Jan Assmann – Das kulturelle Gedächtnis

Einführung in die Diskussion, beginnend am 05.02.2015

Gedächtnis

Auf der Grundlage von Jan Assmann’s Arbeit „Das kulturelle Gedächtnis“ werden vielerlei Anregungen auf mehreren Ebenen geliefert, die sich nicht nur auf das Verhältnis Individuum und Gesellschaft auswirken, sondern auch und ganz zentral auf die Möglichkeit einer Selbstdefinition.

Zum Thema „Gedächtnis“ ist aufgrund der Forschungslage in verschiedenen Sozialwissenschaften zunächst festzustellen, dass im Zuge der Hirnforschung und soziopsychologischer Ergebnisse weitestgehende Zustimmung dazu besteht, dass das autopoietische Gedächtnis als selbstreferentielles System im eigentlichen Sinne nicht existiert. Das heißt, es gehört zum allgemeinen Kanon zu wissen, dass Gedächtnis als „meins“ nicht meins ist, sowieso nie meins war, früher aber als etwas persönliches kultiviert wurde. Zumindest in dem Sinne, als „Lernen“ und „Behalten“ als persönliche Leistungen betrachtet wurden.

Mit dem Verlassen der „Gutenberg-Galaxis“ über die Neuen Medien und ihre Formen der Auslagerung von Gedächtnisleistung hat sich eine neue Form von Gedächtnis entwickelt, das einer Reinterpretation bedarf. Was geschieht mit dem Gedächtnis? Gedächtnis ist

  • entpersonalisiert: über die gemeinsame Generierung von Wissensinhalten und den einfachen Zugriff auf Wissensinhalte anderer hat sich die Haltung der Gedächtnisleistung gegenüber verändert zu einer anerkannten kollektiven Leistung. (Verantwortung?)
  • relativiert: die damit einhergehende Variabilität, der Blick auf unterschiedliche Gedächtniskulturen ermöglicht einen offeneren und distanzierteren Blick auf die Entwicklung von Werthaltungen. (Kulturrelativismus?)
  • regrediert: die Auslagerung aus dem personifizierten Gedächtnis bringt eine schneller zugängliche Informationsdichte bei gleichzeitigem Rückgang des persönlichen Gedächtnisvermögens mit sich. (Wie werden Inhalte behalten und weitergegeben?)

Die damit einhergehende Problematik durch die Auslagerung und Entpersonifizierung liegt im erhöhten manipulativen Potential: wie werden Inhalte generiert, die erinnert und kultiviert werden?

Im kulturellen Bereich ist eine zunehmende Mainstreamkulturation, die als Gedächtnispflege an kapitalistisch strukturierte Organisationen abgegeben wurde, eine Verengung auf allgemein akzeptierte und von Strukturen manipulierbare Kultur eingeschränkt.

Zukünftig haben Lehrkräfte, die einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung von tradierbarem Kulturgut leisten, mehr Aufgaben als Medienpädagogen zu erfüllen, als Inhalte zu vertiefen.

Die Zwischengeneration, aufgewachsen mit traditionellen Lehr- und Lernmethoden, stellt Vergleiche an und, wie immer im Übergang von einer medialen Vermittlungszeit zu einer anderen, betrachtet durchaus kritisch die oben genannten Entwicklungen. Dabei wird oft übersehen, dass die mediale Erweiterung auch Freiräume geschaffen hat. Allerdings ist die große Angst vor der erhöhten Manipulierbarkeit berechtigt, wenn die Möglichkeiten der medialen Gestaltung von Wissen einhergehen mit zunehmendem Druck auf die Existenzen der Gestaltenden. Auf welche Art erfolgt in Zukunft Wissensweitergabe, Tradierung von Gedächtnis, erinnerte Sicherung der Existenz?

2. Teil

Jede Zeit ist eine Zeit der Veränderungen. Was unser Gedächtnis, unser kollektives Gedächtnis anbelangt, so wird es eine Veränderung geben durch das Ableben der letzten Zeitzeugen des größten Verbrechens der Menschheit. Wird sich der Umgang mit den Risiken von Kriegen verändern? Oder wird es noch eine oder zwei Generationen dauern, bis die Schrecken des zweiten Weltkrieges anders erinnert werden?

