Julia Wolf: Walter Nowak bleibt liegen

Ex-Alphamännchen im Rentenalter knallt mit voller Kraft voraus gegen eine Schwimmbeckenwand im Konkurrenzschwimmkampf mit einer jungen Frau. Zu Hause in seinem Badezimmer bleibt er auf den Fliesen einfach liegen und versucht, sein Selbstbild, seine Lebensgeschichte, seine Beziehungskisten zu retten. Natürlich muss sich Julia Wolf hier einer Menge von Stereotypen bedienen, um dieses völlig überlebte Männerleben zu skizzieren und ja es ist enervierend, wenn die Typologie so wenig kreativ ist. Trotzdem.

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Peter Härtling / André Gorz / Matthias Oden

Hab’ da noch von meinem SuB ein paar Bücher dieses Sommers, die keine Rezension bekommen, aber nicht unerwähnt bleiben sollen.

Peter Härtling: Niembsch oder Der Stillstand.
Nach dem Tod von Peter Härtling, den ich vornehmlich als Kinderbuchautor kannte, habe ich mir ein kleines, schmuckes Buch bestellt mit dem Titel Niembsch oder Der Stillstand.
Eine Suite. Die Biographie eines Dichters des 19. Jahrhunderts hat ihn zu dieser bezaubernden Liebesgeschichte angeregt. Niembsch schreibt an einem Werk über Don Juan und erzählt auf ambitioniert poetische Art von seinen eigenen Liebesgeschichten. Es sind aber, im Unterschied zu Don Juan, einige wenige Frauen, die alle, auf unterschiedliche Art, tief in sein Leben eingreifen. Und am Ende begleitet er eine langjährige Geliebte beim Sterben. Dieses Erlebnis ist so einzigartig schön beschrieben, dass mir die Worte fehlen. Den Lyriker merkt man am Schreibstil überall und manchmal fiel es mir etwas schwer, die Geschichte sortiert zu bekommen.

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Gustave Flaubert: Madame Bovary

Womit könnte man der „Fifty-Shades-of-Grey-Generation“ die Madame Bovary schmackhaft machen? Sicher nicht mit dem zunächst beinahe banalen Storyplot eines Liebesdramas aus dem 19. Jahrhundert. Und doch. Es steckt etwas darin, etwas vom ewigen Wahnsinn der leidenschaftlichen Liebe, etwas von der Versuchung des Verderbten und etwas von dem Sog, den die Sehnsucht, bis zum Letzten zu gehen, und sei es um den Preis des Lebens, damals wie heute ausübt.

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Heinrich von Kleist: Michael Kohlhaas

Brandaktuell: Die Rolle des Einzelnen gegen eine korrupte Gesellschaft, Gerechtigkeitsterrorismus und Selbstjustiz und die große Diskussion um das Widerstandsrecht gegen die vorherrschende Politik! Das macht einen Klassiker aus, dass er uns über die Zeit hinweg etwas zu sagen hat.

Eigentlich Gründe genug, um den alten Kohlhaas mal wieder auszupacken. Auf ihn gekommen bin ich aber ganz anders: über Dagmar Leupolds Roman „Die Helligkeit der Nacht“, in dem der verstorbene Heinrich von Kleist einen Briefwechsel mit Ulrike Meinhof phantasiert. Aber dazu an anderer Stelle mehr.

1802 erschien der „Michael Kohlhaas“ in einer Zeit, da die Versprechungen und Hoffnungen der französischen Revolution noch frisch, wenn auch schon enttäuscht waren. Kleist ist mit seinen Schriften bekannt dafür – man könnte sagen, im Sinne Jean Jacques Rousseaus – Kritik zu üben an der Gesellschaft, von der humanen Seite aus. Oftmals verkleidet er seine Kritik in Parabeln oder in Übertragungen auf historischen Stoff, wie z.B. bei der „Penthesilea“, oder eben auch dem „Michael Kohlhaas“, der zurückgeht auf einen überlieferten Fall aus dem 16. Jahrhundert.13605854045_0d7209a443_o

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·  Title Michael Kohlhaas 4 · Creator Eye Steel Film · License Original source via Flickr

 

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Christa Wolf: „Was bleibt“

Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 1994, Erstausgabe 1990

25 Jahre Deutsche Einheit, ein guter Zeitpunkt um wieder mal zu fragen: „Was bleibt?“

Christa Wolf, nach Reich-Ranickis Einschätzung „Deutschlands humorloseste Schriftstellerin“, ist kurz nach der Wende mit dieser Erzählung an die Öffentlichkeit und damit ins Fettnäpfchen getreten. Ursprünglich 1979 geschrieben und nach dem Mauerfall erst überarbeitet und veröffentlicht löste die Erzählung einen großen Literarturstreit aus, in dem Christa Wolf und die gesamte DDR-Literatur auf den Prüfstand gestellt wurden.

