George Orwell: 1984

Ein Klassiker erlebt eine Renaissance. Anfang des Jahres wurde diese Dystopie mit „Doppeldenk“ und „Neusprech“ vor allem in den USA wieder verstärkt rezipiert, was mit den Strategien Donald Trumps in Verbindung gebracht wurde. „Alternative Fakten“ kommen dem „Doppeldenk“ nach Orwell ziemlich nahe. Aber die eigentlichen Fragen, die hier bereits 1949 thematisiert wurden, gehen viel tiefer. Damals ging es um die Verhältnismäßigkeit zwischen Einzelnem und einem politischen System, das als Legitimation autoritär- diktatorischen Regierens das Wohl der Bürger auf seine Fahnen schreibt. Eine Frage, die Orwell in diesem Roman aufwirft: Was wird aus dem Menschen, wenn er für die Armeen nicht mehr benötigt wird? Für die Stabilisierung von Hierarchien braucht die Elite den Massenmenschen nicht mehr. Noch weiter, noch tiefer gehend zeigt Orwells Roman, dass wir uns durchaus unserer Selbst nicht sicher sein können. Am Ende steht als Frage im Raum: Wie viel bleibt übrig von dem, was wir „Selbst“ oder „Ich“ nennen, oder von einem „Willen“? Interessant an der Lektüre solcher Romane mit Modellcharakter sind natürlich immer auch die möglichen Übertragungen auf die Gegenwart, auf eine Zukunft: Welche Rolle spielt das Individuum in Zukunft, im Zuge der Entwicklungen in einer technisierten, von Daten gesteuerten Welt und wird nicht der gewöhnliche Mensch überflüssig?

Nun, die Geschichte von „Big Brother is watching you“ ist hinlänglich bekannt – verrückt genug, dass es dieses Bild, das von Lesern eindeutig als Bedrohung empfunden wurde, zu einem über Jahrzehnte erfolgreichen Fernsehformat gebracht hat. In George Orwells Roman sind die Menschen funktionierende Rädchen in einem diktatorisch geführten Regime, das, je nach seinem Nutzen, die gesamte Geschichte umschreibt. Das Training von Doppeldenk ist für die Parteimitglieder eine Notwendigkeit, um die geistigen Volten zu vollbringen, die es erfordert, von der Falschheit aller Aussagen zu Politik, Gesellschaft, Geschichte und Wissenschaft zu wissen, und sie dennoch als wahr zu verteidigen, bzw. unmögliche Widersprüche hinzunehmen und zu reproduzieren, und zwar mit aller Überzeugung. Es gibt eine fiktive Opposition im Untergrund, die den letzten unzufriedenen Parteimitgliedern erklärt, worum es geht: um die Aufrechterhaltung der Hierarchie. Zu diesem Zweck werden auch fiktive Kriege geführt um unbedeutende Regionen. Drei Weltmächte, allesamt nach unterschiedlichen Ideologien diktatorisch regiert, kämpfen um die Vorherrschaft. Individuen spielen keine Rolle. Die „Proles“ werden bewusst für dumm verkauft. Und wenn das unzufriedene Parteimitglied all dies verstanden und durchblickt hat, wird ihm erzählt, dass auch die Opposition Teil des Systems ist. Und um es dann ganz auf Linie zu bringen, wird es gefoltert mit seinen eigenen Ängsten und Begierden und muss sich am Ende eingestehen, dass es einen Moment gibt, einen einzigen existentiellen Moment, in dem es nur an sich selbst denkt, an seine eigene Rettung, dass es in diesem Moment jede Idee, die über sein Eigeninteresse hinausgeht, verrät, alles und jeden verrät, nur um sich selbst zu retten. Und damit ist der letzte Rest seines Willens gebrochen.

George Orwells Geschichte ist nach wie vor eine der zeitlosesten Dystopien, weil sie an einen Kern rührt, der auch in Zeiten vollkommen anders gestalteter Umstände die wesentlichen Zweifel thematisiert. Auf dem Prüfstand stehen alle Entwicklungen, die behaupten, zum Wohl der Menschheit, zum Wohl einer Bevölkerung, zum Wohl einer Nation auf eine Idee zu rekurrieren, der sich die Bevölkerung unterzuordnen hat. Despotismus ist die notwendig ergänzende andere Seite der Gewalt.

Und der Glaube an den Fortschritt mit Religionscharakter ist das gegenwärtige Thema aller Diskussionen um die Entwicklung immer umfassenderer Steuerung durch Algorithmen. Yuval Noah Harari thematisiert in „Homo Deus. Eine Geschichte von Morgen“, genau die oben genannte Punkte nach Individuum, Wille, Selbst, vor dem Hintergrund der Übernahme aller Gestaltungsmacht durch die Algorithmen. Auch er bezieht sich an einer Stelle auf Orwells Idee, dass die Massen mit dem Wegfall der Armeen für die Eliten vollkommen überflüssig werden.

George Orwell: 1984, übersetzt von Michael Walter, Verlag Ullstein GmbH, Ozeanische Bibliothek 1984, Frankfurt, Berlin, Wien, 1984
ganz aktuell als Neuausgabe im Ullstein Verlag erschienen

Daniel Kehlmann in Deutschland Radio Kultur vor zwei Tagen: Jemand, der Unterdrückung bekämpfen wolle, habe mit diesem Buch eine echte Waffe zur Verfügung, so der Erfolgsautor.

 

2 Kommentare zu „George Orwell: 1984

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  1. Danke für die sehr kompakte und analytische Zusammenfassung. In letzter Zeit dachte ich immer wieder mal an den Roman im Zusamnmenhang mit den Observations- und Datenthemen wie mit George Orwells Perspektiven auf die Entwicklung der Kriege. Peace & Love …

    1. Gerne. Ja, die klassischen Dystopien sind immer wieder erstaunlich zeitlos. Und das hat mich echt überrascht, dass bei Harari derselbe Gedanke zu den Massen und den Armeen formuliert wird. Aldous Huxley: „Schöne neue Welt“ ist auch noch mal so ein Ding … LG

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