Assmann beschreibt in seiner Einleitung anhand des Pentateuch, der ersten fünf Bücher Mose aus dem Alten Testament, um welche Themen es von Beginn der reproduzierbaren Geschichte ging und wie Erinnerung generiert wurde: Das erste ist das Thema der Identität im Wir, Ihr und Ich. Das zweite ist das Thema der Erinnerung in der Geschichte, im Pentateuch ist es der Auszug aus Ägypten, der durch ständige Wiederholung der Erinnerung ins Gedächtnis eingeprägt werden soll. Das dritte Thema ist das der Kontinuierung, der Reproduktion. Durch welche Riten und Formen des Erinnerns wird gewährleistet, dass der Auszug aus Ägypten zum Fundament eines kulturellen Gedächtnisses wird? Hier im Pentateuch erfolgt die Konstituierung des Gedächtnisses in der mündlichen Weitergabe vom Vater zum Sohn.

Vom konkreten Beispiel abstrahiert gilt die Studie von Assmann

  • der Erinnerung (oder dem Vergangenheitsbezug)
  • der Identität (oder der politischen Imagination)
  • der kulturellen Kontinuierung (oder Traditionsbildung)

„Jede Kultur bildet etwas aus, das man ihre konnektive Struktur nennen könnte.2 (Assmann: Das kulturelle Gedächtnis. S.16) Die konnektive Struktur bezeichnet eine logische Abfolge von Verknüpfungen. Erst aus Weisung und Erzählung bildet sich Zugehörigkeit und Identität heraus und ermöglicht ein Wir-Gefühl. Gemeinsames Wissen und Selbstbild generiert sich aus der Bindung an gemeinsame Regeln und Werte und der Erinnerung an eine gemeinsam bewohnte Vergangenheit. (ebd., S.17) Das Grundprinzip dafür ist die Wiederholung, die „rituelle Kohärenz“. Alle Riten haben den Doppelaspekt der Wiederholung und der Vergegenwärtigung. Das Selbstbild einer Gesellschaft wird über eine Kultur der Erinnerung tradiert.

Martin Walsers Paulskirchenrede 1998 zum Friedenspreis des deutschen Buchhandels hatte die skandalösen Begriffe der „Instrumentalisierung des Holocaust“, und die „Moralkeule Ausschwitz“ im Inhalt. Eröffnet sich vor dem Hintergrund von Assmanns Erklärungen zum kulturellen Gedächtnis noch mal ein anderer Blick zum Umgang mit diesen Themata?

3. Teil: Erinnerungskultur – „Gedächtnis, das Gemeinschaft stiftet“

Die Gedächtniskunst als Mnemotechnik wurde von den Römern bereits seit dem 6. Jh. vor Chr. als Bestandteil der Rhetorik praktiziert. Sie bezieht sich auf Orte, Dinge, geistige Bilder und ist als individuelle Kapazität zu verstehen. Erinnerungskultur dagegen ist auf die „Einhaltung einer sozialen Verpflichtung“ auf eine Gruppe bezogen. „Was dürfen wir nicht vergessen?“ (ebd. S.30)
Als Erinnerungskultur werden „Formen des Bezugs auf die Vergangenheit“ bezeichnet. In Hinblick auf Zeit als Bezugspunkt verhalten sich Gesellschaften unterschiedlich zur Vergangenheit.Vergangenheit wird rekonstuiert, dafür muss es Zeugnisse geben und eine Unterscheidung zwischen Gestern und Heute, also einen Kontinuitätsbruch.
Assmann beschreibt nach Maurice Halbwachs dessen These von der sozialen Bedingtheit des Gedächtnisses. Ohne sozialen Bezugsrahmen kein individuelles Gedächtnis. (nach S.35) Gedächtnis entsteht während der Sozialisation, das Kollektiv prägt das Gedächtnis, indem es spiegelt, was als bedeutsam gilt. Damit wird zugleich das Vergessen erklärt: was keinen Bezugsrahmen hat, ist nicht rekonstruierbar. (nach S.36) Individuell sind demnach die Empfindungen, aber nicht die Erinnerungen.
Das Kollektivgedächtnis braucht als Bezugsrahmen sowohl eine kollektiv erlebte Zeit, als auch die Verankerung in einem Raum. (nach S.38) „Das Kollektivgedächtnis haftet an seinen Tägern und ist nicht beliebig übertragbar. Wer an ihm teilhat, bezeugt damit seine Gruppenzugehörigkeit.“ (S.38)
Im Falle eines Wandels hört die Gemeinschaft auf, diese Gemeinschaft zu sein. Jede Gruppe strebt aber nach Erhalt, daraus erklärt sich der Widerstand gegen Wandlungsprozesse.

Erinnerung ist nicht faktisch. Die Gesellschaft übernimmt die Vergangenheit der bestimmenden Gruppe. Die Geschichte dagegen rekonstruiert Fakten (oder bemüht sich darum). In diesem Sinne unterscheidet sich Erinnerungskultur maßgeblich von Geschichte.

