Heinrich von Kleist: Michael Kohlhaas

Brandaktuell: Die Rolle des Einzelnen gegen eine korrupte Gesellschaft, Gerechtigkeitsterrorismus und Selbstjustiz und die große Diskussion um das Widerstandsrecht gegen die vorherrschende Politik! Das macht einen Klassiker aus, dass er uns über die Zeit hinweg etwas zu sagen hat.

Eigentlich Gründe genug, um den alten Kohlhaas mal wieder auszupacken. Auf ihn gekommen bin ich aber ganz anders: über Dagmar Leupolds Roman „Die Helligkeit der Nacht“, in dem der verstorbene Heinrich von Kleist einen Briefwechsel mit Ulrike Meinhof phantasiert. Aber dazu an anderer Stelle mehr.

1802 erschien der „Michael Kohlhaas“ in einer Zeit, da die Versprechungen und Hoffnungen der französischen Revolution noch frisch, wenn auch schon enttäuscht waren. Kleist ist mit seinen Schriften bekannt dafür – man könnte sagen, im Sinne Jean Jacques Rousseaus – Kritik zu üben an der Gesellschaft, von der humanen Seite aus. Oftmals verkleidet er seine Kritik in Parabeln oder in Übertragungen auf historischen Stoff, wie z.B. bei der „Penthesilea“, oder eben auch dem „Michael Kohlhaas“, der zurückgeht auf einen überlieferten Fall aus dem 16. Jahrhundert.13605854045_0d7209a443_o

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·  Title Michael Kohlhaas 4 · Creator Eye Steel Film · License Original source via Flickr

 

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Christa Wolf: „Was bleibt“

Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 1994, Erstausgabe 1990

25 Jahre Deutsche Einheit, ein guter Zeitpunkt um wieder mal zu fragen: „Was bleibt?“

Christa Wolf, nach Reich-Ranickis Einschätzung „Deutschlands humorloseste Schriftstellerin“, ist kurz nach der Wende mit dieser Erzählung an die Öffentlichkeit und damit ins Fettnäpfchen getreten. Ursprünglich 1979 geschrieben und nach dem Mauerfall erst überarbeitet und veröffentlicht löste die Erzählung einen großen Literarturstreit aus, in dem Christa Wolf und die gesamte DDR-Literatur auf den Prüfstand gestellt wurden.

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Literaturnobelpreis 2015 für Swetlana Alexijewitsch

Zum Literaturnobelpreis für Swetlana Alexijewitsch

Buchrezension „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“
Aus dem Russischen von Ganna-Maria BraungardtSuhrkamp Taschenbuch Verlag, 2015

Kaum eine Preisvergabe wird jedes Jahr auf Neue in ihrer Würdigkeit so heftig kritisiert, wie die Auswahl des jährlichen Literaturnobelpreisträgers. Dieses Jahr richtete sich die Kritik auf die Frage: Ist es überhaupt Literatur, wenn jemand eine Collage aus Zeitzeugenberichten zusammenstellt?

Natürlich bewegt man sich als Autorin hier an der Grenze zwischen Reportage und Literatur. Auch Irina Liebmann musste sich dieselbe Kritik gefallen lassen mit „Berliner Mietshaus“ in den 80er Jahren, jetzt wird das Buch wieder beachtet als Zeitzeugenliteratur zur Wende.

Was macht Literatur zur Literatur? Selbst wenn ein Gespräch wiedergegeben wird, so wird schon allein durch die Auswahl, durch Auslassungen, durch kommentierende Ergänzungen, ein Gestaltungsziel verfolgt und umgesetzt: die Intention, eine bestimmte Stimmung, eine Emotion, eine mit einem bestimmten Blick verbundene Perspektivübernahme herauszufordern. Und die Art und Weise der Gestaltung ist eine künstlerische. Weiterlesen

Ingeborg Bachmann-Biografie

Darauf darf man gespannt sein: Eine Biografie als „Polyphonie der Stimmen“, von Andrea Stoll inszeniert. Clever gedacht. Ingeborg Bachmanns Biografie aus nur einem Mund ist Reduktion, dagegen aus verschiedenen Erzählperspektiven gleichzeitig wird die Komplexität einer komplizierten Person vielleicht erahnbar.

