Christoph Höhtker: Das Jahr der Frauen

Die Reise führt durch mehrere Etagen einer in Genf sitzenden internationalen gemeinnützigen Organisation, durch verschiedene Länder und viele Betten. Ein lebensmüder PR- Misanthrop arbeitet an der Biographie des Gründers dieser Vereinigung und lässt vermuten, dass es in der ganzen Auslegung der Geschichte um einen einzigen PR-Fake geht. Und auf diese Art ist es auch erträglich, die ganzen Frauengeschichten als einen großen Selbstbetrug mit misogynen Abstandshaltern einzuordnen, ohne die der Lebensmüde lieber heute als Morgen aus dem Leben scheiden würde.

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Mirko Bonné: Lichter als der Tag

Wieder steht er auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis. Mirko Bonné, ein Schriftsteller, der sein Handwerk sehr gut beherrscht, der es versteht, eine Atmosphäre zu kreieren, die einen Sog entwickelt in das Innenleben des Hauptprotagonisten hinein, in seine Verzweiflungen und Widersprüchlichkeiten. Es sind immer tragische Figuren, die vom Leben in eine Tiefe gerissen wurden, aus der heraus sie einen anderen Blick für die Nuancen von Dunkelheit und Helligkeit entwickeln. Und das ist der einmalige Lesegenuss an den Romanen Bonnés, dieses besondere Gefühl eines vom Leben Mitgenommenen, der nicht nur die Schattenseiten, sondern auch die leuchtenden Momente besonders intensiv beschreiben kann, immer begleitet von einem ganz speziellen Glück der Melancholie.

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Julia Wolf: Walter Nowak bleibt liegen

Ex-Alphamännchen im Rentenalter knallt mit voller Kraft voraus gegen eine Schwimmbeckenwand im Konkurrenzschwimmkampf mit einer jungen Frau. Zu Hause in seinem Badezimmer bleibt er auf den Fliesen einfach liegen und versucht, sein Selbstbild, seine Lebensgeschichte, seine Beziehungskisten zu retten. Natürlich muss sich Julia Wolf hier einer Menge von Stereotypen bedienen, um dieses völlig überlebte Männerleben zu skizzieren und ja es ist enervierend, wenn die Typologie so wenig kreativ ist. Trotzdem.

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Peter Härtling / André Gorz / Matthias Oden

Hab’ da noch von meinem SuB ein paar Bücher dieses Sommers, die keine Rezension bekommen, aber nicht unerwähnt bleiben sollen.

Peter Härtling: Niembsch oder Der Stillstand.
Nach dem Tod von Peter Härtling, den ich vornehmlich als Kinderbuchautor kannte, habe ich mir ein kleines, schmuckes Buch bestellt mit dem Titel Niembsch oder Der Stillstand.
Eine Suite. Die Biographie eines Dichters des 19. Jahrhunderts hat ihn zu dieser bezaubernden Liebesgeschichte angeregt. Niembsch schreibt an einem Werk über Don Juan und erzählt auf ambitioniert poetische Art von seinen eigenen Liebesgeschichten. Es sind aber, im Unterschied zu Don Juan, einige wenige Frauen, die alle, auf unterschiedliche Art, tief in sein Leben eingreifen. Und am Ende begleitet er eine langjährige Geliebte beim Sterben. Dieses Erlebnis ist so einzigartig schön beschrieben, dass mir die Worte fehlen. Den Lyriker merkt man am Schreibstil überall und manchmal fiel es mir etwas schwer, die Geschichte sortiert zu bekommen.

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Tim Marshall: Die Macht der Geographie

Da hat es doch tatsächlich ein Buch über Politik auf die Bestsellerliste geschafft! Interessieren sich Leute angesichts des grotesken politischen Gebarens auf der politischen Bühne wieder mehr für Politik? Wohl kaum. Das Buch verspricht Antworten, einfache Antworten. „Die Macht der Geographie“. Da hat man etwas, womit sich durch äußere, gegebene Einflüsse Weltpolitik erklären lässt. Und an der Geographie kann man schließlich auch nichts ändern. So viel gleich mal zu meinem Unbehagen, als ich das Buch in die Hand nahm.

Aber, ein großes Aber, Tim Marshall bleibt ja nicht in der Geographie stecken. Wer in komprimierter Form einmal etwas lesen möchte, das mit viel Wissen und Erfahrung einen Überblick bietet über politisch historische Zusammenhänge, der ist mit diesem Buch gut beraten. Immer im Bewusstsein, dass jedes Kapitel nur einen Ausschnitt bieten kann, der vielleicht zu zusätzlicher Lektüre anregt.