4. Teil: Politische Imagination

Assmann unterscheidet zwischen einer personalen und einer kollektiven Identität, wobei auch die personale Identität immer als ein gesellschaftliches Konstrukt zu verstehen ist und damit immer auch kulturelle Identität ist, denn Kultur und Gesellschaft sind die Grundbedingungen des Menschseins. Nur die kollektive Identität als institutionalisierte Zugehörigkeit, kann gekündigt werden (z.B. durch Auswanderung). Wobei, meines Erachtens, auch hier eine Bindung zwar gekündigt, eine Prägung aber nicht aufgegeben werden kann. „Anders als durch Kommunikation und Interaktion ist ein Selbst, d.h. personale Identität, nicht zu haben.“ (ebd. S.135) Es entwickelt sich gleichzeitig ein Ich- und ein Wir-Bewusstsein und dieses Wir-Bewusstsein wird hier als kollektive Identität bezeichnet, das „auf der Teilhabe an einem gemeinsamen Wissen und einem gemeinsamen Gedächtnis“ (ebd. S.139) aufbaut.

Und diese Art und Weise der Teilhabe und der Reproduktion des kulturellen Gedächtnisses unterscheidet sich in den Kulturräumen. In den Fallstudien werden die Spezifika der Kulturen Ägyptens, Israels und Griechenlands untersucht.

Fallstudien: Ägypten

Was eine Kultur als den Kanon ihrer normativen Grundsetzungen bezeichnet, ist etwas abgeschlossenes, etwas, zu dem man sich so verhält, dass man es überliefert. Während die Griechen ihren Kanon weitergaben über Bücher, taten die Ägypter dies in Form des Tempels.

In Ägypten ist der Staat das Resultat der Vereinigung der beiden Götter Horus und Seth. Nach dieser mythischen Geschichte werden über die beiden Götter antagonistische Kräfte vereint, z.B. Ordnung und Unordnung. Das wichtigste Anliegen dieses Mythos’ ist hier nicht eine Abgrenzung nach außen, sondern eine Herstellung von Einheit im Inneren. Da grundlegende antagonistische Motivationen dem Leben inhärent sind, ist diese Herstellung einer Einheit ein unabschließbarer Prozess. Der Kanon und die Art und Weise der Reproduktion hat daher die Aufgabe, Handlungsanleitung zu geben, Anleitung, um immer wieder diese Einheit herstellen zu können. In diesem Zusammenhang entwickelt sich Schrift nicht, wie in Babylonien, als ökonomisches Mittel, sondern als politisches Instrument.

Nun erfolgt aber die Kanonisierung des kulturellen Gedächtnisses über die Hieroglyphen, eine visuelle Schriftform, deren Zeichen invariant sind, gleichförmig. Durch diese Konstanz der Formensprache – die übrigens einher geht mit der architektonischen und künstlerischen Formensprache – wird auch eine konstante Reproduktion der kulturellen Normen zum Kennzeichen ägyptischer Kultur. In Ägypten ist der Tempel die dreidimensionale Umsetzung eines Buches und dient der Kodifizierung von Wissen. Der Unterscheid zu anderen Kulturen besteht nun darin, dass die ägyptischen Texte kopiert werden, aber nicht interpretiert und kommentiert. 8nach S. 163-195) Was dies für die Fortsetzung der ägyptischen Kultur bedeutet lässt sich leicht mutmaßen, wenn man bedenkt, dass Erinnerung stets auf ihre Vergegenwärtigung über Interpretationen und Kommentare angewiesen ist.

 

11 Gedanken zu „Jan Assmann – Das kulturelle Gedächtnis

  1. Ist nicht meine Erinnerung, sind nicht meine Gedächtnisinhalte geprägt und damit determiniert von meinen Erfahrungen? Wird so nicht die „Wirklichkeit“ für jeden anders sein?

    • Jan Assmann geht in seiner Untersuchung weit hinter die persönliche Erfahrung zurück und zeigt die Schemata, nach denen kulturelle Erfahrungsmuster das vorgestalten, was wir als persönliche Erfahrung erleben, einen Rahmen vorgeben und Interpretationsmuster festschreiben.

