Ingo Schulze: Peter Holtz. Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst

Wie werden wir nur dieses verdammte Kapital wieder los?

Ein Schelmenroman soll’s sein, voller Ironie. Ingo Schulzes opulenter 600 Seiten Roman erzählt ab der Jugendzeit die Entwicklung eines jungen Mannes, der stets getragen von einem unumstößlichen Idealismus voller Überzeugung nach der Wende 1989 sein Fähnlein in die andere Richtung hängt, aber immer mit Inbrunst das Gute für die Allgemeinheit will. Ingo Schulze sagt im Interview im Tagesspiegel:

Ich war nicht naiv genug, um mir so etwas wie den Herbst 1989 wirklich vorstellen zu können. Aber als es dann da war, war ich, wie Peter Holtz, davon überzeugt, jetzt wird daraus tatsächlich eine demokratische Republik, ein Sozialismus mit menschlichem Antlitz.“ Weiterlesen „Ingo Schulze: Peter Holtz. Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst“

Ilona Jerger: Und Marx stand still in Darwins Garten.

Die fiktive Begegnung zweier Gelehrter unterschiedlicher Wissenschaftsbereiche, die sich aneinander reiben und gleichzeitig im Roman als Persönlichkeit sichtbar werden, ist ein Erzählkonstrukt, das mir schon bei Yaloms „Und Nietzsche weinte“ und bei Kehlmanns „Die Vermessung der Welt“ sehr gut gefallen hat. Natürlich, ein Roman ist ein Roman, aber es kann auch ein Genuss sein, gewisse faktische Zusammenhänge oder theoretische Konstrukte im Licht einer Geschichte noch mal anders zu denken.

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Birgit Müller-Wieland: Flugschnee, Longlist Buchpreis 2017

„Du bist verschwunden, Simon.“ (S.7) Das ist der Aufhänger, an dem entlang eine Geschichte über vier Generationen aufgedröselt wird und der den Spannungsbogen über 340 Seiten halten soll. Lucy, Simons Schwester kommt die Rolle zu, im Archiv des Unausgesprochenen zu graben. Der Verweis auf ein altes, familiäres Trauma weckt die Erwartung einer großen Aufklärung am Ende der Geschichte, die aber so nicht erfüllt wird. Ob es Absicht ist, den Leser am Ende mit seiner Erwartung im „Flugschnee“ stehen zu lassen – bei den Rezensenten hat dies jedenfalls für einige Irritation gesorgt.

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Christoph Höhtker: Das Jahr der Frauen

Die Reise führt durch mehrere Etagen einer in Genf sitzenden internationalen gemeinnützigen Organisation, durch verschiedene Länder und viele Betten. Ein lebensmüder PR- Misanthrop arbeitet an der Biographie des Gründers dieser Vereinigung und lässt vermuten, dass es in der ganzen Auslegung der Geschichte um einen einzigen PR-Fake geht. Und auf diese Art ist es auch erträglich, die ganzen Frauengeschichten als einen großen Selbstbetrug mit misogynen Abstandshaltern einzuordnen, ohne die der Lebensmüde lieber heute als Morgen aus dem Leben scheiden würde.

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Mirko Bonné: Lichter als der Tag

Wieder steht er auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis. Mirko Bonné, ein Schriftsteller, der sein Handwerk sehr gut beherrscht, der es versteht, eine Atmosphäre zu kreieren, die einen Sog entwickelt in das Innenleben des Hauptprotagonisten hinein, in seine Verzweiflungen und Widersprüchlichkeiten. Es sind immer tragische Figuren, die vom Leben in eine Tiefe gerissen wurden, aus der heraus sie einen anderen Blick für die Nuancen von Dunkelheit und Helligkeit entwickeln. Und das ist der einmalige Lesegenuss an den Romanen Bonnés, dieses besondere Gefühl eines vom Leben Mitgenommenen, der nicht nur die Schattenseiten, sondern auch die leuchtenden Momente besonders intensiv beschreiben kann, immer begleitet von einem ganz speziellen Glück der Melancholie.

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Julia Wolf: Walter Nowak bleibt liegen

Ex-Alphamännchen im Rentenalter knallt mit voller Kraft voraus gegen eine Schwimmbeckenwand im Konkurrenzschwimmkampf mit einer jungen Frau. Zu Hause in seinem Badezimmer bleibt er auf den Fliesen einfach liegen und versucht, sein Selbstbild, seine Lebensgeschichte, seine Beziehungskisten zu retten. Natürlich muss sich Julia Wolf hier einer Menge von Stereotypen bedienen, um dieses völlig überlebte Männerleben zu skizzieren und ja es ist enervierend, wenn die Typologie so wenig kreativ ist. Trotzdem.

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Peter Härtling / André Gorz / Matthias Oden

Hab’ da noch von meinem SuB ein paar Bücher dieses Sommers, die keine Rezension bekommen, aber nicht unerwähnt bleiben sollen.

Peter Härtling: Niembsch oder Der Stillstand.
Nach dem Tod von Peter Härtling, den ich vornehmlich als Kinderbuchautor kannte, habe ich mir ein kleines, schmuckes Buch bestellt mit dem Titel Niembsch oder Der Stillstand.
Eine Suite. Die Biographie eines Dichters des 19. Jahrhunderts hat ihn zu dieser bezaubernden Liebesgeschichte angeregt. Niembsch schreibt an einem Werk über Don Juan und erzählt auf ambitioniert poetische Art von seinen eigenen Liebesgeschichten. Es sind aber, im Unterschied zu Don Juan, einige wenige Frauen, die alle, auf unterschiedliche Art, tief in sein Leben eingreifen. Und am Ende begleitet er eine langjährige Geliebte beim Sterben. Dieses Erlebnis ist so einzigartig schön beschrieben, dass mir die Worte fehlen. Den Lyriker merkt man am Schreibstil überall und manchmal fiel es mir etwas schwer, die Geschichte sortiert zu bekommen.

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Tim Marshall: Die Macht der Geographie

Da hat es doch tatsächlich ein Buch über Politik auf die Bestsellerliste geschafft! Interessieren sich Leute angesichts des grotesken politischen Gebarens auf der politischen Bühne wieder mehr für Politik? Wohl kaum. Das Buch verspricht Antworten, einfache Antworten. „Die Macht der Geographie“. Da hat man etwas, womit sich durch äußere, gegebene Einflüsse Weltpolitik erklären lässt. Und an der Geographie kann man schließlich auch nichts ändern. So viel gleich mal zu meinem Unbehagen, als ich das Buch in die Hand nahm.

Aber, ein großes Aber, Tim Marshall bleibt ja nicht in der Geographie stecken. Wer in komprimierter Form einmal etwas lesen möchte, das mit viel Wissen und Erfahrung einen Überblick bietet über politisch historische Zusammenhänge, der ist mit diesem Buch gut beraten. Immer im Bewusstsein, dass jedes Kapitel nur einen Ausschnitt bieten kann, der vielleicht zu zusätzlicher Lektüre anregt.

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Gustave Flaubert: Madame Bovary

Womit könnte man der „Fifty-Shades-of-Grey-Generation“ die Madame Bovary schmackhaft machen? Sicher nicht mit dem zunächst beinahe banalen Storyplot eines Liebesdramas aus dem 19. Jahrhundert. Und doch. Es steckt etwas darin, etwas vom ewigen Wahnsinn der leidenschaftlichen Liebe, etwas von der Versuchung des Verderbten und etwas von dem Sog, den die Sehnsucht, bis zum Letzten zu gehen, und sei es um den Preis des Lebens, damals wie heute ausübt.

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