William H. Gass: Mittellage

Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl

Als Bildungsroman wird diese 600 Seiten starke Geschichte angekündigt vom Altmeister der amerikanischen Postmoderne, so im Klappentext. Klingt interessant. Noch viel interessanter ist, dass Gass diese Ankündigungen verfremdet und einen Anti-Bildungsroman schreibt, wie er seinesgleichen sucht. Die Entwicklungsgeschichte setzt ein mit einem Vater, der sich als Jude ausgibt um vor dem Nationalsozialismus in Wien mit seiner Frau fliehen zu können, noch bevor andere wahrhaben wollen, was da geschieht. Auf einer Lüge aufgebaut beginnt die Reise der wachsenden Familie, in deren Verlauf der Vater sehr bald verschwindet, während sich Mutter und Kinder in Amerika eine Existenz erkämpfen. Und diese Existenz ist von der Anfangslüge ausgehend ein Konstrukt aus maßlosen Anmaßungen eines Mannes, der es von seinem Collegebesuch ausgehend bis zum Musikprofessor bringt, ohne je einen höheren Abschluss errungen zu haben. Er erschuf sich selbst – nicht ohne Zweifel und nicht ohne Not – und diskreditiert damit das ganze Bildungssystem, denn er ist beliebt, sehr beliebt bei seinen Studenten. Er nutzt die Dummheit der anderen und die Unfähigkeit, die eigene Unwissenheit eingestehen zu wollen, um sich in Bereichen zu profilieren, die den anderen unbekannt sind.

So gelingt ihm eine Scheinexistenz. Und die eigentliche Wesensart des Professor Skizzen wird in zwei Themen, die sich durch das Buch ziehen variiert. Das eine baut auf den Gründen auf, warum er hier ist, in diesem Leben in Amerika: die Judenverfolgung in Europa. Er errichtet im Laufe der Jahre ein „Museum der Unmenschlichkeit“ und sammelt Zeitungsausschnitte zu den Monströsitäten, derer sich die Menschheit im Laufe ihrer Geschichte schuldig gemacht hat. Diese Betrachtungsweise erlaubt ihm und zwingt ihn, eine besondere Perspektive dem menschlichen Leben gegenüber einzunehmen. Und hier kommt die Sprache ins Spiel: ein Buch voller wortreicher Bilder, die so kunstvoll angeordnet sind, dass sie ständig wie in einem Spiegel ihrer selbst in verschiedenen Reflexionen auftauchen. Umkehrungen, Dissonanzen, Varianten, es ist ein großes Vergnügen, diesen Wortreichtum zu genießen, auch wenn am Ende ein paar Längen den Roman ausschmücken. Das zweite Thema, das die Geschichte durchzieht und die springenden Lebensphasen begleitet, ist der eine Satz, an dem er feilt bis zum Schluß, bis er ihn findet, den vollkommenen Satz:

„Die Angst, dass die Menschheit vielleicht nicht überlebt, ist von der Angst ersetzt worden, dass sie bestehen bleibt.“

Der Roman gestaltet sich – passend zum Musikprofessor – als eine Fuge an diesem Thema entlang. Viele Stimmen bestätigen die Berechtigung dieses Satzes in seinem „Museum der Unmenschlichkeit“. Das Thema wird in verschiedenen „Tonlagen“ wiederholt.

Am Ende als Zwölfton komponiert hat er sein Ziel erreicht: der Satz ist perfekt und Professor Skizzen hat sein erstes Stück im Sinne Arnold Schönbergs gestaltet. Und mit diesem Stück gleichzeitig der Menschheit den Rest gegeben. Seine Verachtung hat ihren Höhepunkt erreicht. Für Lesegenießer, die sich nicht scheuen, verschnörkelten Wortbildern zu folgen. Eine ausführliche Besprechung von Jochen Kienbaum auf lustauflesen hat mir diesen Lesegenuss verschafft.

Rowohlt Verlag, Reinbeck bei Hamburg, 2016

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