuzeit den inneren Frieden ebenso wie den zwischen verschiedenen Menschengruppen.
Mit der individualisierten Brutpflege kam nämlich nicht nur die Fürsorglichkeit in die Welt, sondern auch die Exklusivität, das „Wir und die Anderen“. Mütter vertreiben ja bei vielen Arten fremde Artgenossen, was die überlebenswichtige Mutter-Kind-Bindung absichert. Beim Menschen macht sich diese kindliche Fremdenscheu im Alter von sechs bis acht Monaten bemerkbar. Das Kind, das bis dahin jedermann freundlich zulächelte, der sich ihm zuwandte, beginnt von da ab deutlich zwischen ihm bekannten und ihm fremden Personen zu unterscheiden. Fremde Personen lösen ein deutlich ambivalentes Verhalten aus. Verhaltensweisen freundlicher Zuwendung wie das Lächeln wechseln oder mischen sich mit Verhaltensweisen scheuer Abkehr, ja Angst, die sich bis zur Panik steigern kann, wenn der Fremde versucht, körperlichen Kontakt aufzunehmen.
Über persönliches Bekanntwerden wird diese Scheu abgebaut. Das Kind bezieht auf diese Weise allmählich die anderen Mitglieder einer lokalen Gruppe quasi in die Familie ein. Eine Kleingruppe ist auf diese Weise quasi-familial verbunden. Sie grenzt sich über die bis ins Erwachsenenalter erhaltene Fremdenscheu von anderen ab. Über die längste Zeit der Geschichte lebte der Mensch in so sich abgrenzenden und miteinander konkurrierenden Kleingruppen, die sich gelegentlich auch verbünden konnten, aber als politische Einheit in der Regel die Interessen der eigenen Lokalgruppe oft im Kampf mit anderen, ebensolchen vertraten. Das war sicher ein Faktor, der die rasche Evolution des Menschen mit förderte. In der Konkurrenz der Gruppen waren auf lange Sicht jene erfolgreicher, denen es gelang, über besondere Sozialtechniken größere, die Lokalgruppen übergreifende Verbände zu bilden. Denn die waren in der Lage, eine größere Anzahl von wehrkräftigen Männern zu rekrutieren. Die Fähigkeit, größere Verbände zu bilden, basiert ebenfalls auf unserer familialen Veranlagung. Das geht so weit, dass wir über Symbolidentifikation und Indoktrinierung selbst Menschen, die wir gar nicht kennen, zu unseren Brüdern und Schwestern erklären können, wobei wir uns meist auf Abstammung aus einer familialen Wurzel auf die gemeinsame Herkunft berufen. Auch diese Großgruppen grenzen sich von anderen als Völker ethnischer Nationalstaaten oder auch als Föderationen, die mehrere Völkerschaften umfassen, ab.
Auffällig ist die hohe Bereitschaft zur Symbolidentifikation, man denke an die Fahnensymbolik und die damit verbundenen Rituale. Der Mensch scheint um die Zeit der Pubertät in einer Phase der Wertsuche besonders anfällig für solche prägungsähnliche Fixation auf Symbole. Es wird vermutet, dass hier im Familien- und Kleingruppenkontext entwickelte Prägungsbereitschaften kulturell genützt werden, um die Identifikation mit der Großgruppe zu bekräftigen, eine Notwendigkeit, die sich ja aus der Tatsache ableitet, dass wir von Natur aus Kleingruppenwesen sind.
Über die längste Zeit unserer Geschichte lebten ja unsere Vorfahren als altsteinzeitliche Jäger und Sammler in Kleinverbänden, deren Mitglieder einander kannten. Mit Unbekannten auch der gleichen Großgruppe sind wir vielloser verbunden, ja wir scheuen in gewisser Weise den Kontakt, so wie das Kind den Kontakt mit ihm Unbekannten scheut. Aber über Symbole identifizieren wir uns, und es ist auffällig, dass mit solchen Symbolen und dem Absingen von Hymnen eine deutliche kollektive Aggressionsbereitschaft aktiviert wird. Bereits Konrad Lorenz wies auf den „Schauer der Ergriffenheit“ hin, den wir empfinden, wenn sich bei solchen Bekundungen kollektiver Solidarität unsere Haaraufrichter kontrahieren, wir also unseren nicht mehr vorhandenen Pelz sträuben. Visuell tritt dies als „Gänsehaut“ in Erscheinung. Diese elementaren physiologischen Prozesse bedürften einer näheren Untersuchung. Die Anonymität der Großgruppen bedingt, dass dem solidarisierenden Bemühen zum Trotz die Verbundenheit weniger stark ist als in der traditionellen Kleingruppe. In dieser herrschen affiliativ-fürsorgliche Verhaltensmuster vor. Den Profilierungs-Gelüsten einzelner wirkt in solchen Kleingesellschaften ein starker egalisierender Konformitätsdruck entgegen. Menschliche Sexualität im Spannungsfeld von Dominanz, Unterwerfung und Liebe werden nach außen gegen Gruppenfremde abgeleitet, deren Gärten, Jagdreviere oder Rinderherden man bekanntlich erobert, wenn man dafür gute Chancen wahrnimmt. In der Großgesellschaft ist das Zusammengehörigkeitsgefühl geringer, und die Neigung, repressive Dominanzbeziehungen herzustellen, richtet sich auch gegen den fremden Mitbürger. Der, der seine Ellbogen zu gebrauchen weiß, gilt für viele sogar als tüchtig.
Zweifellos bedeutet die Großgesellschaft einen ungeheuren Fortschritt. Ohne sie gäbe es keine Universitäten, keine Forschungsinstitute, keine Opern und Konzerte, keine technische Zivilisation, keine Raumfahrt und kein elektronisches Zeitalter.
Wir müssen sie bejahen und versuchen, das Leben in ihr so zu gestalten, dass unsere freundlichen Anlagen die aggressiven Dispositionen am Zügel halten.
Seit es Großgesellschaften gibt, experimentiert der Mensch mit Ideologien, sozialen Techniken der Führung, um hier die rechte Balance von Fürsorglichkeit und Machtausübung zu finden.
Arno Gruen
„Wider den Gehorsam“ – es ist eine direkt und an jeder gerichteter Aufforderung, mit dem der Psychoanalytiker Arno Gruen sein im vergangenen Jahr erschienenes Buch überschrieb. In dem Essay geht Gruen der Frage nach, warum wir uns immer wieder freiwillig dem Willen anderer Menschen unterwerfen.
Die zerstörerische Dynamik des Gehorsams und die verlorengegangene Empathie: Das waren die Lebensthemen von Arno Gruen. Er war vor den Nazis aus Berlin geflüchtet, wurde in den USA Analytiker und lebte Jahrzehnte lang in der Schweiz. Bis zuletzt arbeitete er nicht nur als Autor, sondern auch als Analytiker.
Seine Erkenntnis: Gehorsam führt zu Faschismus und Gewalt
Wie wurde er selbst durch seine Kindheit geprägt? Warum sind wir so gerne gehorsam? Können wir Empathie lernen? Schon als Kind haben ihn die Propheten in der Bibel bewegt, weil sie „immer für Recht und gegen Unrecht kämpften“. „Das ist das Motiv seines Lebens“, Mit seinen Büchern möchte er die Menschen „aufwecken“, „so dass sie zu sich selbst kommen können“.
„Gehorsam meint, dass man das eigene Selbst nicht wirklich entwickeln kann“, dass man keine wirkliche Verantwortung für sich selbst entwickelt.“ In letzter Konsequenz führt Gehorsam politisch zu Autorität, Faschismus und Gewalt. Er setzt dem eine Vision entgegen: das Zusammenleben „auf der Basis von empathischen Empfindungen“. Liebe und Wärme sind das Wichtigste, was der Mensch braucht, um ein positives Verhältnis zu sich selbst und zu seinen Mitmenschen zu entwickeln. Das Bekenntnis zur Menschlichkeit ist für Arno Gruen der Schlüssel zur Bewahrung der Demokratie.
