Prosaminiatur: Lyskamm

Wir wollen auf 4350 Meter hinauf. Es fällt mir nicht schwer, ich bin fit, gehe ein gemäßigtes Tempo. Und heute weiß ich: es ist nicht das Gipfelerlebnis. Es ist das Gehen, das die Faszination ausmacht. Und hier oben, in dieser merklich dünner werdenden Luft, habe ich das Gefühl, nein, das Wissen, dass alles ganz einfach ist. Die Gedanken sind glasklar. Es stimmt nicht, dass man beim Bergsteigen seinen Alltag vergisst, nein, der Blick darauf ist ein anderer. Alles ist reduziert und vereinfacht. Es gibt nur einfache Entscheidungen, nichts was ablenkt. Mir erscheint mein eigenes Denken so einleuchtend wie das Glitzern der Schneekristalle um mich herum. Plötzlich weiß ich, wie ich die Struktur meines Doppellebens aufbauen muss, wie ich in der Lebenswelt meine verschiedenen Aufgaben unter einen Hut bringe, wie ich reagieren werde. Es wird alles so klar und leicht und ich freue mich auf alles, was in nächster Zeit auf mich zukommt, und ich freue mich einfach am Gehen, Schritt für Schritt hinauf.

Creative Commons, Urheber: Francofranco56

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Prosaminiatur: Monte Rosa Gletscher

Es war nur ein kleiner Sprung nötig. Mit dem Skistock prüfte ich die Festigkeit des Schnees auf der anderen Seite der kleinen Spalte. Sieht gut aus. Heute Vormittag haben wir schon mehrere kleine Spalten überquert. Gesichert mit sieben bis acht Metern Seil zwischen uns waren wir nacheinander, immer vorsichtig, als wollten wir leise sein, um die Spalte nicht aufzuwecken, mit einem großen Schritt hinübergesetzt. Es war unsere erste Besteigung in dieser Gegend im Monte Rosa und wir kannten die Gipfel nicht. Der Lyskamm sollte es sein. Wir waren ja schließlich trainiert. Ein beeindruckender Berg, der uns beim gesamten Aufstieg von der Gniffetti Hütte seine weiße Wand entgegenhielt. Auf halber Höhe wandelte sich der Weg. Das breite Tal zwischen Ludwigshöhe, Parospitze und Lyskamm, das wir mit unseren Steigeisen aufgestiegen waren, endete auf einer schmalen Anhöhe und wir standen nun am Scheideweg. Die Gipfelbesteigung des Lyskamm konnte nur über den Grat erfolgen. Ich weiß, warum ich mich von ihnen getrennt habe, hier in dieser Schneewüste: die schlechte Sicht, der in Böen aufsteigende und abfallende Wind. Und mein Streit mit Wolf am Abend vorher. Ein ziehendes Gefühl in der Magengegend ist geblieben. Hier oben bin ich immer besonders empfindlich, als wäre meine Seele wund. Wolf muss irgendetwas gesagt haben, das mich bis ins Innerste getroffen hat. Ich weiß aber nicht mehr, was es war, will es nicht mehr wissen. Die Gedanken hier oben sind anders. Oder die Gefühle dazu. Nein, ich mache ihnen keinen Vorwurf, dass sie mich alleine zurückgehen ließen. Wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe, ziehe ich das durch, auch wenn es wider alle Vernunft ist. Das war schon immer so und so wird es auch bleiben, da kann mich niemand umstimmen.
Der Zorn kommt wieder hoch und die Tränen. Bevor ich nichts mehr sehe, springe ich.

