Prosaminiatur: Dem Meer zugehörig

Marie-Tim wunderte sich und dachte zuerst, dass es eben Dinge gab, die bei anderen anders sind, so wie die Sprache. Die Webers von nebenan hatten diese runden, rollenden Laute im Mund. Und die Kinder, es könnte damit zu tun haben, dass zwei verschiedene Eltern die Kinder irgendwie nach ihren Ähnlichkeiten mit sich selbst aufteilen müssen. Es wurden dann aber immer mehr Buben, obwohl Frau Weber sich so viel um alle Kinder kümmerte. Das Kind verwarf diese Theorie wieder. Jedenfalls: es hatte diese Mutter und zwar ganz für sich allein und bei ihr konnte es sein, wer oder was immer es wollte. Und es spielte damit. Immer und immer wieder spielten sie sein Lieblingsspiel: die Mutter ist das Dornröschen. Sie fällt in einen tiefen Schlaf. Gabriele ließ sich kunstvoll niedersinken auf das Sofa, mit großer Geste, den Handrücken an die Stirn geworfen und einem jammervollen „OOOhhhh!“ Und „AAAhhh!“ knickten ihr die Füße weg, sie sank nieder und ließ, wie immer, einen Arm herunterhängen. Der tapfere Ritter schlug sich mit seinem Schwert durch die Vorhänge am Fenster, erreichte schnaufend ihr Lager und fiel ihr zu Füßen – beziehungsweise dahin, wo der eine Arm lag. Der Ritter machte zwecks der symbolischen Aufladung in der Luft ein Kreuz mit seinem Holschwert, legte es neben ihren Arm, nahm die Hand und küsste sie sachte auf den Handrücken.

„Dornröschen wach auf! Ich bin gekommen, um dich zu holen, fort von hier in mein Schloss! Wach auf!“ Und Dornröschen blinzelte, wachte auf und lachte, nahm ihren Retter in die Arme und herzte ihn ganz ordentlich.

Es gab aber auch Tage, an denen Dornröschen ankündigte:
„Hör mal, mein Schatz, ich brauche jetzt einen Dornröschenschlaf, aber ohne Ritter und ohne Rettung. Spiel einfach irgendwas. Mit den Klötzen. Oder – hier ist dein Malbuch. Ich geh mal nach oben.“ Das Kind machte sich Sorgen, wenn sie alleine Dornröschen spielen wollte. Sie sah nicht fröhlich aus dabei. Auf Zehenspitzen schlich Marie-Tim die Treppen hinauf und versuchte, durch das Schlüsselloch etwas zu erhaschen, das beruhigend wäre. Es war nichts zu sehen, das Bett lag im toten Winkel. Nur das leise, zurückgehaltene Schniefen drang bis zu seinen Ohren und etwas Schweres, Wattiges kroch durch die Ritzen. Das Kind stieß sich ab von der Tür, damit es nicht davon berührt würde, stolperte die Treppe nach unten, hockte sich vor sein Malbuch und wartete. Mechanisch nahm es den Stift in die Hand und begann, alles zu übermalen. Alles blau, die Wolken, die Bäume, die Tiere, das Gras, alles blau. Es musste ein neuer, blauer Stift gekauft werden.

Erst viel, viel später, es war wohl schon in der Oberstufe, schlug das Kind in Lexika nach, was Marie- Tim bedeuten könnte: maritim, Adjektiv, dem Wortstamm nach: dem Meer zugehörig.

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