Franz-Xaver Kaufmann: Sozialstaat als Kultur

Kann der Sozialstaat als normatives Projekt auf Europa ausgeweitet werden? Oder können wir unterschiedliche gewachsene Wertsetzungsmodelle vergleichend gegeneinanderhalten und auf ihre Vereinbarkeit überprüfen am Begriff der Solidarität?

Der Sammelband von Kaufmann verbindet von 1999 bis 2014 die Grundlegungen zu den Voraussetzungen eines europäischen Sozial- oder Wohlfahrtsstaats. Gesammelt sind Beiträge zur Sozialstaatstheorie, die immer noch Gültigkeit beanspruchen, gleichwohl aber auch weiterer Aktualisierung bedürfen. Der hier daraus besprochene Vortrag „Die Tauglichkeit des Sozialstaats“ stammt von 2013.

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Yuval Noah Harari: Homo Deus – Eine Geschichte von morgen

Die neue menschliche Agenda – was sind die Aufgaben der Zukunft? Was passiert, wenn die nächsten Ziele der Menschheit Unsterblichkeit, Glück und Göttlichkeit sein werden, weil wir mit intelligenter Technologie alle „technischen“ Probleme lösen können? Auf sehr intelligente und gut lesbare Art und Weise führt uns der israelische Historiker Harari zuerst ein in seine Herleitung der Grundmotivationen allen Strebens und Entwickelns. Das Streben nach Glück ist eine davon und während mit zunehmendem Glück gleichzeitig die Toleranz gegenüber unangenehmen Empfindungen stetig abnimmt – und in Folge dessen das Glück gar nicht zunehmen kann – gehen wir soweit, uns über die Biotechnologie (Bioengineering) noch mehr Glück zu versprechen, indem wir Leid und Schmerz so weit verbannen, dass wir in unserem Optimierungswahn den Gencode umentwickeln, den Menschen mit nicht-organischen Apparaten verschmelzen, ihn mit Nanorobotern ausstatten, der die Schäden am menschlichen Cyborg sofort repariert und haben keine Ahnung, was diese zukünftigen Menschen, die keine Menschen in unserem Sinne mehr sein werden, mit der intelligenten Technologie weiterhin anstellen.

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Ulrike Guérot: Warum Europa eine Republik werden muss! 2.Teil

Teil 2: Die Utopie

Seit vergangenem Sonntag hören wir auf allen politischen Plattformen „Macron fordert ein Umdenken für Europa“. Genau dazu haben PolitikwissenschaftlerInnen wie Ulrike Guérot im Vorfeld eine Menge gearbeitet und bereits Utopien geliefert:

„Wir könnten uns das Gros der Brüsseler Bürokratie sparen, wenn wir uns auf eine schlanke europäisierte Verwaltung einließen, deren Rechts- und Verwaltungsakte auf dem allgemeinen Gleichheitsgrundsatz für alle europäischen Bürger beruhen würde.“ (S. 145) Bestechendes Argument. Aber was würde dieser Gleichheitsgrundsatz bedeuten, und warum wehren sich die Länder, speziell die Deutschen, dagegen?

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Ulrike Guérot: Warum Europa eine Republik werden muss!

