Heinrich von Kleist: Michael Kohlhaas

Brandaktuell: Die Rolle des Einzelnen gegen eine korrupte Gesellschaft, Gerechtigkeitsterrorismus und Selbstjustiz und die große Diskussion um das Widerstandsrecht gegen die vorherrschende Politik! Das macht einen Klassiker aus, dass er uns über die Zeit hinweg etwas zu sagen hat.

Eigentlich Gründe genug, um den alten Kohlhaas mal wieder auszupacken. Auf ihn gekommen bin ich aber ganz anders: über Dagmar Leupolds Roman „Die Helligkeit der Nacht“, in dem der verstorbene Heinrich von Kleist einen Briefwechsel mit Ulrike Meinhof phantasiert. Aber dazu an anderer Stelle mehr.

1802 erschien der „Michael Kohlhaas“ in einer Zeit, da die Versprechungen und Hoffnungen der französischen Revolution noch frisch, wenn auch schon enttäuscht waren. Kleist ist mit seinen Schriften bekannt dafür – man könnte sagen, im Sinne Jean Jacques Rousseaus – Kritik zu üben an der Gesellschaft, von der humanen Seite aus. Oftmals verkleidet er seine Kritik in Parabeln oder in Übertragungen auf historischen Stoff, wie z.B. bei der „Penthesilea“, oder eben auch dem „Michael Kohlhaas“, der zurückgeht auf einen überlieferten Fall aus dem 16. Jahrhundert.13605854045_0d7209a443_o

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Ein Mann, der als rechtschaffen, redlich, gesetzestreu, gottesgläubig, kurz, ausgesprochen tugendhaft vorgestellt wird, hat einen Fehler: in der Tugend der Gerechtigkeit ist er maßlos. Kleist erzählt in diesem Buch, das im ersten Teil als Chronik daherkommt, über die Verstrickungen der Fürstenhäuser, über die Korruption und die Intrigen. Und über die Hilflosigkeit eines rechtschaffenen Untertan.
Ein Junker und sein Landvogt verlangen an der brandenburgisch- sächsischen Grenze ein Wegegeld vom Pferdezüchter Kohlhaas, das von ihnen aus Gewinnsucht frei erfunden ist. Sie nehmen zwei seiner Rappen als Pfand. Über mehrere Instanzen versucht Kohlhaas, zu seinem Recht zu kommen, da aber „Hinz und Kunz“ an den Fürstenhöfen miteinander verwandt, sich gegenseitig verpflichtet oder verstrickt sind, bekommt er keine Chance auf neutrale Gerechtigkeit. Er fühlt sich in seiner moralischen Integrität entwurzelt.
Und dann wird sein Kampf um Gerechtigkeit zu einer immer größeren Sache: es geht nicht mehr nur um seinen Fall, sondern auch um Gerechtigkeit für seine Landsleute. Überall hört er von den machtmissbräuchlichen Machenschaften dieses Junkers. Und irgendwann geht es um das Prinzip. Und an dieser Stelle steigt Kohlhaas aus, er steigt aus aus dem Gesellschaftsvertrag. Er fühlt sich verstoßen aus einer Gemeinschaft, in der ihm „der Schutz der Gesetze versagt ist“ (Heinrich von Kleist: Michael Kohlhaas, S.47) Er entscheidet sich für den Widerstand und in einem Gespräch mit Luther erklärt er eben diesen Widerstand als seine Pflicht, für eine größere Sache. Nun, die RAF hat auch nicht nur von einem Recht auf Widerstand sondern von einer Pflicht zum Widerstand gesprochen (aktuelle Lektüre dazu: Ingeborg Gleichauf: Poesie und Gewalt. Das Leben der Gudrun Ensslin).

Kohlhaas wird zum Gerechtigkeitsterroristen. Es sind zwei auslösende Momente, die ihn radikalisieren: Die Tötung seiner Frau – nun ist der Preis seines Kampfes so hoch, dass er gewonnen werden muss – und auf der ideologischen Ebene die Verknüpfung der Untaten des Junkers mit dem Bösen in der Welt, das bekämpft werden muss. Dafür erlässt er Mandate der Selbstjustiz und brennt ganze Stadtteile nieder.
Es ist eine Spirale, eine Engführung im Kampf für eine Gerechtigkeit, bei dem die Mittel weder vom Grund noch vom Ziel her nicht mehr zu rechtfertigen sind.
Was seinen Fall betrifft, gewinnt Kohlhaas am Ende, er bekommt seine Rappen in bestem Zustand wieder, er bezahlt aber mit seinem Leben für die Untaten, die er im Namen der Gerechtigkeit begangen hat. Was das Prinzip angeht: dieser Kampf wird immer weiter geführt. Es bleibt die Frage der Mittel.

Im letzten Drittel bekommt die Erzählung eine neue literarische Komponente. Es tauchen magische Symbole auf, unerklärliche Begebenheiten und Figuren werden eingeflochten, um dem Ganzen über das Politische hinaus eine Dimension anzuschreiben, die eben nicht bis ins Letzte analytisch betrachtet werden kann.
Kohlhaas ist sicher kein Rousseauist, aber er nimmt die Frage Rousseaus auf: wenn die Herrschenden die Herrschaft verweigern können, sollten dann nicht die Untertanen auch die Untertänigkeit verweigern dürfen?

Es ist auch eine Geschichte um den Konflikt, moralisch im Einzelfall anders zu urteilen, als es grundsätzlich gerechtfertigt werden könnte. Wie oft gibt es diese Situationen, in denen verantwortliches Verhalten im Moment nicht konform geht mit dem, was gesetzesmäßiger gesellschaftlicher Konsens ist. Manchmal muss dieser Konsens, gerade um der Gerechtigkeit willen, gebrochen werden, aber ohne ihn grundsätzlich in Frage zu stellen. Und das ist für mich in dieser Geschichte gut gelungen: der Konflikt der Person Kohlhaas besteht darin, seine eigene Moral verletzen zu müssen um seinem Anspruch auf Moralität gerecht zu werden. Seine inneren Kämpfe sind die Kämpfe dessen, der in seiner Zielverfolgung erstarrt. An diesem Konflikt geht er innerlich beinahe zugrunde.

Der gleichnamige Film von Arnaud Paillieres ist sehenswert wegen Mads Mikkelsen in der Hauptrolle, der den Kohlhaas glänzend spielt. Allerdings ist die Geschichte so extrem reduziert, dass sie ihre komplexen Ebenen verliert und zu stark auf eine persönliche Rachegeschichte heruntergebrochen ist.

An mancher Stelle würde man sich ein bisschen Kohlhaas wünschen. Um zu zeigen, dass es so, wie es geht, nicht geht (Teilzitat Ulrike Meinhof aus den Sechzigern). Aber ein bisschen Kohlhaas geht eben nicht.

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