Margaret Atwood: Der Report der Magd

Wieder mal hat mich ein Klassiker gepackt, dieser hier aus der feministischen Literaturecke der Achtziger, verfilmt von Schlöndorff unter dem Titel „Die Geschichte der Dienerin“, aktuell noch mal neu als Serie aufgerollt unter dem Originaltitel „The Handmaid’s Tale“ (Artikel in der ZEIT vom 11.5.2017).

Die Geschichte erzählt von einer amerikanischen Stadt oder einem Teilstaat in der Mitte des 21. Jahrhunderts, in dem durch verschiedene Katastrophen, politische, umwelttechnische, kriegerische Ausblutungen der Erde und des Menschen dazu geführt haben, dass der höchste Wert die Fruchtbarkeit der Frau ist, denn die meisten Männer und Frauen sind steril geworden. Die Schizophrenie von Anbetung und Macht führt aber auch hier zu einem eklatanten Missverhältnis. Anstatt dieses Kostbarste, diese fruchtbaren Frauen in Ehren zu halten, werden sie versklavt und als Mägde unter den Kommandanten zum Austragen derer Leibesfrucht missbraucht. Diese Mägde verlieren ihre eigene Identität und bekommen den Namen des Mannes mit einem besitzanzeigen Fürwort: die Frau von Fred ist Offred. Aber nicht einmal dieser Name gehört ihr. Wenn eines Tages Offred verschwindet, weil ihre Maskerade der gläubigen Unterwürfigkeit einen Riss bekommen hat, steht an ihrer Stelle am nächsten Tag eine neue Offred. Ausgebildet werden sie dafür von den sogenannten Tanten, auch hier nach dem Motto: gib einigen Privilegierten ein wenig Macht über andere. Und dabei ist alles so offensichtlich.

Weiterlesen

Nein, wir sind nicht über Nacht feministisch geworden.

Köln ist der Nährboden für eine bestimmte Art von Femonationalismus.

„Überall in Europa erleben wir, dass fremdenfeindliche, nationalistische Parteien, aber auch neoliberale Regierungen in zunehmendem Maße Vorstellungen von Gleichberechtigung benutzen, um darzustellen, dass männliche muslimische Bürger – und nicht-westliche männliche Migranten ganz allgemein – nicht imstande seien, die Rechte von Frauen* zu respektieren. Generell ist diese Art Mobilisierung von Gender und einer Vorstellung von Frauen*emanzipation durch nationalistische und fremdenfeindliche Parteien sowie durch konservative Regierungen einer der wichtigsten Aspekte zur Kennzeichnung der gegenwärtigen politischen Lage.“

aus:

Sind wir über Nacht zu einer feministischen Nation geworden?

“Women edit”: Wikimedia lädt Frauen zum Mitmachen ein!

“Women edit”: Wikimedia lädt Frauen zum Mitmachen ein!

Veröffentlicht von am Dienstag, 27. August 2013, 12:48 Uhr

„Das Pilotprojekt „Women edit“ ist ein Angebot für Frauen, sich aktiv an den Wikimedia-Projekten zu beteiligen. Ob Wikipedia, Wikimedia-Commons oder Wikivoyage – die Möglichkeiten mitzumachen sind ganz unterschiedlich: Artikel schreiben, Bilder hochladen, Reiseinformationen aktualisieren oder mit den Communities diskutieren.

In mehreren deutschen Städten sollen offene Netzwerktreffen, Editier-Partys und Edit-a-thons mit Unterstützung von Wikimedia organisiert werden. Zur Gestaltung und Unterstützung dieser Veranstaltungen suchen wir engagierte „Wikiwomen”, die als Ansprechpartnerinnen in der Stadt oder Gemeinde dazu beitragen, lokale Netzwerke aufzubauen und zu begleiten.

Ob im kleinen oder großen Kreis, ob einmalig oder regelmäßig: Jede Initiative ist willkommen!  Wir sind  gespannt auf Ideen und haben schon ein paar gesammelt…“

Mehr Infos über obigen Link!

Wie viele Theorien der Gerechtigkeit stehen zur Wahl?