Arno Gruen wurde 1923 als Sohn jüdischer Eltern in Berlin geboren, entkam mit seiner Familie gottlob den Nazis, wurde in den USA zum Psychoanalytiker, seit 1979 lebte und praktizierte Arno Gruen in Zürich. Seine zahlreichen, auch preisgekrönten Bücher und Schriften sind in aller Welt verbreitet.
Es gibt eine Anekdote aus der Schulzeit Ende der 1920er-Jahre, die er oft erzählt hat: Eine Lehrerin ist mit der Klasse von 30 Schülern und ihrer Disziplin unzufrieden, sucht einen Groschen aus dem Portemonnaie und sagt, einer von euch geht jetzt einen Rohrstock kaufen, wer meldet sich freiwillig? 29 Finger gehen in die Höhe, nur der Finger des kleinen Arno Gruen bleibt unten. Freiwillig meldeten sich fast alle, also 29, um einen Rohrstock zu kaufen, mit dem sie selber geschlagen werden würden. Es war eine ganz besonders subtile Form von autoritärer Grausamkeit, die diese Lehrerin auf diese Weise ausgeübt hat!
Gruen belegt in seinen Büchern an vielen Beispielen, dass unser abstrakt kognitives Denken daran schuld sei. Die Frage steht an: Warum hat sich denn unsere westliche Zivilisation in diese Richtung entwickelt?
Für Arno Gruen ist es eine Entwicklung, die vielleicht 10.000 Jahre alt ist, im Sinne von Entwicklung der großen Zivilisationen. Das meint, irgendjemand beherrschte andere. Und um diese Beherrschung legitim zu machen, musste man Gehorsam aufbauen gegenüber der Autorität. Der portugiesische Schriftsteller José Saramago sprach einmal in einem Interview über sein Buch „Die Stadt der Blinden“: Ich wollte zeigen, dass unsere aufgeklärte Moral bedroht ist. Wir können sehen, aber sehen nicht. Wir leben mit dem alltäglichen Horror und haben gelernt wegzuschauen. Und darum geht es. Wir haben gelernt wegzuschauen, weil wir in abstrakten Arten des Denkens denken, entfernt davon, was wir emotionell, empathisch wahrnehmen könnten. Wir brauchen ja nur mal all die Kriege sehen, die uns umgeben, die für uns all diese letzten Tausenden von Jahren charakteristisch sind, für diese sogenannten Hochkulturen. In seinem Buch „Der Fremde in uns“ beschreibt Arno Gruen diesen Weg genau auch zu dieser Frage, nicht nur, warum Kriege entstehen, sondern wie das Böse im Menschen entsteht. Adolf Hitler ist hier der fatale Zeuge der Zeitgeschichte. Bei Gruen wird er als einen von Angst befallenen Mann bezeichnet. Was können wir denn aus dieser monströsen Figur für Gruens These herauslesen? Am Beispiel Hitler verneinte er ja, was er wirklich fühlte. Nämlich wenn sein Vater ihn mit einer nassen Rosspeitsche schlug, dann wurde er plötzlich ganz stolz darauf, weil er konnte das überleben. Und er verneinte Angst, er verneinte Leid, er verneinte Schmerz. Und deswegen war seine Idee, eine Jugend zu erziehen, die keine Gefühle für Schmerz und Angst hatte. Er versuchte dann, Kinder zu erziehen auf eine Art, dass sie keine empathischen Gefühle hatten.
Weitere Beispiele: in diesen Jugendheimen, die von den Nazis entwickelt wurden, lebten Kinder. Ihnen wurde zum Beispiel eine Katze gegeben oder ein Hund, mit der sie ganz natürlich etwas Liebevolles entwickelten. Und dann, eines Tages, wurde ihnen ein Messer gegeben und sie mussten dieses Tierchen töten. Die, die es nicht tun konnten, wurden rausgeworfen. Und die, die damit lebten, das waren ja die Menschen, die ihre wahre Angst und ihre empathischen Gefühle verdrängen mussten, um dann auf abstrakte Art zu leben im Sinne von einem Heroismus, einem Heldentum, der ja auch mit abstrakter Verneinung der Angst und der Schmerzen und des Leidens zu tun hat.  „Der Fremde in uns“ erschien 2002. Gruen beschreibt darin, wie Abweisungen/Zurückweisungen durch die Eltern in der frühen Kindheit zu einer nur schwach ausgebildeten Identität führen können. Die dadurch entstehende innere Leere wird oft durch die Neigung kompensiert, starken Personen oder Ideologien zu folgen. Für seinen Essay über „Das Fremde in uns“ wurde der Psychologe im Oktober 2001 mit dem Geschwister-Scholl-Preis ausgezeichnet, weil er – wie Burkhard Hirsch in der Laudatio erklärte – der Frage nachgeht, „die uns alle bewegen muss: warum Menschen so schnell die offenbar dünne Schicht durchbrechen, die unsere Zivilisation und Kultur von Barbarei, Grausamkeit und Brutalität trennt“, ein einfaches, polarisierendes Weltbild, das einen Feind als Ursache aller (oder zumindest der wichtigsten) Probleme benennt. Gruen belegt dieses Grundmuster durch Fälle aus seiner eigenen Praxis wie auch durch historische Fälle. Neben „normalen“ Kriminellen führt er auch Nazi-Größen wie Göring, Heß, Frank und Hitler an. Wie in Shakespeares Hamlet vollzieht unsere Kultur ein Nichtsein, das auf abstraktem Denken beruht und unser grundlegendes empathisches Bewusstsein verneint und verleugnet. Es geht darum, dieses wieder zum Herzstück unseres Seins zu machen“. Das Buch ist eine Fundamentalkritik der bestehenden Zivilisation.
„Gehorsam meint, dass man das eigene Selbst nicht wirklich entwickeln kann“, lautet seine Grundthese, und: „dass man keine wirkliche Verantwortung für sich selbst entwickelt.“
Die Ursache dafür sieht er in der „Schädigung menschlicher Anlagen“ durch „verratene Liebe“: „Viele von uns haben als Kinder nicht genug einfühlsame Liebe erlebt oder zu viel besitzergreifende Liebe oder ‚Liebe für Leistung‘ und mussten sich dennoch mit den ‚mächtigen‘ Eltern identifizieren, um zu überleben.“ Folge: Eigene Gefühle werden aufgegeben. Die unbewusste Anpassung an das Erwartungsmuster der ersten Autoritäten, danach der eingeübte Gehorsam gegenüber weiteren Autoritäten führt zur Verachtung des eigenen Selbst, zur Projektion von Hass und Wut auf andere, zum nie endenden Bedarf an Feindbildern. Weitere Geschichten berichten von Menschen, die die Wahrheit erzählen. Dass die schon immer gegen das Unrecht kämpften, obwohl es nicht einfach war, dass sie verhöhnt, verfolgt, verjagt wurden und doch redeten, das war wichtig.“ Und so sagt er es noch einmal – mit dem Mut des Propheten: „Am Ende müssen wir sehen, was wir einander antun.“ Folge: Selbstlose Lebensmuster der Anpassung und Aggression blenden eigene Erkenntnis und mitfühlendes Interesse aus und perpetuieren den „Wahnsinn der Normalität“. „Wir wollen geliebt werden, von denen, die Macht haben.“ Wir leben in einer zunehmend durchkonstruierten Welt, die von Kampf, Wettbewerb, Profit und Isolation bestimmt ist. Die Errungenschaften von Wissenschaft, Technik und Informatik beeinflussen und dominieren uns. Wir glauben, unser Denken sei realistisch, wenn es von Emotionen befreit ist. Aber Denken ohne Gefühl, so der Psychoanalytiker und Gesellschaftskritiker Arno Gruen, führt in eine Scheinwelt aus Abstraktionen. Es macht uns unfähig, unsere Wirklichkeit unmittelbar und mitfühlend wahrzunehmen. Indem das abstrakte Denken, also das Kognitive, zunehmend das Empathische in uns verdrängt, entfernen wir uns immer weiter von dem Gefühl der Verbundenheit mit dem Leben.