Eine politische Utopie
Teil 1: Analyse

Ulrike Guérot, Politikwissenschaftlerin, Gründerin und Direktorin des European Democracy Labs und Professorin und Leiterin des Departments für Europapolitik und Demokratieforschung in Krems/Österreich leitet ihre Utopie mit einem Rückblick auf 3000 Jahre Geschichte des Europäischen Kontinents ein. Dabei entwickelt sie eine Idee eines Europas als großer Republik mit politischer Gleichheit aller Bürgerinnen und Bürger der Nationalstaaten. Die EU, wie wir sie haben, ist eine Wirtschaftszone, der es am gemeinsamen politischen Konzept mangelt, auch der Maastricht Vertrag von 1992, der eine politische Union begründen wollte, ist auf politischer Ebene gescheitert. Der große Fehler liegt darin, dass die wesentlichen finanziellen Entscheidungen auf unterschiedlichen Ebenen getroffen werden, so wird über Währung und Wirtschaft auf europäischer Ebene verhandelt, während über Steuer- und Sozialpolitik die Länder auf nationaler Ebene zu entscheiden haben. Die europäischen Bürger sind somit nicht gleichgestellt. Es herrscht ein Wettbewerb zwischen den Bürgern der europäischen Nationen, der von extremen Schieflagen gezeichnet ist. Die Verordnungen und Richtlinien, beschlossen in EU- Ausschüssen sind nicht demokratisch gefasst. Weder wählen die BürgerInnen ihre EU- Abgeordneten, noch gibt es eine Opposition im EU Parlament, noch fühlen sich die BürgerInnen als Souverän.

 

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Hannah Arendt: Sokrates. Apologie der Pluralität

Dieser sehr lesenswerte Vortrag von Hannah Arendt zur politischen Philosophie ist wunderbar eingeführt von Matthias Bormuth, er hebt ab auf die Bedeutung des Selbstgesprächs, des Dialogs mit mir selbst für das abstrakte Denken und im besonderen als einer dem Denken inhärenten Pluralität, der Vielfalt der Perspektiven, die notwendig sind, um die Welt zu erschließen. Er führt ein in Arendts Argumentation, warum aus dem historischen Geschehen heraus Platon seinen Schwerpunkt darauf legt, die absolute Wahrheit zu finden und zu rechtfertigen und daraus eine Begründung für ein Primat der Philosophie in der Politik herleitet. Weil aber die letztlich großen Fragen der Philosophie: Was ist das Sein? Wer ist der Mensch? Welchen Sinn hat das Leben?, unbeantwortet bleiben, gehört zur Philosophie unabdingbar das Staunen.

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Hannah Arendt: Vita Activa oder Vom tätigen Leben

Mit vorausschauender Perspektive behandelt Hannah Arendt hier die Entwicklung des Menschen in einer Gesellschaft von Arbeitstieren in diesem bereits 1967 im Piper Verlag erscheinenen Buch.  Die Tätigkeiten des animal laborans haben wenig mehr mit ursprünglichem Tätigsein im Sinne von Handeln zu tun, sondern gleichen sich immer mehr Prozessabläufen an wie der Verfeinerung von Apparaten und Sinn und Zweck sind reduziert auf Selbsterhaltung.

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Camus: „Der Fremde“ und Daoud: „Der Fall Meursault“

Vielleicht noch ein bisschen früh, aber trotzdem: Mein Leseerlebnis des Jahres! Mit Kamel Daouds Der Fall Meursault auf dem Schreibtisch kommt eins zum anderen, es entfaltet sich ein ganzer Fächer an literarischem und philosophischem Gedankengut, und gerade diese Verbindung verspricht größten Lesegenuss. Bevor aber Daoud auf den Leseplan tritt, sei empfohlen, sich vorher mit Camus zu befassen, wobei ich die naheliegendste Empfehlung Der Fremde zu lesen, dringend erweitern möchte. Der Fremde ist natürlich vom Inhalt her die Geschichte des anonymisierten Arabers, auf die sich Kamel Daoud bezieht, wenn er 70 Jahre später mit seiner Erzählung Der Fall Meursault diesem Araber endlich ein Gesicht und eine Geschichte geben möchte. Genauso wichtig und erhellend ist aber auch Camus’ Der Fall, denn Daouds Geschichte dupliziert die Form dieser späteren Erzählung. In Der Fall sitzt ein ehemaliger Anwalt, der über sein Leben Rechenschaft abgibt, monologisierend einem geduldigen Zuhörer gegenüber. Nur durch seine eigenen Augen erfahren wir seine Geschichte und sollen uns ein Urteil über ihn bilden. Genauso verfährt Daoud. Aber nicht nur die Form zeichnet sich bei Daoud ab, auch die selbstreflexive Art, die sich aus dem Monolog ergibt, ist eine wichtige Parallele.