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Literaturnobelpreis 2015 für Swetlana Alexijewitsch

Zum Literaturnobelpreis für Swetlana Alexijewitsch

Buchrezension „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“
Aus dem Russischen von Ganna-Maria BraungardtSuhrkamp Taschenbuch Verlag, 2015

Kaum eine Preisvergabe wird jedes Jahr auf Neue in ihrer Würdigkeit so heftig kritisiert, wie die Auswahl des jährlichen Literaturnobelpreisträgers. Dieses Jahr richtete sich die Kritik auf die Frage: Ist es überhaupt Literatur, wenn jemand eine Collage aus Zeitzeugenberichten zusammenstellt?

Natürlich bewegt man sich als Autorin hier an der Grenze zwischen Reportage und Literatur. Auch Irina Liebmann musste sich dieselbe Kritik gefallen lassen mit „Berliner Mietshaus“ in den 80er Jahren, jetzt wird das Buch wieder beachtet als Zeitzeugenliteratur zur Wende.

Was macht Literatur zur Literatur? Selbst wenn ein Gespräch wiedergegeben wird, so wird schon allein durch die Auswahl, durch Auslassungen, durch kommentierende Ergänzungen, ein Gestaltungsziel verfolgt und umgesetzt: die Intention, eine bestimmte Stimmung, eine Emotion, eine mit einem bestimmten Blick verbundene Perspektivübernahme herauszufordern. Und die Art und Weise der Gestaltung ist eine künstlerische. Weiterlesen „Literaturnobelpreis 2015 für Swetlana Alexijewitsch“

Ingeborg Bachmann-Biografie

Darauf darf man gespannt sein: Eine Biografie als „Polyphonie der Stimmen“, von Andrea Stoll inszeniert. Clever gedacht. Ingeborg Bachmanns Biografie aus nur einem Mund ist Reduktion, dagegen aus verschiedenen Erzählperspektiven gleichzeitig wird die Komplexität einer komplizierten Person vielleicht erahnbar.

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/neue-biographie-der-dichterin-die-vielen-gesichter-der-ingeborg-bachmann-12559845.html

 

 

Neue Formen des Schreibens

Im Artikel: „Leser, mach’s dir selbst“, von Maximilian Probst und Kilian Trotier, ZEIT, 31.01.13 werden die neuen Formen und Möglichkeiten digitaler Autorschaft thematisiert.  Nach dem Motto von Marshall McLuhan: „Das Medium ist die Botschaft“ sind mit dem e-book-Markt ganz neuen Publikationsformen entwickelt worden: das e-book kann mit sämtlichen interaktiven Elementen angereichert werden und insofern ist es nicht verwunderlich, dass nun auch die Möglichkeit, den Leser nicht nur im Leser-Kopf, sondern schon im Schreiben mit zum Autor zu machen, realisiert wird. Computervermittelte Kommunikationsformen basieren auf der Idee des kollaborativen Arbeitens und da ist es naheliegend, auch bei der Produktion von e-books mit bisher festgeschriebenen Setzungen variabel umzugehen. Was aber geschieht, wenn ein Buch nicht mehr vom Autor allein geschrieben wird, wenn es von den Lesern mit gestaltet wird, wenn es vielleicht kein fixiertes Ende mehr gibt, sondern immer wieder mit Veränderungen neu erscheint? Allemal nachdenkenswert. Ich werde den Artikel später noch mal überdenken. Vielleicht anhand von Kommentaren neu bearbeiten…

Die Autoren fragen:

„Was passiert, wenn das Medium Buch unwiderruflich in die Logik des Digitalen eintaucht? Wenn die Möglichkeiten der Vergemeinschaftung im Netz den Prozess des Bücherschreibens verändern?“

Später: Permanente Veränderbarkeit, gemessen am Leseverhalten. Wenn das zur Forderung wird, wo bleibt dann die Kunst?