Literaturhinweise

Irenäus Eibl-Eibesfeldt (1997)
Menschliche Sexualität im Spannungsfeld von Dominanz, Unterwerfung und Liebe (pdf)
Arno Gruen (2009)
Der Fremde in uns: Persönliche und Politische Konsequenzen
Arno Gruen (2003)
Die Konsequenzen des Gehorsams für die Entwicklung von Identität und Kreativität
https://de.wikipedia.org/wiki/Agonistisches_Verhalten

 

 

Psychologische Betrachtungen zu Heimat und Identität

Erster Beitrag zum Thema aus psychologischen und soziologischen Perspektiven von

Claudia Kretschmann

Inhaltsverzeichnis:

  • Einleitung
  • Sehnsuchtslandschaft der Gefühle
  • Anliegen der Psychologie
  • Heimat als Kindheitserfahrung
  • Heimat als selbstbestimmter sozialer Raum
  • Beheimatung als alltägliche Aufgabe
  • Auch ein Chatroom kann Heimat sein
  • Heimat ist der Versuch, die Kindheit verwandelnd einzuholen
  • Die dunkle Seite des Heimatgefühls
  • Heimat ein zwiespältiger Begriff
  • Der Geschmack des Heimwehs
  • Heimat als Utopie

 

  1. Einleitung

Es gibt wohl kaum ein Wort, das so zwischen Intimität und Weltpolitik zerrissen wird wie: Heimat. (Süddeutsche Zeitung / Christina Berndt 2010) Doch in Zeiten der Globalisierung gewinnt das Heimatgefühl wieder an Bedeutung. Philosophen suchen verzweifelt nach den richtigen Worten, wenn sie beschreiben sollen, was Heimat für sie bedeutet. So selten ist eine Definition gelungen, dass ein Denker immer wieder zitiert wird: Ernst Bloch, der am Schluss seines Werkes „Prinzip Hoffnung“ schreibt, Heimat sei das, was „allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war“. Heimatgefühle waren lange Zeit so out wie Poster von Luis Trenker und Hans Albers in der WG-Küche. Doch in einer Welt, in der man schnell den Boden unter den Füßen verliert, ist das Gefühl wieder willkommen. Und was, wenn nicht Heimat, vermittelt Zugehörigkeit und Halt? Sie ist ein Stück Unvergänglichkeit in der vorbeirauschenden Zeit und ein Ort, an den man gehört. Ganz offensichtlich erlebt der Begriff „Heimat“ eine Renaissance. Dabei scheint der Begriff mit höherem Alter wichtiger zu werden. Aber auch junge Leute fühlen sich heute wieder stärker heimatverbunden als Ende des vergangenen Jahrtausends. Sie finden es schick, Jägermeister im Schrebergarten zu trinken, Volkslieder beim Bergwandern zu singen und in Dirndl oder Lederhose aufs Oktoberfest zu gehen. Und Deutschland-Wimpel am Auto sind während sportlicher Großereignisse schon fast ein Muss geworden. Nur sieben Prozent der Deutschen verbinden mit diesem Begriff vor allem Enge oder Spießigkeit. Was vor kurzem noch als abstoßend kitschig galt, scheint nun zum Zielort einer allgemeinen Sehnsucht nach bleibenden Werten zu werden. Globalisierung und Finanzkrise haben die Menschen in ihrem bisherigen Streben nach Ferne und Weite, in ihrer Sehnsucht nach fremden Ländern und Kulturen so stark verunsichert, dass sie ihr Heil wieder in der Welt der Traditionen suchen, wie Volksmusik, Luis Trenker und eigene Kinder sie verkörpern. Heimatliebe gelte wieder als „unpolitisches, kommerzfreies und tief menschliches Bedürfnis“, sagt die Berliner Autorin Verena Schmitt-Roschmann, die 2010 ein Buch mit dem Titel „Heimat – Neuentdeckung eines verpönten Gefühls“ verfasst hat. Sogar die großen Globalisierer haben diesen Trend erkannt und besinnen sich aufs Regionale, wie der Historiker Heinz Schilling betont, der bis vor kurzem an der Humboldt-Universität Berlin gelehrt hat. Bei McDonald’s gibt es auf dem Burger neben Rinderhack deshalb auch mittlerweile Nürnberger Bratwürste.