Es ist doch jedes mal dasselbe: vor den Wahlen haben alle Parteien ähnliche Antworten auf die Fragen der Gerechtigkeit. Wie gut, dass sich wenigstens noch die philosophischen Grundlegungstheorien dazu unterscheiden! Bei genauerer Analyse der parteipolitischen Programme auf die zugrunde gelegten Menschenbilder und Gesellschaftstheorien hin werden dann doch die großen Unterschiede sichtbar

!Buch_Die_Wuerde_des_K.A._Titel_26102010

Forschungsfeld Gender-Ökonomie

Schon vor vielen Jahren haben der indische Ökonom Amartya Sen und die amerikanische Philosophin Martha Nussbaum den Zusammenhang von Sterberate und Geschlecht untersucht. Dem Thema wird nun endlich mehr Aufmerksamkeit geschenkt – nicht aus gleichstellungspolitischen Gründen, sondern aus wirtschaftlichen.

„Etliche Studien zeigen, dass dort, wo Frauen mehr zum Sozialprodukt beitragen, Wachstum und Wohlstand schneller und sozial ausgeglichener gedeihen.“ Aus diesem Grund hat die Ökonomie ein wachsendes Interesse daran, etwas gegen das weltweite Frauensterben zu tun. „Für die Bank steht seither außer Frage, dass es weltweit »erste Priorität« aller Frauenpolitik sein müsse, die »überhöhte Sterberate von Mädchen und Frauen zu reduzieren«.“ Gender- Ökonomie ist in der Weltbank angekommen. In der ZEIT vom 29.03. werden Untersuchungen gegeneinandergestellt, die die Absurdität und geschlechtsbezogene Menschenverachtung thematisieren unter dem Titel: Indien ermordet seine Frauen.

http://www.zeit.de/2013/13/Frauen-in-Indien/seite-2

Und doch bleibt es absurd, die Themen erst vor dem ökonomischen Hintergrund ernst zu nehmen.

Morgan Stanleys feministische Wette

Die Bundesregierung will zwar mal wieder die Frauenquote kippen, aber an der Diskussion über die Bedeutung kommt kein ernstzunehmendes Gremium mehr vorbei. Interessant ein Ansatz, ausgerechnet von einer amerikanischen Großbank: Überall wo Frauen in den Aufsichtsräten sitzen, sind die Renditen höher. Es wird ein Fond gegründet, der nur Unternehmen mit einer bestimmten Frauenquote aufnimmt: Die Frauenquote als wirtschaftlicher Vorteil. Wie schon so oft in der Geschichte scheint es auch hier die Entwicklung zu nehmen, dass eine politische Selbstverständlichkeit sich erst als Thema durchsetzten kann über den wirtschaftlichen Vorteil. Schade, wieder mal ein deutliches Zeichen für die Allmacht der Ökonomie. Was gesellschaftlich relevant ist, entscheiden Zahlen.

Am 27.03. von Kim Bode in der ZEIT:

http://www.zeit.de/wirtschaft/2013-03/morgan-stanley-frauen-quote-2/seite-1

Unbeschreiblich weiblich und männlich

In seiner Kolumne beschreibt Emanuel Derman auf das Thema Geschlechtsidentität bezogen zunächst ein allgemeines Problem des menschlichen Verstands: wir können nur die Dinge denken und benennen, für die wir Worte haben und Worte sind ein Gewöhnungsprozess, mithilfe dessen wir unser Erfahrungswissen aufbauen. Was wir nicht „kennen“, können wir nicht zuordnen.

Derman entwickelt interessante Schemata, anhand von Grafiken dargestellt, wie Geschlechtszuordnung aus mehreren Komponenten zusammengesetzt gedacht werden kann, und zur Variabilität von Geschlechtsbezogenheit in der Zeit. Allemal eine Herausforderung. Und: amüsant, wie verbissene Konservative in ihren Kommentaren die Erweiterung der Sicht und der Sprache als Bedrohung der Heterosexualität und als Bedrohung der Mehrheit anklagen.

Dabei geht es doch nur um eine flexiblere Sicht. Wenn es an irgendetwas zu arbeiten gilt, dann an unseren Kategorisierungen und an ihrem Instrument, der Sprache. Denn: Wir sind weit davon entfernt, ohne Angst anders sein können, wie Adorno einst als Ziel formulierte.