About this photo: Title: Crevasse at Fox Glacier, Creator: Tristan Schmurr License Original source via Flickr

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Prosaminiatur: Dem Meer zugehörig

Marie-Tim wunderte sich und dachte zuerst, dass es eben Dinge gab, die bei anderen anders sind, so wie die Sprache. Die Webers von nebenan hatten diese runden, rollenden Laute im Mund. Und die Kinder, es könnte damit zu tun haben, dass zwei verschiedene Eltern die Kinder irgendwie nach ihren Ähnlichkeiten mit sich selbst aufteilen müssen. Es wurden dann aber immer mehr Buben, obwohl Frau Weber sich so viel um alle Kinder kümmerte. Das Kind verwarf diese Theorie wieder. Jedenfalls: es hatte diese Mutter und zwar ganz für sich allein und bei ihr konnte es sein, wer oder was immer es wollte. Und es spielte damit. Immer und immer wieder spielten sie sein Lieblingsspiel: die Mutter ist das Dornröschen. Sie fällt in einen tiefen Schlaf. Gabriele ließ sich kunstvoll niedersinken auf das Sofa, mit großer Geste, den Handrücken an die Stirn geworfen und einem jammervollen „OOOhhhh!“ Und „AAAhhh!“ knickten ihr die Füße weg, sie sank nieder und ließ, wie immer, einen Arm herunterhängen. Der tapfere Ritter schlug sich mit seinem Schwert durch die Vorhänge am Fenster, erreichte schnaufend ihr Lager und fiel ihr zu Füßen – beziehungsweise dahin, wo der eine Arm lag. Der Ritter machte zwecks der symbolischen Aufladung in der Luft ein Kreuz mit seinem Holschwert, legte es neben ihren Arm, nahm die Hand und küsste sie sachte auf den Handrücken.

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Prosaminiatur 2

Bei Webers kam nun ein Kind nach dem anderen. Marie-Tim schnappte eines Tages bei einem Gespräch zwischen Sophie Weber und der Mutter den Satz auf: „Ach, s’duat mer so leid, dass se a Kind verlora ham. Wenn se zamme aufwachset, isch halt scho sche.“

Marie-Tim dachte, sie hätte irgendwann ein kleines Bündel Baby aus Versehen, beim Einkaufen vielleicht, auf dem Markt oder so, irgendwo liegengelassen, oder es sei aus der Handtasche herausgekullert. Auch nach Tagen des Nachdenkens darüber „… dass Sie ein Kind verloren haben“; der Sinn dieser Worte erschloss sich nicht. Die Mutter merkte, dass das Kind ganz verstört alles im Haus auf den Kopf stellte. Was man verliert, muss man doch wieder finden können?

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Prosaminiatur

Bildausschnitt aus meinem Erzählprojekt „Als würde alles nur so aussehen für die Kamera“

Das Aufgebot des Himmels

Das gesamte Aufgebot des Himmels stand Spalier für dieses Ereignis, die Wolken, die gelben Streifen, die Sonne, das Blau und das Dunkel. Riesige Wolkenhaufen standen sich gegenüber, bewegten sich nicht, warteten. Wind  kam auf, aus allen Himmelsrichtungen gleichzeitig, brachte ein Durcheinander in die Farben und Bewegung in die Haufen und Fetzen. Und dann kollidierten die Wolkenwände in einem solchen Getöse, dass Gabriele ihre Hände an die Ohren riss, um sie zu schützen. Das Donnerkrachen kam immer näher. Ein weiterer Blitz; sie zählte die Sekunden bis zum Donner: eins … zwei … drei. Das Gewitter war nahe. Ein stechender Schmerz nahm ihr die Luft. Mit beiden Händen krallte sie sich an der Tischkante fest. Schon wieder. Das helle Leuchten des Blitzes tat ihren Augen weh. Eins … zwei …. der Donner krachte mit einem Getöse, dass die Fensterscheiben zitterten. Etwas in ihrem Leib polterte mit Karacho gegen ihre Eingeweide. Und dann platzte es. Das Fruchtwasser rann ihre Schenkel hinab. Ein Schrei. Der Bauch wurde hart wie ein Stein. Sie ging in die Knie. Nun musste schnell gehandelt werden.

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