  • Heimat ist heute eine Sehnsuchtslandschaft der Gefühle. Dabei sei das Gefühlige zu dem Begriff erst spät gekommen. Bis ins 19. Jahrhundert hinein sei Heimat ein juristischer Begriff gewesen. Wer einer Heimatscholle zuzuordnen war, der besaß Bürgerrechte. Es ging also nicht um Emotionen, sondern um Ansprüche. Heute ist nicht einmal mehr klar, wo die Heimat eigentlich liegt. Sie kann ein ganzes Land sein, aber auch eine Gegend oder ein kleines Dörfchen, das schon mit dem Nachbardörfchen in Feindschaft lebt. Und obwohl Großstädter mit ihrem direkten Nachbarn oft nicht mehr als die gemeinsame Adresse verbindet, empfinden viele von ihnen doch ihren Straßenzug als Heimat.

Es gibt keine eine Heimat mehr – aber es gibt viele möglichen Heimaten. Angesichts der verwirrenden Vielfalt wird die Auswahl und Gestaltung persönlich bedeutsamer Verbindungen zu Orten, Menschen, kulturellen und geistigen Bezugssystemen zur Aufgabe des Einzelnen. Individuelle Beheimatungsprozesse zu untersuchen (und zu unterstützen) wird damit zum Gegenstand der Psychologie.

  • Das Anliegen der Psychologie ist die Auseinandersetzung mit Heimat als einer subjektiven Konstruktion von Menschen. Ausgehend von einer ersten begrifflichen Annäherung und einer empirischen Vorstudie über subjektive Konzepte von Heimat wird gesichtet, an welchen psychologischen Ansätzen und empirischen Untersuchungen eine „Heimatpsychologie“ dann anknüpfen könnte. Es geht dabei um die mit Heimat verbundenen Bedürfnisse, um biographische Entwicklungsprozesse, um aktuelle soziale Einbindungen, um den utopischen bzw. imaginären Charakter von Heimat, um politische Aspekte und um Heimatverlust als problematische Erfahrung. Im Ergebnis wird ein Konzept von Beheimatung entwickelt, dass den individuellen Prozess des Heimat-machens zu beschreiben versucht.

Psychologisch ist die Bezeichnung ‚Heimat‘ assoziiert mit drei menschlichen Grundbedürfnissen:

  • dem Bedürfnis nach sozialer Zugehörigkeit, Einbindung und Anerkennung (sense of community),
  • dem Bedürfnis nach Beeinflussung, Gestaltung und Handlungsmöglichkeit (sense of control) und
  • dem Bedürfnis nach Sinnstiftung, Vertrautheit und einbettenden Erzählungen

Die Erinnerung gehört ebenso dazu, die ins unterbewusste Gedächtnis eingebrannte Mischung aus Geschmack, Geruch, Geräuschen, der Duft von Bratwurst und Rotkohl auf dem Küchentisch, das grelle Gelächter der Möwen im Himmel, der Schrei der Bussarde, die hohen Wolken, die Luft, die nach salziger See riecht, nach Autoabgasen oder dem Morgennebel über herbstlichen Wiesen. Heimat ist Weißwurst und Weizenbier, der Dialekt der Kindheit, das Klopfen der Skatkarten auf dem Wirtshaustisch, die Lieblingsmusik der Eltern, das Gutenachtgebet, der Geruch von Lebkuchen und Weihnachtsbaum im Wohnzimmer und das Aroma der Sonntagsbrötchen.

Heimat ist ein Lebensraum, in dem die Bedürfnisse nach Identität, Sicherheit, Aktivität und Stimulation erfüllt werden. Heimat scheint ein Begriff von Vorgestern, einer aus einer Zeit, wo die meisten Menschen am Ort ihrer Herkunft blieben, beschränkt auf Haus, Garten, Gemeinde. Wo alles überschaubar, aber auch ein bisschen eng war, insbesondere für Frauen, die nicht nur zuständig waren für den heimischen Herd, sondern für alles was Wärme, Geborgenheit und Zusammenhalt stiftete: Die Pflege der Beziehungen, das schöne Ambiente, Garten und Gemeinde. In diesem Kontext klingt Heimat nicht nur ein bisschen altmodisch, sondern auch nach falscher Idylle, nach Ideologie, nach etwas, das uns einsperrt und gefügig machen soll. Und das die Männer in den Krieg schickt, um dort die Heimat zu verteidigen oder für die Heimat zu sterben, irgendwo in Russland oder der Normandie. Trotzdem sehnen sich die meisten Menschen nach Heimat, der Begriff hat nach wie vor – trotz seines Missbrauches in allen Diktaturen – einen positiven Klang und ist gerade für Menschen, die keine Heimat mehr haben oder ihre Heimat verlassen mussten, mit einer tiefen Sehnsucht verbunden. Wonach sehnen wir uns da?

Ist das Nostalgie oder brauchen wir so etwas wie einen Ausgangspunkt, ein- inneres oder äußeres – Bezugssystem, etwas wohin wir gehören?

