Maria Braig (Hrsg.): Zu Hause in Deutschland – Gleiche unter Gleichen?

Im Verlag 3.0 – Buch ist mehr, wurden von Maria Braig schon mehrere Bücher veröffentlicht in der Reihe „ubuntu“– Literatur von und über Menschen, die von der Gesellschaft zu Außenseitern gemacht werden.

Die aktuelle Anthologie vereinigt als Textsammlung unterschiedliche Textformate zum Thema „Fremdsein in Deutschland“. Erfrischend lebensnah ist der einleitende Text von Carl Valentin zum Fremdsein. Allerdings, wenn er in all der Zeit – wahrscheinlich sind es fast hundert Jahre – uns immer noch an diesem Punkt berührt, wo uns bewusst wird, dass die Komik als Verkleidung eines ernsthaften Missstandes daherkommt, muss man sich schon fragen, ob und warum sich diese Verunsicherung durch den Fremden, die Angst vor dem Fremden, nie ändert.

Maria Braig hat die Textsammlung in zwei Teile aufgeteilt: „Angekommen“ mit Texten von Flüchtenden und „Angenommen“ mit Texten von den Angekommenen oder auch von immer schon Dagewesenen, die über die Unterschiede durch Hautfarbe, Ethnie, Religion sprechen, wie sie sich in ihrer Wahrnehmung auf die Erlebensmöglichkeiten auswirken.

In mehreren lyrischen Kurztexten schreibt Salam Ibrahim über sein wunderbares Land, in dem der Klang der Muezzin übertönt wird von den Geräuschen, die Tod und Hass mit sich bringen. Er ist hier angekommen und sagt in einem Satz das, was man sich wünschen würde, dass es allgemeine Wahrheit wäre:

„Ich liebe die Deutschen,
weil sie die Menschen lieben.“

„Angenommen“. Es sind immer dieselben Fragen, in Jahrzehnten der Zuwanderung haben wir nichts gelernt: „Woher kommen Sie wirklich?“ Ein ziemlich deutsches Phänomen, diese Frage. Und :“Fühlen Sie sich als Deutscher?“
„Ich fühle mich wohl hier und ich fühle mich loyal diesem Land gegenüber. Aber ob ich mich deutsch fühle, weiß ich nicht, denn ich weiß nicht, wie ein Deutscher sich fühlen sollte.“ (Ali Gharagozlou, S.86)
Und manchmal, wenn jemand zu mir sagt: „Sie sprechen aber gut Deutsch“, möchte ich am liebsten antworten: „Sie doch auch!“ (Marina Maggio, S.108)

Es gibt sehr poetische Erzählungen: „Die Welt auf die ich kam, schien ausgebucht.“ (Akampita Steiner, S.119), Gedichte, Kurztexte und Berichte, auch ein Drehbuch des 20- Jährigen Malik Tanga ist dabei, das sich die Patchworkfamilie mit adoptiertem Kind zum Thema macht.

In der Sammlung finden sich a Berichte, die die verdeckten Formen von Rassismus im Alltag thematisieren, die Verquickung von Diskursen wie Islam und Frauenfeindlichkeit. Im Vergleich sieht die Diskriminierungsproblematik in der Gesamtgesellschaft kleiner aus. Die Zuschreibungen haben entlastende Funktion, die Anderen sind die mit den Problemen. Wie weitreichend die Funktionen sind, die Diskriminierung der Anderen für die eigene Gruppe erfüllt, ist gar nicht im Bewusstsein.

Die Anthologie eröffnet Perspektiven auf das Thema, indem sie verschiedenen Betroffenen eine Stimme gibt. Es finden sich in den Texten immer wieder überraschende Momente.
Und vor allem wird deutlich: warum sich die Angst vor dem Fremden, nie ändert, hat damit zu tun, dass die Auslagerung der sozialen Probleme auf bestimmte Gruppen auch davon entlastet, uns zu fragen, wie die Probleme zu lösen wären, und: „wie wir zusammen leben wollen.“ (Silvia Horsch, S.156)

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