Prosaminiatur

Bildausschnitt aus meinem Erzählprojekt „Als würde alles nur so aussehen für die Kamera“

Das Aufgebot des Himmels

Das gesamte Aufgebot des Himmels stand Spalier für dieses Ereignis, die Wolken, die gelben Streifen, die Sonne, das Blau und das Dunkel. Riesige Wolkenhaufen standen sich gegenüber, bewegten sich nicht, warteten. Wind  kam auf, aus allen Himmelsrichtungen gleichzeitig, brachte ein Durcheinander in die Farben und Bewegung in die Haufen und Fetzen. Und dann kollidierten die Wolkenwände in einem solchen Getöse, dass Gabriele ihre Hände an die Ohren riss, um sie zu schützen. Das Donnerkrachen kam immer näher. Ein weiterer Blitz; sie zählte die Sekunden bis zum Donner: eins … zwei … drei. Das Gewitter war nahe. Ein stechender Schmerz nahm ihr die Luft. Mit beiden Händen krallte sie sich an der Tischkante fest. Schon wieder. Das helle Leuchten des Blitzes tat ihren Augen weh. Eins … zwei …. der Donner krachte mit einem Getöse, dass die Fensterscheiben zitterten. Etwas in ihrem Leib polterte mit Karacho gegen ihre Eingeweide. Und dann platzte es. Das Fruchtwasser rann ihre Schenkel hinab. Ein Schrei. Der Bauch wurde hart wie ein Stein. Sie ging in die Knie. Nun musste schnell gehandelt werden.

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Bis das Pferd angeschirrt war, hatte sie kaum noch eine halbe Minute zum Luftholen. Mit den Holzrädern über Kopfsteinpflaster. Im Krankenhaus angekommen war sie nicht mehr in der Lage aufzustehen. Sie war vom Kutschbock auf den Boden zu Füßen Herrn Webers gesunken. Dort lag sie eingekeilt mit ihrem dicken Bauch und stöhnte. Eine Zärtlcihkeit, in der sich Liebe ankündigte und Nachsicht mit diesem ungestümen Temperament, legte sich auf ihre Stirn. Zwei kräftige Pfleger stürzten herbei und hievten sie auf eine Trage. Im Niederlegen rutschte unter einem Schrei Gabrieles das Köpfchen heraus. In Panik wurde sie in den Kreissaal, mehr stürzend als laufend, vor die Hände eines Arztes gelegt, der das Kind vollends herausholte. Hebammen eilten hin und her, Tücher, warme, nasse, feuchte, Stirngerunzel, Blut an den Händen, Klopfen und Warten. Es gibt eine Stille, eine unechte. Alles ist in Bewegung und in Aufruhr, aber dieser eine Ton fehlt. Er fehlt so sehr, dass alle anderen Geräusche wie aus einer anderen Dimension allenfalls als Statisten wahrgenommen werden. Und dann plötzlich sind sie so laut, so unerträglich laut. Weil dieser eine Ton fehlt.

Es war ein Junge.

Die Hebamme untersuchte den Leib, um auf die Nachgeburt zu warten. Sie schaute Gabriele an und lächelte: „Da kommt noch eins! Hoffen wir das Beste!“ Und tatsächlich: Ganz leise, ohne Schmerz, wie nebenbei wurde zehn Minuten später noch ein Kind geboren. Gabriele hielt es im Arm und staunte. Die Tränen rannen in unaufhaltsamen Strömen die Wangen hinunter und übertropften das Köpfchen. So viel Unglück und so viel Glück auf einmal. Wie der Himmel am Morgen. Das ganze Aufgebot. Sie nannte es Maritim. In seiner Geburtsurkunde steht: Marie-Tim. Niemand weiß, wie sie das dem Standesbeamten erklärt hat. Für das Kind spielte es keine Rolle, ob es ein Junge oder ein Mädchen war. Mal nannte sie es Marie, mal Tim. Das Kind beobachtete die Menschen um sich herum. Die Erwachsenen, das sah man wohl, waren in zwei Hälften unterteilt: die etwas breiteren mit Kopftuch, Röcken, Schürzen und weichem Leib und die etwas größeren mit Hosen und den starken Händen. Kinder gehörten wohl einer anderen Gattung an. Es fühlte sich nicht zugehörig. Es hatte auch nie den Gedanken, einmal so wie die einen oder die anderen zu werden. Es würde einmal ganz anders sein.

„Als würde alles nur so aussehen für die Kamera“ ist ein Erzählprojekt, das sich noch in der Entwicklungsphase befindet. Die Geschichte erzählt von einem Menschen, der sich keinem Geschlecht zugehörig fühlt und doch immer in Geschlechterrollenerwartungen leben muss. Ich glaube, die Geschichte trägt, aber die Bildsprache dazu muss noch entwickelt werden. Deshalb jetzt hier ab und an ein Ausschnitt. Bitte gebt mir Rückmeldung – auch um mich selbst mal der Kritik zu stellen und darin zu üben. 😉

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4 Gedanken zu „Prosaminiatur

  1. Für mein Empfinden ist das sehr spannend erzählt – ich als Leser hielt wirklich die Luft an und hoffte, dass dieser eine Ton doch noch kommt. Zum Schluss war ich nicht sicher, ob meine Trauer oder meine Freude größer war für die junge Mutter – doch der Schmerz um das so unglückliche Kind bleibt. Möglicherweise würde ich es nicht aushalten, über die angekündigten Probleme von Maritim zu lesen …

    • Danke sehr!
      Ja, es sind schwierige Situationen, aber das hat für mich den Stoff reizvoll gemacht, vor allem, weil wir so unbewusst kategorisieren. Und uns kaum vorstellen können, wie sich Nicht-Zugehörigkeit anfühlt.

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