 

2. Heimat als Kindheitserfahrung

Entwicklungspsychologisch betrachtet entsteht unser Heimatgefühl in der frühen Kindheit, da wo wir existentiell auf Geborgenheit, Sicherheit und Vertrautheit angewiesen sind, wo wir lernen, uns zu binden, an Menschen, an unsere Bezugspersonen, aber auch an die von ihnen vermittelte Kultur, wo prägende Ersterfahrungen den Rahmen stiften, in dem wir Welt später wahrnehmen, wo wir die sozialen Regeln lernen, an die wir uns anpassen. Diese frühen Beziehungen sind die, die wir kennen, in denen wir uns auskennen und in denen wir uns selbst als stimmig empfinden, wenn wir die Grunderfahrung von Resonanz und Aufgehoben sein gemacht haben. Dazu gehört auch der Ort, an dem wir Welt als erstes sinnlich erfahren haben, die frühen Bilder, Gerüche, Geschmäcker, Klänge von Stimmen, Sprachmelodie oder Musik, die Gegenstände, die uns umgeben und an denen wir die Welt im wahrsten Sinne des Wortes begriffen haben. Natürlich ist auch diese Darstellung positiv überzeichnet. Keine Kindheit ist nur Idylle und zu jeder Bindung gehört auch die Erfahrung von Trennung und Abwesenheit, frühe Verlustängste und real erfahrene Verluste. Auch Heimweh ist zuerst ein Kindheitsgefühl und in der Kindheit oft deutlich. Dennoch prägt die Kindheitserfahrung, auch und gerade die kindliche Seele und wie wir uns im Weiteren an Menschen und Orte binden.

Auch die Kindheitserfahrung in der Moderne ist keine Erfahrung von ausschließlich Geborgenheit und Beschütztsein. Auch heutige Kindheiten haben ihre Katastrophen und Ereignisse, die Kinder lernen müssen zu bewältigen: sehr häufig die Trennung der Eltern, Umzüge und damit wechselnde Kontexte im Zwang derer beruflichen und privaten Mobilität, ein unglaublicher Zuwachs an Technologie und Möglichkeiten virtueller Kontakte und Verbindungen und dennoch auch immer noch das physische Allein- oder auch Verlassen Sein.

Die Welt, in der Kinder heute aufwachsen, ist sehr verschieden von der unserer Kindheit, aber für sie vermutlich genauso vertraut, sicher und soweit uns das gelingt, wenn wir ihnen Sicherheit und Geborgenheit vermitteln, heimatlich. Auch sie werden ihre Eltern eines Tages verlassen und ihre eigene Vorstellung von Leben zu verwirklichen versuchen.


  1. Heimat als selbstbestimmter sozialer Raum

Für Erwachsene ist Heimat schwerpunktmäßig kein geschenkter oder erfahrener Ort, sondern eine Umgebung, die sie selbst gebaut bzw. gestaltet haben. Ein Haus, eine Wohnung, die sie für sich und seine Nächsten eingerichtet haben, die eigene Familie, Nachbarschaft, Gemeinde, für deren Beziehungen sie mit verantwortlich sind, ein Arbeitsplatz, an dem sie gebraucht werden und etwas schaffen.

Die Heimaterfahrung von Erwachsenen hängt im Wesentlichen davon ab, wie sie sich in dem, was sie tun, einerseits verwirklichen oder besser entäußern können, wie sie andererseits damit die Erfahrung von „Kennen, Gekannt und Anerkannt- werden“ machen können. Die Heimat ist in diesem – erwachsenen – Verständnis ein selbstbestimmter, selbstgestalteter und auch selbst zu verantwortender Fakt; wenn die eigene Familie, das eigene Haus, die eigene Gesellschaft, nicht (mehr) als heimatlich erfahren werden, liegt es an uns, das zu verändern oder zu verbessern. Natürlich ist auch das nur eine Seite der Medaille: gerade in unserer Selbstverwirklichung sind wir angewiesen auf die Resonanz der anderen, auf einen sozialen Nah-Raum, der reagiert, bejaht, unterstützt, inspiriert, aber auch korrigiert oder sogar konfrontiert. Für die meisten Erwachsenen ist Heimat identisch mit den sozialen Beziehungen, die sie sich geschaffen haben und in denen sie sich, sicher, geborgen und anerkannt fühlen.

Es gibt viele Menschen, denen trotz ihrer Bemühungen diese Anerkennung vorenthalten wird, Migrantinnen, die immer wieder als Fremde behandelt werden, Menschen, die keinen Platz in der Arbeitswelt bekommen, es gibt – auch im reichen Mitteleuropa – Erfahrungen von Gewalt, Unterdrückung oder zu großer Abhängigkeit, aber auch das ungelesene Manuskript oder die unerwiderte Liebe verhindern, dass wir uns auf der Welt – in unserer Welt zuhause fühlen.

In diesem Sinn ist Heimat etwas, was ich mache – etwas, das ich herstellen, beeinflussen, entwickeln kann – und das ich immer wieder mit dem in der eigenen Biographie entwickelten Maßstab prüfen kann und muss.

 

  1. Beheimatung als alltägliche Aufgabe

In diesem Dreieck von Kindheitserfahrung, praktischem Handeln und utopischer Transzendenz bewegt sich der Heimatbegriff. Er ist – unter den Bedingungen der Spätmoderne – keinesfalls leichter einzulösen. Im Gegenteil: Gerade die Vervielfältigung und Fragmentierung aller Lebenszusammenhänge, vor allem auch im Bereich der sozialen Beziehungen, die permanente Forderung nach Mobilität und Flexibilität, verlangt uns heutzutage einiges ab. Die einzige Möglichkeit, sich in dieser Vielfalt – die ja auch ein Gewinn ist- oft aber als Zerrissenheit erlebt wird, die Erfahrung von Heimat: von Zugehörigkeit, Geborgenheit, aber auch Stimmigkeit (Übereinstimmung mit eigenen Werten und Wünschen) zu erhalten bzw. wieder her zu stellen, ist der Prozess, den wir Beheimatung nennen: das Sich- Verbinden mit und Sich- Binden an Menschen, Orte, kulturelle und spirituelle Bezugssysteme.“ (Beate Mitzscherlich)

 

Beheimatung hat damit sowohl eine sozial(psychologisch)e, als auch handlungspraktische, als auch spirituelle Dimension.