  2. Schon, gleichwohl ist der „Rahmen“ weit gesteckt und ist nicht die individuelle Gedächtnisleistung in der Lage, sich außerhalb kulturellen Erfahrungsmuster vorzuwagen, den Rahmen zu verändern oder gar zu sprengen? „Wenn die Welt komplett determiniert wäre, dann könnte jeder immer die Folgen seines Handelns [Denkens, Anm.] abschätzen. Ist aber nicht so.“ [Zitat aus Interview mit Harald Lesch, SZ, 30.01.2015]. In anderen Worten, eine nicht-deterministische Welt bzw. Gedächtnis lässt dann eine individuelle Wirklichkeit bzw. Gedächtnis zu [siehe Claudia’s Kommentar]. Was allerdings ein Schemata dominiert durch „kulturelle Erfahrungsmuster“ in unserem Denken und handeln nicht ausschließt.

    • Es geht genau um diese Verhältnismäßigkeit individueller und kultureller Erfahrungsmuster. Trotz einer nicht „komplett determinierten“ Sicht auf unsere Wahrnehmungswelt (das wäre in der Tat fatal) üben kollektive Einflüsse eine große Wirkungskraft aus, indem hier Rahmenbedingungen gesetzt werden durch Sprache, historisches Bewusstsein, Umgang mit religiösen und säkularen Werthaltungen. Und dies auszuloten mit den Forschungsergebnissen von Jan Assman ist eine (auch individuell) erhellende Reise in unsere Geschichte und die Geschichte des Gedächtnisses.

  3. Diskussion zu Teil 2
    Wenn es denn ein kulturelles Gedächtnis gibt, und alles spricht dafür, müsste dieses Gedächtnis in unseren Genen zu finden sein (ein deterministisches funktionieren unseres Gehirns voraussetzend) und somit eine Art von „ewigem Leben“ haben. Der Holocaust wird politisch korrekt als etwas Unfassbares bezeichnet, was so sicherlich für die Nachkriegsgeneration in weiten Teilen so verstanden wird. Unter dem Aspekt einer Konstituierung des Gedächtnisses gelangt etwas Licht in das „Unfassbare“. Über 2000 Jahre wurden Andersdenkende und gezielt Menschen jüdischen Glaubens systematisch überall im christlichen Abendland ausgegrenzt, entrechtet, gedemütigt, vertrieben und, getötet. Dieses Verhalten wurde über Generationen klassenübergreifend tradiert und kumulierte in den von Deutschen legalisierten und industriellen Massenmord. Das kulturelle Gedächtnis tradiert nicht nur das Selbstbild einer Gesellschaft, es verändert auch die jeweilige Wirklichkeit und damit das Selbstbild der Individuen. Man könnte auch sagen, dass das kulturelle Gedächtnis eine Geschichte von Werten und ggfs. deren Zerstörung ist. Das würde bedeuten, dass wir als humane Gesellschaft die „Werte“ Ausgrenzung von Anderen/Fremden, eine Einteilung in Gläubige und Ungläubige, ein verinnerlichtes Ducken vor Häuptlingen konsequent „zerstören“ müssen, gleichbedeutend mit immer und überall, bewusst und unbewusst, die Menschenrechte leben und teilen. So, die Frage wäre nicht, wann und wie zukünftige Generationen den 2. Weltkrieg erinnern und reflektieren, es geht darum, die Menschlichkeit, die Menschenrechte, in die Genen unserer Nachkommen einzuimpfen, eben in unser kulturelles Gedächtnis. Die Menschen dieser unserer Welt, wir Deutsche, müssten nicht über das „Unfassbare“ schön klingende Klagereden von sich geben, sie müssten sich angesichts ihrem kulturellen Gedächtnis schämen, ihrer Zugehörigkeit zum Homo sapiens sapiens schämen und, versuchen, es zukünftig besser machen.

    • Ob das kulturelle Gedächtnis in den Genen verankert ist, wie das C.G.Jung mit dem kollektiven Gedächtnis als biologisch vererbbarem darstellt, ist fraglich. In dem Sinne, wie Assmann das kulturelle Gedächtnis definiert, ist es eher als soziokulurelles Phänomen aufzufassen, das unsere jeweiligen Bezugsrahmen definiert. Auch wenn dies zu einem großen Teil unbewusst geschieht, ist das kulturelle Gedächtnis meines Erachtens kein biologisch angelegtes.
      Jedes Rückerinnern ist verbunden mit einem Zukunftsentwurf, insofern ist die Erinnerung an den Nationalsozialismus ein Teil dieses Gedächtnisses, das als Ergebnis daraus über die Idee der Menschenrechte Gegenwart und Zukunft organisiert mit einem Anspruch auf einen Wandel.
      Wenn es keine “erlebte Erinnerung” mehr gibt, wird Erinnerung zur “Geschichte”, rutscht in ein Faktengedächtnis. Dadurch wird sich sicherlich etwas verändern. Hoffentlich nicht im Anspruch “es zukünftig besser zu machen”, wie du es oben formulierst.