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/neue-biographie-der-dichterin-die-vielen-gesichter-der-ingeborg-bachmann-12559845.html

 

 

Neue Formen des Schreibens

Im Artikel: „Leser, mach’s dir selbst“, von Maximilian Probst und Kilian Trotier, ZEIT, 31.01.13 werden die neuen Formen und Möglichkeiten digitaler Autorschaft thematisiert.  Nach dem Motto von Marshall McLuhan: „Das Medium ist die Botschaft“ sind mit dem e-book-Markt ganz neuen Publikationsformen entwickelt worden: das e-book kann mit sämtlichen interaktiven Elementen angereichert werden und insofern ist es nicht verwunderlich, dass nun auch die Möglichkeit, den Leser nicht nur im Leser-Kopf, sondern schon im Schreiben mit zum Autor zu machen, realisiert wird. Computervermittelte Kommunikationsformen basieren auf der Idee des kollaborativen Arbeitens und da ist es naheliegend, auch bei der Produktion von e-books mit bisher festgeschriebenen Setzungen variabel umzugehen. Was aber geschieht, wenn ein Buch nicht mehr vom Autor allein geschrieben wird, wenn es von den Lesern mit gestaltet wird, wenn es vielleicht kein fixiertes Ende mehr gibt, sondern immer wieder mit Veränderungen neu erscheint? Allemal nachdenkenswert. Ich werde den Artikel später noch mal überdenken. Vielleicht anhand von Kommentaren neu bearbeiten…

Die Autoren fragen:

„Was passiert, wenn das Medium Buch unwiderruflich in die Logik des Digitalen eintaucht? Wenn die Möglichkeiten der Vergemeinschaftung im Netz den Prozess des Bücherschreibens verändern?“

Später: Permanente Veränderbarkeit, gemessen am Leseverhalten. Wenn das zur Forderung wird, wo bleibt dann die Kunst?

„Unsere Datenanalyse zeigt, dass auf Seite 39 nach dem zweiten Absatz 24 Prozent der Leser ausgestiegen sind. Anscheinend stimmt da etwas nicht, ändern Sie doch die Passage, damit mehr Leute weiterlesen.“

http://www.zeit.de/2013/06/Internet-Buecher-schreiben

Gegenwartsliteratur DDR: Christa Wolf

„Worin besteht denn die Funktion unserer Literatur, als Ganzes betrachtet? Sie müsste klarmachen, wie bei uns endlich das gesellschaftlich Notwendige sich in Übereinstimmung befindet mit der tiefen Sehnsucht der Menschen nach Vervollkommnung, nach allseitiger Ausbildung ihrer Persönlichkeit; welch ein starker, unerschöpflicher Kraftstrom der sozialistischen Welt durch die Möglichkeit zufließt, diese tiefe Sehnsucht der Menschen zu befriedigen.“ (Christa Wolf, Popularität und Volkstümlichkeit, 1956)

Christa Wolf sah sich im Dienst an der Wahrheit und am Sozialismus auf dem Weg zur klassenlosen Gesellschaft. Vielleicht brauchte sie aus diesem Grund die Prosadichtung, um sich vom ideologischen, widerspruchslosen Schreiben zu befreien.

Die Intellektuellen befolgten die Parole „In die Betriebe“ und Christa Wolf war 1960 im Waggonbau Ammendorf in der Werkbrigade tätig. Hier entstand die Idee zu „Der geteilte Himmel“. In ihrer Erzählung ist den Arbeitern nichts wichtiger als Planerfüllung und Produktivitätssteigerung. Die Trennung eines Liebepaares durch die 1961 gebaute Mauer gibt der Erzählung schließlich ihre historische Dimension. Aber es wird so dargestellt, als wäre eine freie Entscheidung über Gehen oder Bleiben möglich, das Thema Republikflucht existiert nicht. In einer Rede bekannte sie sich zur Mauer als „antifaschistisch- demokratischem Schutzwall.“ Trotz allem: linientreue Kritiker waren entsetzt, es wurden ihr Individualismus, kleinbürgerliche Abweichungen und mangelndes Klassenbewusstsein vorgeworfen. In der BRD wurde das Buch von der neuen Stimme von drüben wohlwollend aufgenommen. Hier wurde für Christa Wolf bereits deutlich, dass ihr künstlerischer Anspruch nicht mit der geforderten politischen Repräsentanz in Einklang zu bringen war.