  • Es geht einerseits darum, sich in einem sozialen Netz zu beheimaten, das Erfahrungen von Zugehörigkeit, Anerkennung und Vertrautheit vermitteln kann. Das heißt aber auch, diese Netze zu pflegen, zu entwickeln, in ihnen zu kommunizieren und Verantwortung für das eigene Eingebunden- (vs. Isoliert-) Sein zu übernehmen. Wenn das gelingt, entsteht so etwas wie ein sense of community – eine Erfahrung von Gemeinschaftlichkeit, nicht nur für die jeweils Einzelnen, sondern auch in einer Familie, einer Gemeinde, einer Nachbarschaft – eine wesentliche Basis von sozialer Unterstützung und Veränderung.
  • Es geht zweitens darum, praktische Schritte zur Veränderung der Lebensumstände zu unternehmen: eine Arbeit annehmen, eine Wohnung einrichten, ein Essen kochen, einen Garten anlegen, einen Platz besetzen, demonstrieren, einzugreifen, wenn Menschen bedroht oder Dinge beschädigt werden, sich einzusetzen für bessere Verkehrsanbindung, Ökologie, gesunde Nahrung, aber auch für die Rechte aller hier lebenden Menschen, insbesondere derer, die ausgegrenzt oder unterdrückt werden. Diese Entwicklung verändert die Kultur einer Gemeinschaft, die Partizipation an unseren Belangen gibt uns das Gefühl eines
  • verantworteten Raums aber auch das Gefühl von      Handlungsfähigkeit: sense of control. Wir sind nicht nur Opfer von Umständen, sondern wir können sie beeinflussen.
  • Die dritte Ebene ist schließlich das Entwickeln der Utopie, der Vorstellung über ein gelingendes Leben und eine heile Welt, die man braucht, um dem praktischen Handeln einerseits eine Richtung zu geben, andererseits immer wieder zu überprüfen, ob man in dieser Richtung vorankommt, ob das was im praktischen und sozialem Handeln entsteht, sich heimatlich anfühlt (oder einem zunehmend unheimlich wird). Nur auf dieser Ebene, die eher kontemplativ als aktiv ist, entsteht das Gefühl von Sinn, Stimmigkeit oder (innerem) Zusammenhang; mit der eigenen Biographie, mit der Utopie von Heimat, mit allem was dazugehört. Sense of coherence, das Gefühl, dass mein Leben hier an diesem Ort Sinn macht und für mich und andere Bedeutung hat, ist das dritte unverzichtbare Element von Beheimatung.

 

  1. Auch ein Chatroom kann Heimat sein

Heimat muss aber gar kein Ort mehr sein. „Heimat ist ein inneres Konstrukt und nicht unbedingt ein realer geographischer Ort. Viele Menschen finden in sozialen Beziehungen ihr Zuhause, in ihrer Familie etwa oder bei Freunden. Bei anderen stellt sich das Gefühl tiefer Zufriedenheit und Wohligkeit vor allem dann ein, wenn sie vertraute Gerüche oder Geschmäcker aufnehmen oder in alten Geschichten schwelgen. „Manche Menschen sagen auch ,Meine Heimat bin ich‘. Sogar Yoga, Meditation oder Religion können ein solches inneres Heimatgefühl auslösen. Weil Heimat heute weniger örtlich geprägt sei als in früheren Jahrhunderten, sei sie auch „gestaltbarer, wählbarer, veränderbarer als je zuvor“. Die Menschen suchen sich entsprechend ihren Bedürfnissen neue Heimaten. Das kann sogar ein Chatroom sein. Was Heimat ausmacht, bestimmen heute nicht mehr Propagandaminister und auch nicht die Politiker. Alle Menschen definieren ihre eigenen kleinen Heimatgefühle. Zu wissen, wo die Toiletten sind, ist nur eines von vielen. Manche Menschen fühlen sich aufgehoben, wenn sie endlich einmal wieder den Kartoffelsalat genauso essen, wie ihn Muttern immer zubereitete. Anderen geht beim Blick übers weite Meer das Herz auf, wieder andere möchten am liebsten gleich jeden umarmen, dessen Dialekt an den ihrer Kindheit erinnert. Kindheit und Heimat sind ohnehin eng miteinander verbundene Begriffe, wie schon das so häufig zitierte Bloch-Zitat zeigt. Auf die Frage des Meinungsforschungsinstituts Emnid danach, was Heimat denn sei, nannten 68 Prozent der rund 1000 Befragten ihre Familie. Mit großem Abstand kam auf Platz zwei die Vertrautheit (42 Prozent), gefolgt von Geborgenheit (40 Prozent) und Kindheit (39 Prozent). Erst dann folgten der Geburtsort (33 Prozent), Traditionen (25 Prozent) und Deutschland (19 Prozent).

6 .Heimat ist der Versuch, die Kindheit verwandelnd einzuholen

Kann man denn etwas Vergangenes einholen, noch dazu verwandelnd? Ja, so paradox ist Kindheit. Ist sie doch die Zeit eines Erlebens, das so tief ging, dass es aller weiterer Erfahrung den Weg gebahnt hat und ihr insofern uneinholbar voraus liegt. Kindheit kann nicht vergegenwärtigt werden, ohne bedeutender zu werden.

Dass die Kindheit das Heimatgefühl so sehr prägt und häufig sogar mit ihm verschmilzt, können Hirnforscher auch neurobiologisch erklären. Am stärksten brennen sich Ereignisse ins Gehirn ein, wenn sie mit starken Emotionen besetzt sind oder wenn sie häufig wiederholt werden. Auf das Erleben der Kindheit trifft oft beides zu. Die Verknüpfungen im sich entwickelnden Gehirn werden dadurch so stark, dass verschiedene Bilder, Gerüche, Klänge oder Berührungen ein Leben lang Wohl- oder Mißgefühle auslösen.

Auch wenn sie eine Konstruktion aus Kindheitserinnerungen und subjektiven Deutungen ist: Sie gebe in einer zunehmend komplizierter und unüberschaubar werdenden Welt Orientierung. Doch die meisten Deutschen kämen dem Anspruch an Flexibilität und Mobilität nur relativ ungern nach. Die Mehrheit ist nicht bereit, für einen Arbeitsplatz den Wohnort zu wechseln.

 

  1. Die dunkle Seite des Heimatgefühls

Doch bei allem Positiven, das der Mensch des beginnenden 21. Jahrhunderts der Heimat abgewinnen kann: Es bleibt auch die andere, die dunkle Seite des Heimatgefühls, das verklärt, verkitscht und von Ideologen missbraucht wurde. Es gibt kaum ein Wort, das so zwischen Intimität und Weltpolitik zerrissen wird. Während Heimat Vielen Geborgenheit vermittelt, erleben andere sie als finsteres Verlies, aus dem es kein Entkommen gibt. Und wieder andere spüren Heimat vor allem dann, wenn sie fehlt, und kranken unheilbar am Verlust dieses Wohlfühl-Ortes. Doch während sich Psychologen und Psychosomatiker mit dem Thema Heimweh intensiv auseinandergesetzt haben und zwischen Auslösern und Prävention so ziemlich alles erforscht ist, gibt es zum Thema Heimatgefühl kaum harte Wissenschaft. „In meinem Leben bin ich mindestens zwanzig Mal umgezogen“. Diese Aussage verdeutlicht anschaulich, dass Heimat weit mehr ist als nur ein Ort oder eine Region. Bei jedem Umzug haben wir ein Stück Heimat im Gepäck: eine schwer zu beschreibende Mischung aus Beziehungen und Erinnerungen an Menschen, Orte, Landschaften, Sprache, Geschmäcker, Gerüche und vieles mehr. „Heimat ist ein Thema, das emotional berührt“. Ein vielschichtiger Begriff mit spiritueller Dimension.