  4. Eine biologische Verankerung der Persönlichkeit wird u.a. von G. Roth (Institut für Hirnforschung Bremen) postuliert. Lt.Roth sind hierbei die bestimmenden Faktoren a) die genetische und epigenetische Ausstattung, b) die Eigentümlichkeiten der Hirnentwicklung, c) die vorgeburtliche und nachgeburtliche Prägung und Erfahrung und d) letzlich zu ca. 20% die psycho-soziale Erfahrung. Dabei sah ich einen direkten Zusammenhang zwischen der Persönlichkeit und dem kulturellen Gedächtnis.
    Im Teil 3 wird nun festgestellt, dass lediglich Empfindungen individuell sind, nicht aber die Erinnerungen. Könntest du bitte die im Teil 3 gemachten Aussagen an einem konkreten Beispiel festmachen und so verdeutlichen?
    In unserer Diskussion, was meinen wir mit Erinnerungen wenn sie nicht indivduell manifestiert verstanden werden?
    Auch erscheint mir die Aussage gewagt, dass im Falle eines Wandels die Gemeinschaft aufhört, eine Gemeinschaft zu sein (letzter Abschnitt im Teil 3). Werden nicht gerade in diesem Fall Werte aus dem „kulturellen Gedächtnis“ heraus gekramt, um den Wandel zu stabilisieren?

    • Die Aussage von Assmann, dass Erinnerungen nicht individuell seien, nur die Empfindungen dazu, bezieht sich auf das kulturelle Gedächtnis. Wir können nur ein Gedächtnis dazu entwickeln, was in irgendeiner Form überliefert wird, und das hat vorher verschiedene Selektionsprozesse durchlaufen.
      Nimm irgendein geschichtliches Ereignis und beobachte seine Rezeption über einen längeren Zeitraum. Es werden mit den Informationen immer auch formative und normative Strukturen des Erinnerns mit geliefert. Was, und in welchem Bezugsrahmen wir es erinnern, ist also nach Assmann nicht individuell. Wie wir uns mit unserer Empfindung dazu stellen, welche Intensität diese Erinnerung bei uns auslöst, ist persönlich.
      Wir beziehen uns hier mit dem kulturellen Gedächtnis auf das, was über lange Zeiträume in einen kollektiven Erinnerungsschatz eingeht.
      Im Falle eines Wandels hört eine Gemeinschaft auf d i e s e Gemeinschaft zu sein. Jeder Wandlungsprozess erfordert Umstrukturierung, die Gemeinschaft muss sich neue Regeln, neue “Gebote” geben. Was erfordert die neu strukturierte Gemeinschaft für einen neu definierten Zusammenhalt an Gesetzmäßigkeiten? Daraus ergeben sich die Konfliktpotentiale für alle Wandlungsprozesse innerhalb von Gemeinschaften, ob religiös, , ethnisch, staatlich, oder auch schon in kleineren Gruppenprozessen beobachtbar.

  5. Die Begriffe, kulturelles Gedächtnis, Erinnerung und Empfindung, erscheinen für mich nicht klar definiert. Wäre der Ansatz, die Empfindung (in Sinne Assmanns Sprache eine individuelle) und die persönliche Erinnerung als eine subjektive Wahrnehmung bzw. als subjektives Bewusstsein und, dem gegenüber das kulturelle Gedächtnis oder die „gemeinsame“ Erinnerung als eine objektive Wahrnehmung denkbar und nachvollziehbar? Beide Schienen, das subjektive und das objektive Erinnern würden komplementär bestehen und wären verbunden durch das räumliche Denken.
    So könnte vermieden werden, dass von einer individuellen bzw. von einer gemeinschaftlichen Erinnerung zu unterscheiden ist. Auch wäre es einleuchtend, dass im Falle eines Wandels die Gemeinschaft einen Handlungsbedarf sehen muss, da der objektive Teil meiner Erinnerung und meines Bewusstseins (mein „Ich“) einer Korrektur bedarf. Quer gedacht???

  6. Ausgehend von der ägyptischen Fallstudie, ist das Verschwinden der Kultur mit denen eines totalitären Staates wie zum Beispiel Nordkorea, das kommunikative Gedächtnis betreffend, vergleichbar (wenn auch aus anderen Gründen)? In diesem konkreten Fall wurde wohl auch das kulturelle Gedächtnis „neu erfunden“?

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