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Jedem sein Universum

Das neue Semester des Studium Generale startet am 22.09. in Philosophie mit dem Thema:

Jedem sein Universum –
Wege der Philosophiegeschichte zur Frage nach dem Sinn

  1. Auf der Suche nach der richtigen Frage

Warum stellen sich Menschen überhaupt die Frage nach dem Sinn?

Es gibt vielerlei Gründe, sich die Frage nach dem Sinn des Lebens zu stellen. Meistens sind es Lebenskrisen oder schwierige Entwicklungsphasen, in denen das Leben im Gesamten auf eine Art Prüfstand gestellt wird.
Im Fall der Entstehung dieses Skripts verhält es sich anders: für mich persönlich war es vielmehr noch einmal die Frage nach der Sinnhaftigkeit von Philosophie, die mich dazu verleitete, die größte aller Fragen mit Hilfe einiger wichtiger Philosophen der Philosophiegeschichte anzugehen. Die Auswahl richtet sich hierbei ganz nach meiner subjektiven Einschätzung – wobei ich mir bewusst auch Philosophen ausgewählt habe, mit denen ich mich bisher noch nicht intensiver befasst hatte.

Es war also eine jener schlaflosen Nächte, in denen ich, schwere Fragen hin und her drehend, ein für mich bedeutsames Gedankenbild entwickelt hatte:

Das Leben ist eine Geschenkbox.
Nur hineinschauen darf man nicht.

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Seyla Benhabib: Die Rechte der Anderen – Ausländer, Migranten, Bürger

Es liegt nach Seyla Benhabib in der Verantwortung einer kosmopolitischen Gerechtigkeitstheorie neben die Fragen der Verteilungsgerechtigkeit die Fragen der Zugehörigkeitsgerechtigkeit zu stellen. Die Schwierigkeit bei der Zugehörigkeit liegt darin, dass moralische Gründe mit normativen Begründungen und politischen Gesetzen vermischt werden. So ist das Recht auf Einreise Asylsuchender sowohl ein moralisch als auch politisch gebotenes, genauso wie ein Recht auf Zugehörigkeit. Doch bei der Zugehörigkeit müssen gewisse Voraussetzungen auf institutioneller Ebene geschaffen werden, damit diskriminierungsfreie Zugehörigkeit umgesetzt werden kann.

mehr zum Thema unter: Studium Generale – Flucht und Entfremdung

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Flucht und Entfremdung – Philosophie

Fremdsein und Entfremdung

Auf wie viele Arten kann man fremd sein?

Fremd im eigenen Ich? Fremd im eigenen Land? Fremd in der Inanspruchnahme von übergeordneten Abkommen? Fremd gegenüber dem Menschsein?

Für uns als Europäer stellt sich dieser Tage die Frage des Menschseins als Menschlichseins von zweierlei Richtungen: werden wir uns selbst fremd, wenn wir unsere humanistischen Menschlichkeitsideale Tag für Tag verraten? Entfremden wir uns von der europäischen Idee der Menschlichkeit?

Und: Sind diejenigen die kommen fremd für uns, weil sie von einem anderen Kontinent kommen, oder weil sie durch ihre Erlebnisse, durch ihr Irgendwie- Überlebenmüssen unserer Idee des Menschseins ein Stück weit entfremdet sind?

Ist uns nicht der deutsche Menschenhändler, der Frauen und Kinder im Container eingeschraubt verrecken lässt fremder, als der syrische Kapitalist, der immer gleichmäßig seine Firma vorangebracht hat?

Es sind doch die Schicksale, die uns anderen gegenüber zu Fremden machen. Und sind nicht diese Schicksale viel stärker an die jeweiligen gesellschaftlichen Bedingungen und an die Strukturen von Macht und Ohnmacht gebunden, als an geografische Herkunft?

Nach wie vor empfehlenswert

Julia Kristeva: Fremde sind wir uns selbst, 11. Auflage 2013, 1. Auflage 1990, Suhrkamp, Frankfurt am Main.

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