Sharon Dodua Otoo: die dinge, die ich denke, während ich höflich lächle …

Es war ein bezauberndes Erlebnis, die Bachmannpreisträgerin 2016 im uralten, halboffenen Dachstuhl der Appretur in Isny live zu hören und im Gespräch nach der Lesung eine Menge Persönliches von ihr zu erfahren, das auch auf abstrakter Ebene reichlich Stoff zur Reflektion bietet.
Zu ihrer Erzählung erklärte Otoo, dass es ihr darauf ankam, die Figur einer schwarzen Frau zu gestalten, mit der man sich identifizieren könne, weil das, was geschildert wird, jedem Menschen bekannt ist. Ohne das Schild „Migrationshintergrund“ vor die Figur zu stellen, gewinnt eine Protagonistin Gestalt, die der Leser zuerst einmal als Europäerin wahrnimmt. Die besonderen Emotionen, die durch Reaktionen auf die Hautfarbe entstehen, das sind nach Otoo die Momente, auf die es ihr ankam.

Nun könnte man sagen, es ist eine Geschichte über die Liebe, über Trennung und Schmerz, über Beziehungen, Beziehungen zwischen Eltern und Kindern, zwischen Liebenden. Eigentlich im Großen und Ganzen banal. Es sind aber eben diese alltäglichen Problemlagen, in die jeder einzutauchen vermag und die dann den Raum bieten, diese Momente auf besondere Art einzu“färben“ mit dem Paket, das ihr Erleben so besonders macht.

„Ich wuchs damit auf, zu glauben, es sei vollkommen normal, dass in Erwachsenenschlafzimmern mehrere große Koffer und eine Truhe standen, gefüllt mit Gegenständen, angefangen mit großen Sparpackungen Zahnbürsten, über mehrere Sammlungen von „drei-kaufen-zwei-bezahlen“ Packungen von Cornflakes, bis zu einer Vielzahl von Plastiksandalen (verschiedene Farben) mit dazu passenden Plastik- Korbtaschen (sie hatten offenbar großartig im Schaufenster ausgesehen). Wir bereiteten uns stets darauf vor, nach Hause zurückzukehren. Auntie tut es immer noch.“ S.114

Der Text besteht aus einzelnen Szenen, die rückwärts, beginnend mit dem finalen Schlag, eine Geschichte erzählen. Was die „Granatsplitter“ – so die Betitelung der Kapitel – miteinander verbindet, ist der Faden einer Liebesbeziehung, die von hinten aufgerollt die Zusammensetzung des Stricks aus den Fasern aller zwischenmenschlichen Beziehungen, insbesondere Eltern-Kind-, Mann-Frau-Beziehung, offenlegt. Und alle Beziehungen sind geprägt von einer Schuld, von einer erlebten, einer empfundenen, einer fantasierten Schuld.

Sie selbst sagte am Ende der Lesung, das, was für sie das verbindende der Elemente sei, wäre der Wunsch, dass die Begegnungen zwischen Menschen unterschiedlicher kultureller Herkunft, speziell in Deutschland zwischen Schwarzen und Weißen, nicht mehr durchsetzt wären von der Empfindung einer alten Schuld.

Otoo bezeichnet sich als Aktivistin, sie schreibt und arbeitet auf den Großbaustellen des Rassismus und Feminismus. Und in jüngerer Vergangenheit entstand das Bedürfnis, neben den Sachtexten über die Literatur nachvollziehbare Charaktere als Identifikationsfiguren der Welt vor die Nase zu halten. Und beeindruckend: der Gewinnertext des Bachmannpreises 2016 ist erst ihr zweiter Text, den sie in deutscher Sprache verfasst hat. Sie schreibt witzig, spritzig, mit hohem Tempo, bisweilen selbstironisch. Derzeit arbeitet sie an einem Roman.

Sharon Dodua Otoo: die dinge, die ich denke, während ich höflich lächle …

Aus dem Englischen von Mirjam Nuenning
Münster, edition assemblage, Münster, 1.Auflage 2013, 2.Auflage 2016
Neuerscheinung 2017 im Fischer Verlag.

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4 Kommentare zu „Sharon Dodua Otoo: die dinge, die ich denke, während ich höflich lächle …

  1. Danke für den Beitrag und die Empfehlung. Gestern Abend kam im Freundeskreis das Gespräch auf Tansania – bis vor hundert Jahren eine deutsche Kolonie. Widerstand der Kolonisierten und grausame Rache der Kolonialherren. Nicht selbst erlebt, nicht fantasiert, vielleicht mit der Erzählung nachempfunden. Wünschen, hoffen und mitarbeiten, dass alte Schuld oder tradiertes Schuldgefühl hier beispielsweise literarisch wiederaufgearbeitet und gelöst werden. Dazu trägt die Autorin bei mit einem dialektischen Buchtitel.

    1. Das ist, glaube ich, die genuine Aufgabe von Literatur, die Dinge auf einer personalisierten Ebene fühlbar zu machen. Und das ist der große Gewinn. Deshalb gehen für mich Philosophie und Literatur als zwei unterschiedliche Zugangswege zu Welt und Mensch zusammen. LG

  2. Ich verstehe nicht, dass die Autorin in Deutsch schreibt (sonst wäre auch kein Bachmann-Preis zu vergeben gewesen), es trotzdem „Aus dem Englischen von Mirja Nuenning“ ist.

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