Wahrheit als das Wesen das Sozialismus war ihre Doktrin, doch schon früh bekam sie zu spüren, dass Wahrheitsanspruch und Parteidisziplin schwer vereinbar sind. Sie trat ein für Dialog und Meinungsaustausch: „Wenn ich nicht in der DDR gelebt hätte, sondern in Westdeutschland, dann weiß ich nicht, ob ich heute Sozialist wäre.“ Ulbricht: „Ich kann nicht zulassen, dass Skeptizismus propagiert wird, und dann in den Plan hineinschreiben, dass die Arbeitsproduktivität um 6% erhöht wird. Wenn wir die Propaganda des Skeptizismus zulassen, senken wir die Erhöhung der Arbeitsproduktivität um 1%. Skeptizismus, das heißt Senkung des Lebensstandards, ganz real, so wird bei uns gerechnet.“ Christa Wolf gehörte nun zu den kritischen Intellektuellen der DDR.

Trotzdem entbrannte in den 90ern ein heftiger Literaturstreit über Christa Wolfs Haltung und ihr Verbleiben in der DDR, trotz dass sie um die Machenschaften des Partei- Apparats bescheid wusste. In diesem Zuge wurde ihr gesamtes literarisches Schaffen noch einmal massiv in Frage gestellt.

In „Stadt der Engel“ schreibt sie zu dem Gedanken, wenn sie 1945 in den Westen gekommen wäre: „Ich wäre ein anderer Mensch geworden. (…) Ob ich geschrieben hätte, weiß ich schon nicht, denn zum Schreiben haben mich ja immer die Konflikte getrieben, die ich in dieser Gesellschaft hatte.“ (Christa Wolf, Stadt der Engel. S.242/43)

Schreiben in der DDR stand unter ganz anderen Vorzeichen (s.o. „Funktion der Literatur“). Idealismus und Ideologie entwickelten sich in konträre Richtungen. Gibt es für uns heute, lange nach dem Scheitern des DDR-Regimes Gründe, uns mit den Literaten als intellektuellen Repräsentanten auseinanderzusetzen?

Gegenwartsliteratur

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs stellte sich auch in der Literatur eine große Krise ein: die Krise des Erzählens, oder: ‚Wie ist Literatur überhaupt noch möglich?‘ Bekannt ist ein Zitat von Theodor W. Adorno:  „…nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben ist barbarisch…“ Wie sollten Dichter, die mit der Realität der Barbarei unter den unterschiedlichsten Blickwinkeln konfrontiert waren – die in Deutschland während des Nationalsozialismus veröffentlicht haben, oder nichtöffentlich schrieben für die Schublade, oder im Exil arbeiteten – in dieser neuen Lebensrealität schreibend Ausdruck finden?

Eine Form, die aus den vielen Unsicherheiten resultierte, war die Krise des Ich, wie sie sich in Max Frischs Dichtung darstellt. „Ich bin nicht Stiller“ (Max Frisch: Stiller), die Verweigerung der Identität, die Frage nach der Zusammensetzung von Identität hängt zusammen mit der Frage nach Verantwortlichkeiten. „Ich ziehe Geschichten an, wie Kleider“ (Max Frisch: Mein Name sei Gantenbein). Der Aufbruch zu neuen Formen der Subjektivität ist der Suche nach Erklärungsmustern geschuldet.

Was ist das gelebte Leben und was davon ist erzählbar?                                                   „Ein großer Teil dessen, was wir erleben, spielt sich in unserer Fiktion ab, das heißt, dass das wenige, was faktisch wird, nennen wir’s die Biographie, die immer etwas Zufälliges bleibt, zwar nicht irrelevant ist, aber höchst fragmentarisch, verständlich nur als Ausläufer einer fiktiven Existenz. Für diese Ausläufer, gewiss, sind wir juristisch haftbar; aber niemand wird glauben, ein juristisches Urteil erfasse die Person. Also was ist die Person? Geben Sie jemand die Chance zu fabulieren, zu erzählen, was er sich vorstellen kann, seine Erfindungen erscheinen vorerst beliebig, ihre Mannigfaltigkeit unabsehbar; je länger wir ihm zuhören, um so erkennbarer wird das Erlebnismuster, das er umschreibt, und zwar unbewusst, denn er selbst kennt es nicht, bevor er fabuliert – „( Gesammelte Werke, Band V,S.332)

Dass Autobiographie ein Stück weit Fiktionalität ist, dass Individualität und Identität nicht dasselbe sind, der Mensch sein eigenes Ich verpassen kann, sind dichterische Themen, die für Frisch Ausdruck einer Generation sind und dennoch immer wieder die Freiheit der Wahl betonen. Frischs Werke sind auf den ersten Blick desillusionierend, auf den zweiten Blick die Suche nach der Selbstwahl, denn das Entscheidende ist im „Stiller“ „…daß einer mit sich selbst identisch wird. Andernfalls ist er nie gewesen!“                                        Frisch zieht sich zurück auf Subjektivität als Ausdrucksmittel, spätere Generationen wählen wieder ganz andere Stilmittel, als Beispiel sei genannt die politische Literatur der späten 60er.