 

  1. Heimat ein zwiespältiger Begriff

Bis vor einiger Zeit verband sich mit dem Begriff Heimat für viele Menschen vor allem die Enge und Spießigkeit von Volksmusik und Schrebergarten. Insbesondere der Missbrauch des Heimatbegriffs durch konservativ-reaktionäre Ideologen ließ ihn gerade in Deutschland zu einem umstrittenen Konzept werden. Beheimatung ist ein aktiver Prozess, der grundlegenden Bedürfnissen von Menschen in einer globalisierten und krisenhaften Moderne nachkommet. Das Bedürfnis, sozial eingebunden und anerkannt zu sein, das Bedürfnis die eigenen Lebensbedingungen gestalten zu können und das Bedürfnis einen inneren Zusammenhang zwischen sich und dem gewählten Ort herstellen zu können.

Wie aber können diese Bedürfnisse befriedigt werden, ohne dass es zu regressiven Lösungen auf Kosten anderer kommt? Allzu oft war in der Vergangenheit Heimat mit nationalistischer Abgrenzung und mit Ausgrenzung von Fremden verbunden. Der Heimatbegriff ist immer in einen historischen Kontext zu stellen. Er war in der Geschichte immer mit nationalistischem Gedankengut verknüpft und erzeugte einen sehr problematischen Umgang mit allem, was als fremd empfunden wurde. Die nationale Uneindeutigkeit des Fremden, bzw. der Fremden erzeugt Abwehr, so die These der Psychoanalyse. Doch die Begegnung mit Fremden regt an, fordert heraus und relativiert das Eigene. Können oder müssen wir uns sogar von „dominanten Zugehörigkeitsordnungen“ – wie sie beispielsweise der Heimatbegriff suggeriert – verabschieden? Für eine Migrationsgesellschaft wie Deutschland, stellt sich schon die Frage ob wir da nicht eher das Bild der „Mehrfachzugehörigkeiten“ benutzen müssen?

 

  1. Der Geschmack des Heimwehs

Ein stark tabuisiertes Gefühl ………….

Es wird über so vieles geforscht, geschrieben und geredet – über Integration und Migration, über Interkulturalität und Identität – auch über Heimat. Aber was fast immer fehlt, ist das Thema Heimweh. Na ja, könnte man anhand dieses Befundes sagen, offenbar gibt es so was wie Heimweh heutzutage in globalisierten, reisefreudigen Zeiten nicht mehr. Dank Handy, Skype und Billigflügen hat es sich gewissermaßen in Luft aufgelöst. Heimweh setzt Heimat voraus, Bindung, Zugehörigkeit.

Von beidem behaupten sowohl Psychologen als auch Soziologen, dass sie in modernen Zeiten abgenommen hätten. Oder vielleicht macht sich ja jeder tatsächlich, in der Fremde ganz schnell eine neue Heimat?

„Der Geschmack des Heimwehs“ ist dabei in einem doppelten Sinn zu verstehen. Einmal geht es um das Wesen des Heimwehs, seinen Geschmack als Eigenschaft verstanden. Zum anderen ist es ganz wörtlich gemeint. D.h. es geht um seine Beziehung zum Essen. Früher galt Heimweh als schwere, letztlich tödliche Krankheit. Es war als die „Schweizer Krankheit“ bekannt. Dieser Begriff tauchte zum ersten Mal in einem Schweizer Wörterbuch 1651 auf. Erst in der Romantik übernahmen die deutschsprachigen Länder diesen Begriff. Heimweh richtet sich auf verlorene Gemeinschaften aus, besonders die der Kindheit. Aber auch im Erwachsenenalter tritt Heimweh auf, wenn der Einzelne sich (‚in der großen Stadt‘, ‚unter lauter Fremden‘ usw.) vereinsamt fühlt, zumal in psychischen Krisen. Der Verlust vertrauter Umgebung wird als sehr schmerzhaft empfunden, der Betroffene sucht eine Besserung durch die Rückkehr in seine als sicher empfundene Heimat. Es handelt sich um eine durch unbefriedigte Sehnsucht nach der Heimat begründete Melancholie, welche eine bedeutende Zerrüttung der körperlichen Gesundheit, Entkräftung, Abzehrung, Fieber und gar den Tod zur Folge hat. Der Name „Schweizer Krankheit“ begründet sich mit der Definition durch im Ausland stationierte Schweizer Soldaten, die unter Heimweh litten. In Frankreich war es bis über die Mitte des 18. Jahrhunderts hinaus bei Todesstrafe verboten, den Kuhreihen (Chue-Reyen, französisch Ranz des Vaches), ein bekanntes Hirtenlied, zu singen oder zu pfeifen, weil sich bei dessen Anhören die Schweizer Soldaten des Heimwehs nicht mehr erwehren konnten und es sie zur Fahnenflucht verleitete.

In heutigen modernen Zeiten wirkt Heimweh offenbar unpassend und anachronistisch. Es ist ein sozial sanktioniertes Gefühl – aus ganz unterschiedlichen Gründen. Es ist ein intimes Gefühl, das den Betroffenen oft schlicht peinlich ist. Heimweh wird von ihnen als ambivalent, irrational und irritierend empfunden. Es passt nicht zu dem Bild des modernen Menschen, das er von sich selbst und das die modernisierte Gesellschaft von ihm hat: rational, kontrolliert, unabhängig, zielorientiert, und vor allem: mobil.

Und nicht zu vergessen: Es tut weh. Heimweh wird verdrängt, versteckt, verschwiegen, abgestritten. Heimweh – das widerspricht zunächst einmal vollkommen dem Bild vom modernen mobilen Menschen.

Das Irritierende und Irrationale an Heimweh ist unter anderem, dass es einem viel besser gehen kann als in der Heimat und man hat dennoch Heimweh. Dankbarkeit kollidiert mit der Sehnsucht nach Verlorenem. Oder anders gesagt: Die Menschen glauben nicht, dass sie trauern dürfen, wenn sie in der neuen Kultur und Gesellschaft leben. Das Heimweh wird versteckt mit der Begründung: man müsse das Heimweh verdrängen, weil man es sonst in der Fremde nicht schaffen würde.

