Camus: „Der Fremde“ und Daoud: „Der Fall Meursault“

Vielleicht noch ein bisschen früh, aber trotzdem: Mein Leseerlebnis des Jahres! Mit Kamel Daouds Der Fall Meursault auf dem Schreibtisch kommt eins zum anderen, es entfaltet sich ein ganzer Fächer an literarischem und philosophischem Gedankengut, und gerade diese Verbindung verspricht größten Lesegenuss. Bevor aber Daoud auf den Leseplan tritt, sei empfohlen, sich vorher mit Camus zu befassen, wobei ich die naheliegendste Empfehlung Der Fremde zu lesen, dringend erweitern möchte. Der Fremde ist natürlich vom Inhalt her die Geschichte des anonymisierten Arabers, auf die sich Kamel Daoud bezieht, wenn er 70 Jahre später mit seiner Erzählung Der Fall Meursault diesem Araber endlich ein Gesicht und eine Geschichte geben möchte. Genauso wichtig und erhellend ist aber auch Camus’ Der Fall, denn Daouds Geschichte dupliziert die Form dieser späteren Erzählung. In Der Fall sitzt ein ehemaliger Anwalt, der über sein Leben Rechenschaft abgibt, monologisierend einem geduldigen Zuhörer gegenüber. Nur durch seine eigenen Augen erfahren wir seine Geschichte und sollen uns ein Urteil über ihn bilden. Genauso verfährt Daoud. Aber nicht nur die Form zeichnet sich bei Daoud ab, auch die selbstreflexive Art, die sich aus dem Monolog ergibt, ist eine wichtige Parallele.

Uns begegnen hier bei Camus zwei vollkommen unterschiedliche Hauptfiguren: In Der Fremde haben wir es mit einem Protagonisten zu tun, der zunächst die Philosophie des Absurden verkörpert und sich über die Gesellschaft und ihre Wertvorstellungen hinwegsetzt. In Der Fall bezichtigt der Protagonist sich selbst, legt die Doppelbödigkeit seines bisherigen Verhaltens offen und gibt dem Leser die Aufgabe, über ihn zu urteilen. Und beide Erzählungen finden sich strukturell in Daouds Der Fall Meursault gespiegelt.

Wenn nun aber das Interesse an Camus noch nicht erschöpft ist, dann entsteht literarisch ein komplexes Bild erst, wenn noch Der erste Mensch hinzukommt, sein autobiographisches Fragment, 1994 veröffentlicht. Autor und Figuren können in ganz anderen Bezügen beobachtet werden in ihrer Entwicklung mit diesen drei Erzählungen aus unterschiedlichen Schaffensetappen. Denn um die Entwicklung der Figuren, innerhalb der einzelnen Geschichten und im Gesamtwerkszusammenhang geht es ja, auch bei Daoud. Empfehlenswert ist außerdem von Iris Radisch Camus. Das Ideal der Einfachheit – Eine Biographie als wunderbar erzählte Lebensgeschichte, in einer Kapitelfolge aus den Lieblingswörtern des Autors; sie fasst als ergänzende Lektüre die von der Literaturwissenschaftlerin erarbeiteten Informationen und Interpretationen zusammen.

Ja, und nicht zu vergessen: Die philosophische Seite Camus’. Der Mythos von Sisyphos fasst Essays und Aufsätze zusammen unter den Fragestellungen: Warum überhaupt leben? Und wenn ja, wie leben? und: Müssen wir uns Sisyphos als glücklichen Menschen denken?

Als Gesamtpaket eine Herausforderung. Und es geht wirklich ans Existentielle. Alles zusammengenommen der Riesengewinn als Leseerlebnis diesen Jahres!

Kamel Daoud – Der Fall Meursault

 

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