„Unsere Datenanalyse zeigt, dass auf Seite 39 nach dem zweiten Absatz 24 Prozent der Leser ausgestiegen sind. Anscheinend stimmt da etwas nicht, ändern Sie doch die Passage, damit mehr Leute weiterlesen.“

http://www.zeit.de/2013/06/Internet-Buecher-schreiben

Gegenwartsliteratur DDR: Christa Wolf

„Worin besteht denn die Funktion unserer Literatur, als Ganzes betrachtet? Sie müsste klarmachen, wie bei uns endlich das gesellschaftlich Notwendige sich in Übereinstimmung befindet mit der tiefen Sehnsucht der Menschen nach Vervollkommnung, nach allseitiger Ausbildung ihrer Persönlichkeit; welch ein starker, unerschöpflicher Kraftstrom der sozialistischen Welt durch die Möglichkeit zufließt, diese tiefe Sehnsucht der Menschen zu befriedigen.“ (Christa Wolf, Popularität und Volkstümlichkeit, 1956)

Christa Wolf sah sich im Dienst an der Wahrheit und am Sozialismus auf dem Weg zur klassenlosen Gesellschaft. Vielleicht brauchte sie aus diesem Grund die Prosadichtung, um sich vom ideologischen, widerspruchslosen Schreiben zu befreien.

Die Intellektuellen befolgten die Parole „In die Betriebe“ und Christa Wolf war 1960 im Waggonbau Ammendorf in der Werkbrigade tätig. Hier entstand die Idee zu „Der geteilte Himmel“. In ihrer Erzählung ist den Arbeitern nichts wichtiger als Planerfüllung und Produktivitätssteigerung. Die Trennung eines Liebepaares durch die 1961 gebaute Mauer gibt der Erzählung schließlich ihre historische Dimension. Aber es wird so dargestellt, als wäre eine freie Entscheidung über Gehen oder Bleiben möglich, das Thema Republikflucht existiert nicht. In einer Rede bekannte sie sich zur Mauer als „antifaschistisch- demokratischem Schutzwall.“ Trotz allem: linientreue Kritiker waren entsetzt, es wurden ihr Individualismus, kleinbürgerliche Abweichungen und mangelndes Klassenbewusstsein vorgeworfen. In der BRD wurde das Buch von der neuen Stimme von drüben wohlwollend aufgenommen. Hier wurde für Christa Wolf bereits deutlich, dass ihr künstlerischer Anspruch nicht mit der geforderten politischen Repräsentanz in Einklang zu bringen war.

Wahrheit als das Wesen das Sozialismus war ihre Doktrin, doch schon früh bekam sie zu spüren, dass Wahrheitsanspruch und Parteidisziplin schwer vereinbar sind. Sie trat ein für Dialog und Meinungsaustausch: „Wenn ich nicht in der DDR gelebt hätte, sondern in Westdeutschland, dann weiß ich nicht, ob ich heute Sozialist wäre.“ Ulbricht: „Ich kann nicht zulassen, dass Skeptizismus propagiert wird, und dann in den Plan hineinschreiben, dass die Arbeitsproduktivität um 6% erhöht wird. Wenn wir die Propaganda des Skeptizismus zulassen, senken wir die Erhöhung der Arbeitsproduktivität um 1%. Skeptizismus, das heißt Senkung des Lebensstandards, ganz real, so wird bei uns gerechnet.“ Christa Wolf gehörte nun zu den kritischen Intellektuellen der DDR.

Trotzdem entbrannte in den 90ern ein heftiger Literaturstreit über Christa Wolfs Haltung und ihr Verbleiben in der DDR, trotz dass sie um die Machenschaften des Partei- Apparats bescheid wusste. In diesem Zuge wurde ihr gesamtes literarisches Schaffen noch einmal massiv in Frage gestellt.

In „Stadt der Engel“ schreibt sie zu dem Gedanken, wenn sie 1945 in den Westen gekommen wäre: „Ich wäre ein anderer Mensch geworden. (…) Ob ich geschrieben hätte, weiß ich schon nicht, denn zum Schreiben haben mich ja immer die Konflikte getrieben, die ich in dieser Gesellschaft hatte.“ (Christa Wolf, Stadt der Engel. S.242/43)

Schreiben in der DDR stand unter ganz anderen Vorzeichen (s.o. „Funktion der Literatur“). Idealismus und Ideologie entwickelten sich in konträre Richtungen. Gibt es für uns heute, lange nach dem Scheitern des DDR-Regimes Gründe, uns mit den Literaten als intellektuellen Repräsentanten auseinanderzusetzen?

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