Der Begriff der Gegenwartsliteratur ist gekennzeichnet von einer  „Neuen Unübersichtlichkeit“ (Jürgen Habermas). Unfassbar viele Strömungen haben sich im Laufe einiger Jahrzehnte entwickelt. Irgendwann wird sich die zeitliche Einordnung als Gegenwartsliteratur verschieben auf die Wende 1989. Kann es in diesem Zusammenhang wieder einen Versuch zu einer neuen Funktionsbestimmung von Literatur geben?

http://de.wikipedia.org/wiki/Max_Frisch

Literarische Moderne

Als epochale Zuordnung ist der Begriff der Moderne kaum zu begreifen, vielmehr handelt es sich hierbei um den Versuch, einen Wandel darzustellen, der sich in der Interpretation mit der Zeit auch immer wieder verändert. Zunächst wurde die literarische Moderne auf  das frühe 19. Jahrhundert gesetzt. Ein Beispiel dafür ist E.T.A. Hoffmanns „Lebensansichten des Katers Murr“. Nach Klassik und Romantik versuchte Hoffmann, die Vorgaben des Bildungsromans mit Entwicklungsprozess und Bildungsideal zu ironisieren, indem er einen gebildeten Kater mit breitem Bildungshintergrund als titelgebende Figur beschreibt, die aber über keinerlei Kreativität und im Grunde über keine eigene Persönlichkeit verfügt, sondern sich an der Konvention ausrichtet. Die andere zentrale Romanfigur, Kreisler, wird dargestellt in innerer Zerrissenheit, mit subjektiv motivierten Brüchen im Lebenslauf. Und das ist nun wohl das Entscheidende, wo immer man den Beginn der Moderne festmachen mag: es geschieht eine Wendung hin zur Subjektivität, es werden zunehmend die Einzigartigkeiten in den Blick genommen, auch die Abgründigkeiten des menschlichen Daseins und dies geht einher mit einer Stilpluralität und Aufwertung des Ästhetischen. Außerdem ändert sich der Erzählstil gravierend: die personale Erzählhaltung und der Anspruch, als Autor für den Leser Inhalte erlebbar zu machen, ohne zu beschreiben, wird zur Maßgabe für gelingende Literatur. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, inwieweit sich die Rolle des Lesers mit der Moderne verändert hat.

 

E.T.A. Hoffmann: „Die Lebensansichten des Katers Murr“

Text: http://gutenberg.spiegel.de/buch/3095/1

Romantik

Novalis‘ „Heinrich von Ofterdingen“

Bildungsideal der Romantik

Der Begriff „Romantik“ ist umflort von Assoziationen wie: Naturempfindsamkeit, Überhöhung der Liebe, Jenseitigkeit, erdichtete Welt, Opposition zum Gewöhnlichen, usw. Dem Wort haftet ein Zauber an, der schwer fassbar ist. Bezogen auf das Thema des Bildungsideals ist wesentlicher Kernpunkt der Romantik, dass eine Gruppe junger Menschen ein rvolutionäres Bildungsideal definierte, das, im Gegensatz zur Klassik, die sich auf das antike Griechenland bezog, eher eine Hinwendung zum Mittelalter pflegte in bezug auf Naturverherrlichung, Glaube und Mystik, Suche nach Erfüllung im Jenseitigen, im Phantastischen. Für die Dichter der Romantik waren wichtige Ausdrucksmittel: Überlieferungen des einfachen Volks, traditionelle Geschichten, der Gesang (in jedem Buch tauchen niedergeschriebene Gesänge auf), der Traum und die Illusion. Aus diesem Konglomerat gestalteten sie eine Welt, von der sie hofften, dass sie die nüchterne, vernunft- und wissenschatsorientierte Realität noch einmal umgestalten könne. Die Romantiker gingen sogar so weit zu postulieren, dass die phantasierte Welt in Wahrheit die reellere Welt sei. Sie machten es sich zur Aufgabe, über ihre literarischen Fiktionen Welt gestalten zu wollen. Manch einer verlor sich zwischen dem Diesseits und Jenseits. Trotzdem haftet der Romantik auch heute noch etwas an, was mit großer Verführungskraft den Rahmen des normalbürgerlichen sprengt und das Leben um eine, wenn auch fragile und „unvernünftige“ Dimension erweitert.
Der „Heinrich von Ofterdingen“ von Novalis (Hardenberg) hat seinen Namen von einem mittelalterlichen Sänger. Novalis beschreibt hier die Poesie des Lebens, eine Entwicklungsgeschichte, die in Traum- und Märchensequenzen eine Betrachtung über das Leben bereithält, in der das Leben zur Kunst wird, über den Rückbezug auf die Natur eine zielgerichtete Entwicklung gefordert wird Die Scheinwelt erzeugt das vollendete Leben. Die blaue Blume, Symbol der Romantik, erweckt Sehnsucht, führt hin zu Poesie und Leben und steht schließlich für das vollendete Leben.