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Programm Wintersemester 2017/18

Für das neue Semester des „Studium Generale“ hat „Literatur im Fenster“ wieder ein Allgemeinbildungsangebot für interessierte Menschen zusammengestellt, das in den Bereichen Geschichte, Literatur, Politik und Philosophie aktuelle und historische Themen zur Diskussion stellt. Ein großer Bogen wird gespannt vom Reformationsjahr bis zur Produktion von Feindbildern in der Politik der jüngsten Vergangenheit.

Es gibt sicher wieder viel Diskussionsstoff, nicht nur in Politik, wenn wir die Mechanismen von Politik mit der Angst gerade jetzt, kurz vor der Wahl diskutieren, auch in Literatur und Geschichte stellen wir die Gegenwart in den Kontext ihrer Historie oder umgekehrt, die Geschichte in den Kontext der Gegenwart. Und spannend wird auch die Frage nach dem Sinn in Philosophie, die wir mit verschiedenen philosophischen Theorien angehen.

Ein besonderer Hinweis noch auf eine Abendveranstaltung:
Maria Braig liest aus ihrem Roman „Spanische Dörfer“ am 20.10.2017 in Isny. Es ist die Geschichte einer Flucht und eine Geschichte über Diskriminierung und den Kampf um eigene Lebensgestaltung.

 

Gustave Flaubert: Madame Bovary

Womit könnte man der „Fifty-Shades-of-Grey-Generation“ die Madame Bovary schmackhaft machen? Sicher nicht mit dem zunächst beinahe banalen Storyplot eines Liebesdramas aus dem 19. Jahrhundert. Und doch. Es steckt etwas darin, etwas vom ewigen Wahnsinn der leidenschaftlichen Liebe, etwas von der Versuchung des Verderbten und etwas von dem Sog, den die Sehnsucht, bis zum Letzten zu gehen, und sei es um den Preis des Lebens, damals wie heute ausübt.

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Virginia Woolf: Orlando. Eine Biographie

Zwei Bücher von Virginia Woolf standen schon lange im Regal und warteten. Zum Teil von Vorurteilen überschattet schien mir manches überholt, manches schwer verstehbar, aber immer auch mit einem gewissen Vorbehalt gegen diese zutiefst melancholische Dichterin. In ihre Gedankenwelt einzutauchen war ein Versuch. Es ist mir bei „Orlando“ nicht ganz gelungen. Der Roman ist gefüllt mit Bildern von kontemplativer Innenschau, verbunden mit einer Fabulierlust, die es hundert Jahre nach der Entstehung dem Leser nicht ganz leicht macht, die intertextuellen Bezüge, die Diskurse der Zeit und im Besonderen Woolfs poetische Experimente zu verstehen. Umso mehr kommt ein gewisses literaturhistorisches Interesse auf seine Kosten und die konventionellen Vorstellungen von Literatur werden herausgefordert und offengelegt. Wodurch? Nun ja, das Thema einer Geschlechtsverwandlung wurde bereits vielfach variiert in der Literatur, das ist es nicht, es ist vielmehr die Art und Weise. Man könnte sagen, der Essay „Ein eigenes Zimmer“ ist die Poetikvorlesung dazu. Es sind Vorträge, 1928 gehalten, die Frauen ermutigen, sich in eine eigene, neue Beziehung zur Welt zu setzen, mutig Bücher aller Art zu schreiben, die sich nicht an einem hegemonialen Kanon entlangarbeiten, sondern Geschichte anders sichtbar zu machen. Sie selbst als Autorin zeichnet mit Sprache phantastische Bilder, deren Struktur oftmals nicht zu entschlüsseln ist. Muss man auch nicht.

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Franz-Xaver Kaufmann: Sozialstaat als Kultur

Kann der Sozialstaat als normatives Projekt auf Europa ausgeweitet werden? Oder können wir unterschiedliche gewachsene Wertsetzungsmodelle vergleichend gegeneinanderhalten und auf ihre Vereinbarkeit überprüfen am Begriff der Solidarität?

Der Sammelband von Kaufmann verbindet von 1999 bis 2014 die Grundlegungen zu den Voraussetzungen eines europäischen Sozial- oder Wohlfahrtsstaats. Gesammelt sind Beiträge zur Sozialstaatstheorie, die immer noch Gültigkeit beanspruchen, gleichwohl aber auch weiterer Aktualisierung bedürfen. Der hier daraus besprochene Vortrag „Die Tauglichkeit des Sozialstaats“ stammt von 2013.

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