 

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/modelle-die-sich-schlecht-benehmen/kolumne-von-emanuel-derman-unbeschreiblich-weiblich-und-maennlich-12083925.html

 

 

Sexismus-Debatte

Nein, es ist nichts dabei, wenn ein Mann einer Frau sagt, dass ihr ein Kleid gut steht, dass sie ein Dirndl ausfüllen könnte oder andere Nettigkeiten. Es ist auch nichts dabei, wenn ein Mann einer Frau die Hand küsst. Und es ist nichts dabei, wenn ein Mann eine Frau in den Arm nimmt, wenn ein Mann und eine Frau sich küssen, wenn ein Mann und eine Frau miteinander schlafen… Es ist nichts dabei.

Entscheidend ist das Verhältnis, in dem die beiden zueinander stehen, entscheidend sind die eingeschriebenen Machtstrukturen, innerhalb derer ein Teil der Bedeutung des Geschilderten festgelegt wird, entscheidend sind gesellschaftliche Interpretationen, im Subtext versteckt, aufgrund von jahrhundertelangen ‚Rollenerwartungsmodellen‘ festgeschrieben.

In der Zeit vom 27.01.13 heißt es: Die Frauenrechtlerin Alice Schwarzer sagte, seit Laura Himmelreich Klartext geschrieben habe, sei Brüderle „kein Politiker mit Zukunft mehr, sondern ein Mann von gestern“. In ihrem Blog schrieb die 70-Jährige: „Das beklagte sexistische Verhalten disqualifiziert endlich auch den Mann.“

Interessant wird sein, was nun im weiteren Verlauf passiert, wie Alice Schwarzer in der Günther Jauch-Sendung am Sonntag Abend anmerkte. Denn nun geht es tatsächlich darum, nicht weiterhin zu dulden, dass Grundlagen, die im Allgemeinen Antidiskriminierungsgesetz eine formale Niederlegung bekommen haben, gesellschaftlich  von einer Doppelmoral belegt und zuungunsten der Diskriminierten behandelt werden.

Überall wo Menschen, die in einem bestimmten Machtverhältnis zu anderen Personen stehen, dieses ausnutzen, um ihre Interessen auszuspielen, handelt es sich um einen eklatanten Missbrauch von Macht. Ob der erfolgreiche Mann, der Chef, die Erzieher, die Eltern ihre Überlegenheit ausspielen, es kommt zu Übergriffigkeiten, die denen, die sich in der überlegenen Position befinden, nun endlich auch vor Augen geführt werden müssen als Delikte, die ihre Position diskreditieren. Bestimmte Stellungen in der Gesellschaft, und dazu gehören ganz besonders die Positionen der Politiker, weil sie als Repräsentanten, als Gesellschaftsgestaltende und -verwaltende auftreten, sind mit dem bewussten Umgang dieser Positionen so eng verbunden, dass dieser Umgang diese erst begründet.

Dass weiterhin die Opfer dargestellt werden, als suchten sie (wie die Baden-Württembergische Integrationsbeauftragte geäußert hat) die Nähe von mächtigen Männern, dass weiterhin die Opfer angeklagt werden, dafür hat sich diese Gesellschaft schon zu lange mit Fragen der Gleichstellung und des Sexismus auseinandergesetzt. Da mag die Altherrenrige noch zusammenhalten, in der Außenwahrnehmung ist es aber genau die Bagatellisierung, die als Teil einer legitimierten Macht endlich kritisiert wird. Wenn dieses Verhalten als Machtmissbrauch anerkannt wird, kann sich etwas verändern im Subtext der möglichen Machtausübung. Vielleicht können dann Frauen und Männer irgendwann entspannt nachts an der Bar sitzen und sich auch Nettigkeiten sagen, weil beide aufmerksam sind, ob der Flirt als gegenseitiger erwidert wird.

http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2013-01/bruederle-sexismus-belaestigung