Eine Sehnsucht nach höchsten Zielen und ein nie stillbares Velangen nach Liebe und Schönheit entspricht der Typologie des romantischen jungen Menschen.

http://gutenberg.spiegel.de/buch/5235/1

Caroline Auguste Fischer

 Welche Themen hatten Autorinnen zur Zeit unserer großen Bildungsideale? Ein Beispiel: Caroline Auguste Fischer, die unter Pseudonym veröffentlichen musste und im Gegensatz zu den späteren Schriftstellerinnen der Romantik als Frau aus einfachen Verhältnissen keine Unterstützung und Förderung hatte.

Sie setzte sich in ihren Schriften auch mit Mädchenerziehung und Bildungsideal auseinander und versuchte das Erziehungsmodell von Rousseaus „Émile“ auf weibliche Entwicklung anzuwenden, wobei sie nicht umhin kam, im Fall der Frau Bildungsideal, Erziehung zum Individuum und Rollenerwartung als Gattin, Mutter und Hausfrau in ihrer Widersprüchlichkeit darzustellen. 1818 fordert sie in einer Erzählung „Freyheit des Geistes für beide Geschlechter.“

1802 erscheint ihr Briefroman „Die Honigmonathe“ als subversive Ironisierung der Ideale weiblicher Bildung. Durch die Gegenüberstellung einer Protagonistin, die sich dem Ideal entsprechend zu einer Frau entwickelt „wie sie sein sollte“ und in der Ehe nichts anderes erfährt als Unterdrückung und erniedrigende Verhätnisse, und der anderen Protagonistin, die überall gegen diese Ideale verstößt und um ein selbstbestimmtes Leben kämpft, wird „Honigmonathe“ zu einer Geschichte um die Schwierigkeit weiblicher moralischer  Sebstgesetzgebung. Ihr Roman ist in dieser Zeit der einzigartige Versuch, Abhängigkeit nicht nur in Frage zu  stellen, sondern einen Gegenentwurf zu formulieren. Man muss bedenken, dass zu dieser Zeit im Falle einer Trennung der Vater die Rechte auf Kinder hatte, daraus erklärt sich das folgende Plädoyer für eine Ehe auf Zeit  aus den „Honigmonathen“ mit vereinbarungsmäßig legitimiertem Mutterschaftsanspruch:

„‚Mein Freund – sage ich dann – gefalle ich dir, so möge ich wohl auf ein Jahr der fünf deine Frau werden. Sind wir glücklich, so geben wir noch vier Jahre zu. Dann drey, dann zwey, und zuletzt hast du die Freyheit, dich alle Jahr von mir zu trennen.‘

‚ Aber in der Zeit wo du mir gehörst, gehöst du mir ganz. Kein Laufen, kein Gaffen! das sage ich dir! – Ich binde mich; aber auch du bist gebunden. Hälst du nicht Wort; so ziehst du weiter. aber die Kinder bleiben mir, oder aus der ganzen Sache wird nichts.‘

Nichts von Inconsequenz! die gewöhnlichen Ehen widerstehen mir noch eben so sehr wie vormals. Es ist mir unbegreiflich, warum sich die Leute schlechterdings auf das ganze Leben zusammenschmieden lassen.

Was wäre denn nun dabei verloren? Wenn sie alle vier oder fünf Jahre gesetzmäßig  erinnert würden; wie viel große Ränke des Bräutigams und viel kleine der Braut erforderlich waren, um des heiligen Joches würdig erachtet zu werden.

Nein! nein! Auf kurze Zeit wenigstens müssten sie getrennt, und ohne feyerliche Erklärung nicht wieder verbunden werden.“  (Honigmonathe, 136-38)

Caroline Auguste Fischer, Autorin: http://gutenberg.spiegel.de/autor/165