Diese Haltung entspricht ganz und gar dem Selbstbild moderner Menschen. Wir sehen uns gern als Organisatoren und Herren unserer Lage. Man hat die Dinge im Griff, managt seinen Alltag und sein Leben. Das Selbstverständnis moderner Menschen zeichnet sich durch zwei Glaubenssätze aus: den Glauben an Rationalität und den Glauben an Machbarkeit und Leistung. Die Regale in den Buchhandlungen sind voller Ratgeberbücher – alles kann man machen: Gesundheit, Glück, Kindererziehen, eine gute Ehe führen und offenbar auch Heimat.

Man kann tatsächlich viel dafür tun, dass man gesund bleibt, glücklich ist oder sich in der Fremde heimisch fühlt. Aber das, was Heimat in der Tiefe ausmacht, kann man nicht machen. Das, was man schmerzlich vermisst – um aus der Heimwehperspektive zu sprechen -, kann man weder herholen noch „machen“. Das zu wissen und zu spüren, kann unbändiges Heimweh auslösen, was natürlich auch wieder rationalisiert, verarbeitet und irgendwie bewältigt wird. Das wird von einem modernen Individuum in einer globalen Welt als Leistung erwartet.

Was macht Heimat in der Tiefe aus? Aus der Heimwehperspektive kann man sagen: Heimat hat mit Beziehung zu tun und mit Verbindung. Es beinhaltet ein Gefühl der Sicherheit, ein Vertrautsein mit Menschen, mit einer Landschaft, mit Sprache, mit Kultur, mit Werten, die – und das ist das Entscheidende – einem alle etwas bedeuten. Heimweh hat mit Verlust all dessen zu tun, mit Sehnsucht und Vermissen.

Heimweh ist ein ganz spezieller Schmerz. Der Schmerz ist zunächst deshalb da, weil niemand mit einem diese Bedeutungen teilt. Das ist der eigentliche Grund für das Gefühl des Alleinseins, des Unverstandenseins und der Verlorenheit.

Wenn man anderen erzählt, wonach man Heimweh hat – oft sind es solch banalen Dinge wie Regen und Kälte und Schnee, bestimmte Speisen und bestimmte Gerüche etc. – meist wird man nicht verstanden. Aus der Außenperspektive scheint Heimweh auf den ersten Blick verschwunden. Doch Heimweh ist ein schillerndes Phänomen, ein Konglomerat aus Erinnerungen an die eigene Lebensgeschichte und an Gegenwärtiges, ein Schmerz an der Schnittstelle von Fremdem und Vertrautem, von Diskontinuitäten und Brüchen und dem Versuch sie zu kitten. Aus der Innenperspektive ist es ganz einfach: Es ist der Schmerz des Getrenntseins und die Trauer darüber.

 

  1. Heimat als Utopie

Die Grunderfahrung einer solchen Prüfung ist auch immer die Erfahrung von Differenz, von Ambivalenz, von Nicht-Übereinstimmung. Die Welt ist nicht vollkommen, die heile, für alle sichere und bergende Welt ist immer noch und immer wieder eine Uto:pie – Kein Ort Nirgends, ohne Ort. Oder wie es Ernst Bloch formuliert hat: ein Ort der allen in der Kindheit scheint und worin noch niemand war. In diesem Sinn ist Heimat viel mehr eine Bewegung als ein Zustand. Wir brauchen aber dieses innere Ziel, diesen weiteren Horizont von Heimat, um nicht in unserem Alltagsgeschäft zu ersticken, nur noch mechanisch in den Mühlen von Arbeit, Familie, Gemeinde, Alltag zu agieren. Die Psychologie sagt, der Mensch braucht das übergeordnete Ziel (den „fiktiven Finalismus“ wie es Alfred Adler nannte), um sein Handeln orientieren zu können. Adler wies darauf hin, dass wir diese Fiktionen auch im täglichen Leben verwenden. Wir tun so, als wüssten wir, dass die Welt morgen noch hier ist, als ob wir genau über Gut und Böse Bescheid wüssten, als wäre alles, was wir sehen, genauso, wie wir es sehen und so fort. Das hat nicht nur eine handlungspraktische, sondern auch eine spirituelle Dimension. Das „Sich Ausstrecken nach der himmlischen Heimat“ (wie es Paulus im Hebräerbrief beschreibt) ist der Motor der Veränderung auf der Erde. Das Wohin? und das Wozu? verleiht dem Alltagshandeln nicht nur Sinn, sondern energetisiert es auch und motiviert, Schwierigkeiten zu überwinden. Wenn Leben nicht nur eine Fluchtbewegung zum Tod hin sein soll, braucht es eine Vorstellung von gelungenem Leben, von „paradiesischen Zuständen“ oder von einer besseren Welt, „in der die freie Entwicklung jedes einzelnen, die Voraussetzung für die freie Entwicklung aller ist“. (Marx´ Kommunistisches Manifest)

Gerade in dieser Ferne und Vagheit sind diese Utopien natürlich auch missbrauchbar, sie werden zur Ideologie oder Vertröstung, die den Gläubigen das irdische Jammertal erdulden lässt in der Hoffnung auf den himmlischen Preis. Insofern ist auch hier die Realitätsprüfung wieder wichtig, gibt es Anfänge, eine Annäherung an das Ziel, Himmel auf Erden, Erfahrungen von Freiheit, Gemeinschaft, gelungenem Leben.

 

Literatur

Alfred Adler: https://de.wikipedia.org/wiki/Individualpsychologie
Christina Berndt:   /Süddeutsche Zeitung 2010
Ernst Bloch:         Das Prinzip Hoffnung
Karl Marx:         Kommunistisches Manifest
Mitzscherlich, Beate : Westsächsische Hochschule Zwickau
„Heimat ist etwas, was ich mache. Eine psychologische Untersuchung zum individuellen Prozess von Beheimatung.“, Centaurus Verlag & Media.
Paulus:           Hebräerbrief 11, Vers 14-16
Heinz Schilling: Humboldt-Universität Berlin / Süddeutsche Zeitung 2010
Verena Schmitt-Roschmann: Heimat – Neuentdeckung eines     verpönten Gefühls, 2010
Heimat:           https://de.wikipedia.org/wiki/Heimat
Heimweh:         https://de.wikipedia.org/wiki/Heimweh

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