The Gender-Questions

Ambitionierte Titel („Das Ende der Männer…“; „Frauen, wie wollen wir leben?“) werfen ihre Schatten voraus. Zu Hanna Rossins mehrfach positiv besprochenem Buch „Das Ende der Männer und der Aufstieg der Frauen“ hat Claudius Seidl von der FAZ eine interessante These aufgestellt (siehe Zitat unten): Das, was Rossin als die herausragenden Fähigkeiten der Frauen und Mädchen darstellt – ihre Anpassungsfähigkeit, Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt und trotzdem immer die Stabilisierung der Familie – ist nicht das, was sie zu neuen Ufern führt und ihre Überlegenheit herausstellt, sondern ganz simpel die Fortführung der Geschlechterungleichheit und ihre Zementierung. Indem Frauen stabilisierend ihre Kräfte walten lassen, sichern sie auch die Fortführung der bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse. Was den Frauen zum Vorteil gereichen müsste, schlägt in den herrschenden Verhältnissen, die sich über materielle Belohnungssysteme definieren, zu ihrem Nachteil aus. Und das hängt in erster Linie wohl damit zusammen, dass Geschlecht immer noch ein bestimmtes Verhältnis zu Besitz bedeutet (rund 1% des Vermögens weltweit, laut einer Studie des BMZ, liegt in den Händen von Frauen) und zum Zugang zu Produktionsmitteln. Die Gender- Frage ist nach wie vor eine ökonomische. In allen gesellschaftsgestaltenden Bereichen, auch im kulturellen Bereich, ist die Frage, wie Frauen leben wollen, nur indirekt eine Frage von Gender. Eine „question of class“, wie Elisabeth Ruge auf die Frage  „Frauen, wie wollen wir leben?“ in den „Fragen an acht Künstlerinnen“ antwortet, ist es eben in so fern, als Gender sehr wohl geknüpft ist an die question of class (siehe Zitat unten).

Der „…Aufstieg der Frauen“ und „Frauen, wie wollen wir leben“ sind Titel, die suggerieren, dass verschiedene Formen von Weiblichkeit eine Wahlmöglichkeit beinhalten. Völlig außen vor bleiben die Zwangssituationen aus wirtschaftlicher Not. Allen Bestrebungen von Gender- Mainstreaming und Gleichstellungspolitik für mehr Selbstbestimmung von weiblichen Lebensläufen diametral entgegengesetzt laufen Entwicklungen der wieder stärker instrumentalisierten Sexualisierung von Weiblichkeit. Im Zuge dessen hält Fremdbestimmung in diesem gesellschafltichen Segment zunehmenden Einzug.

Jedes Jahr werden rund 500.000 Frauen aus den Osteuropäischen Ländern nach Europa verschleppt zum Zweck der Zwangsprostitution. Eine expandierende Sexindustrie verkauft Prostitution als Teilbereich legitimierter Wellness- Programme. Doch bei genauerer Untersuchung der Hintergründe wird schnell klar, dass es hier um Menschenhandel geht und Menschenhandel in Europa ist fast ausschließlich Frauenhandel. Nach Untersuchungen gelten 95% als fremdbestimmt, wenn man ins Kalkül zieht, dass wirtschaftliche Not als Merkmal der Fremdbestimmung gilt.

Claudius Seidl: „Es ist auch deswegen so schrecklich, weil sich gerade in diesem kleinen Ausschnitt so deutlich offenbart, dass, was Hanna Rosin für das Neue hält, in Wirklichkeit das uralte Geschlechterverhältnis ist. Während die Mädchen streben, üben sich die Jungen im Widerspruch.“

Artikel der FAZ vom 16.01.13: Mädchen an die Macht, von Claudius Seidl zum Buch von Hanna Rossin: „Das Ende der Männer und der Aufstieg der Frauen.“

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/geschlechterkampf-maedchen-an-die-macht-12023354.html

Elisabeth Ruge: „Ihre Geschichte erzählt uns allerdings auch davon, dass literarische Durchsetzungsfähigkeit nicht nur eine Frage von Gender ist – es ist auch immer a question of class.“ Elisabeth Ruge, Leiterin des neugegründeten Hanser Berlin Verlags. Aus dem Artikel der FAZ vom 17.01.13: Frauen, wie wollen wir leben?

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/geisteswissenschaften/fragen-an-acht-kuenstlerinnen-frauen-wie-wollen-wir-leben-12028495.html