Virginia Woolf: Orlando. Eine Biographie

Zwei Bücher von Virginia Woolf standen schon lange im Regal und warteten. Zum Teil von Vorurteilen überschattet schien mir manches überholt, manches schwer verstehbar, aber immer auch mit einem gewissen Vorbehalt gegen diese zutiefst melancholische Dichterin. In ihre Gedankenwelt einzutauchen war ein Versuch. Es ist mir bei „Orlando“ nicht ganz gelungen. Der Roman ist gefüllt mit Bildern von kontemplativer Innenschau, verbunden mit einer Fabulierlust, die es hundert Jahre nach der Entstehung dem Leser nicht ganz leicht macht, die intertextuellen Bezüge, die Diskurse der Zeit und im Besonderen Woolfs poetische Experimente zu verstehen. Umso mehr kommt ein gewisses literaturhistorisches Interesse auf seine Kosten und die konventionellen Vorstellungen von Literatur werden herausgefordert und offengelegt. Wodurch? Nun ja, das Thema einer Geschlechtsverwandlung wurde bereits vielfach variiert in der Literatur, das ist es nicht, es ist vielmehr die Art und Weise. Man könnte sagen, der Essay „Ein eigenes Zimmer“ ist die Poetikvorlesung dazu. Es sind Vorträge, 1928 gehalten, die Frauen ermutigen, sich in eine eigene, neue Beziehung zur Welt zu setzen, mutig Bücher aller Art zu schreiben, die sich nicht an einem hegemonialen Kanon entlangarbeiten, sondern Geschichte anders sichtbar zu machen. Sie selbst als Autorin zeichnet mit Sprache phantastische Bilder, deren Struktur oftmals nicht zu entschlüsseln ist. Muss man auch nicht.

„Orlando, der Held, wird von den Tagen Elizabeths bis zur Gegenwart leben und auf halbem Wege eine Frau werden. Es wird völlig fantastisch und sehr einfach geschrieben sein, eher in der Art verschiedener Autoren wie Defoe und Lord Macaulay“, schreibt sie an ihren Verleger Donald Brace im Oktober 1927.

Die Autorin stand in einem leidenschaftlichen Verhältnis zu Vita Sackville-West, einer begüterten, adligen Schriftstellerin. Sie hat mit dem Bild dieser bewunderten Freundin im Kopf die Orlando Figur zu einem fantastischen Wesen ausfabuliert.

Woolf hat sie diesen Roman in drei schöpferischen Monaten niedergeschrieben und am Ende gedacht, sie könne nie wieder einen Roman schreiben. Es muss ein erfüllendes und auszehrendes Schreiben gewesen sein. „Orlando. Eine Biographie“ ist in vieler Hinsicht auch eine Parodie auf biographisches Be-Schreiben. Woolfs Vita über ihre Freundin Vita beginnt mit einem Vorwort, Danksagung und Register, das unvollständig und irreführend schon eine Parodie für sich darstellt. Das Leben von Orlando, vom jungen adligen Geliebten der Königin Elizabeth I., bis zur Schriftstellerin 1928 durchläuft vier Jahrhunderte und Orlando ist am Ende 36 Jahre alt. Die Geschlechtsumwandlung geschieht irgendwann im Schlaf, ziemlich unspektakulär, wie insgesamt das Leben dieser Geschichte in der jeweiligen Zeit. Das, was im Inneren der Figur vorgeht, die Beobachtungen, ist das, was der Figur Realität verleiht und sich zugleich entzieht. Orlando, selbst SchriftstellerIn, trägt ein episches Werk mit sich durch die Jahrhunderte: „Der Eichbaum“, und findet schließlich doch noch im 20. Jahrhundert einen Verleger dafür.

Die Diskurse innerhalb der Literatur, die Virginia Woolf in ihrer Zeit mit geprägt hat, richten sich gegen die Instrumentalisierung von Literatur und gegen die Festschreibung und Beschränkung. Sie wollte sich nicht auf frauenemazipatorisches Schreiben reduzieren lassen, womit man ihr auch unrecht täte, denn die Auseinandersetzung mit den klassischen Formen des Schreibens, das Parodieren einer Biographie, die Auseinandersetzung mit den Schriftstellern in der Geschichte, setzt sich mit den Formen des möglichen Schreibens auseinander. Und am Ende entsteht ein selbstreferenzieller Text. Und die Möglichkeit, ein Leben (nicht nur im Schreiben) in viele Figuren aufzuspalten, in mehrere Ichs, ist auch ein Thema in ihren Vorlesungen. „Atomisierung der Individualität“ trifft es ganz gut, das beschreibt auch Markus Gasser am 31.08.2012 in der FAZ:

Voller üppig sich türmender, lyrischer Satzgefüge, ausgelassen komisch und intelligent, kommt dem Leser das Buch noch während der Lektüre wie eine Unmöglichkeit vor. „In Norwich wollte eine junge Bäuerin in bester Gesundheit die Straße überqueren, und die Umstehenden sahen, wie sie wahrhaftig pulverisiert und als Staubwolke über die Dächer geblasen wurde, als der eisige Windstoß an der Straßenecke über sie herfiel.“ Das ist Woolfs „magischer Realismus“, lange bevor dieser hilflos trübe Begriff an Universitäten in Umlauf kam.

„In der Tat hätten wir sie fast als eine vollkommen zerstückelte Person aufgegeben, wenn nicht an dieser Stelle, endlich, ein grüner Schirm zur rechten Seite hochgehalten worden wäre, gegen den die kleinen Papierfetzen langsamer fielen; …“ (216)

„Orlando“. Eine Herausforderung.

Virgina Woolf: „Orlando“. Eine Biographie. Aus dem Englischen von Melanie Walz. Insel Verlag, Berlin 2012. 304 S., 21,95 Euro.

Ausführlichere Inhaltsangabe mit Interpretationsansätzen gibt es hier:

Ringvorlesung
Virginia Woolf: Orlando. Eine Biographie
Romane des 20. Jahrhunderts

http://www.literaturwissenschaft-online.de

 

 

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Autor: dagmaregeroffel

Dozentin für Literatur und Philosophie in der Erwachsenenbildung

2 Kommentare zu „Virginia Woolf: Orlando. Eine Biographie“

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