Bodo Kirchhoff: Widerfahrnis – Eine Novelle

Reither ist ein ehemaliger Kleinverleger, der um eine Zeit trauert, in der es noch nicht mehr Menschen gab, die schreiben, als Menschen die lesen und in der er noch nicht andauernd so viele Worthülsen in den Manuskripten anstreichen musste. Leonie Palm, ehemalige Hutladenbesitzerin, wurde auch von einer Wirklichkeit eingeholt, in der es für sie und ihren Hutladen keinen Platz mehr gibt. Und beiden Figuren eigen ist eine Sehnsucht, eine verrückte Sehnsucht, die das Neue will um das Vergangene zu ändern.

Die Novelle lebt von der unerhörten Begebenheit. Was ist das Unerhörte, an Bodo Kirchhoffs Roman, für den er nun den Deutschen Buchpreis bekommen hat? Ist es die spontane neue Liebe, die unverhofft in das Leben der beiden in die Jahre gekommenen gescheiterten Existenzen platzt? Oder ist es die Verflechtung mit dem Flüchtlingsschicksal des jungen Mädchens? Beide haben sie eine Tochter verloren, die Frau durch Suizid der erwachsenen Tochter, der Mann das ungeborene Kind, das er nicht wollte. Die Sehnsucht, einmal im Leben das Glück zu genießen, mit der verlorenen Tochter, verführt die beiden zu unüberlegtem Handeln. Aber auch das ist nicht die unerhörte Begebenheit. Auch nicht, dass der Mann von der gemeinsamen Süditalienreise aus Kalabrien eine Flüchtlingsfamilie im Auto mit nach Deutschland nimmt, während die Frau mit dem Zug weiterreisen will, „obwohl ihre Zeit kaum reichen würde, um alles Versäumte noch zu sehen.“ (S.224) Sie ist also sterbenskrank und weiß, dass ihr kaum noch Zeit bleibt, weder für das Leben noch für die Liebe. Und da steht dieses trotzige Trotzdem. Doch dies ist auch nicht das Unerhörte an dieser Geschichte.

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Den ganzen Roman durchziehen die reflektierenden Gedanken dieses Mannes, der als ehemaliger Verleger immer wieder darüber sinniert, welchen der eben gesagten Sätze er in einem Buch angestrichen hätte, welche Worte und Sätze gehen, und welche nicht. Zugegeben, was zunächst ganz interessant und raffiniert wirkt, kann irgendwann auch auf die Nerven gehen. Aber gerade darin liegt auch ein Schlüssel zu dieser Geschichte: im Ringen um die Worte, um die Sätze, um die Dialoge, ist alle Schwierigkeit nicht nur der Beschreibung sondern auch des Erlebens des Unerklärlichen ausgedrückt. Unerklärlich ist und bleibt die Liebe. Und so wie sie im Unerklärlichen beginnt, „denn hatten sie nicht mit ihrer Umarmung auch etwas zur Welt gebracht, die Idee, zusammenzubleiben?“ (S.170), so wird sie auch im Unerklärlichen enden.

Das Unerhörte an dieser Novelle ist eigentlich, dass in dem kurzen Zeitraum von vier Tagen ganz sachte eine neue, eine große Liebe wächst; ein neues Universum entsteht, das genauso schnell wieder zusammenfällt wie ein Kartenhaus. Der Wunsch, das neue ohne die Vergangenheit zu leben, bleibt ein frommer Wunsch. Jede Begebenheit, jede „Widerfahrnis“ konfrontiert die Protagonisten mit allem, was sie ausmacht. Und der Mann handelt auch in der Situation mit dem Flüchtlingsmädchen so, wie es ihm eben möglich ist. Und übersieht dabei völlig, dass er, wieder mal, in seinen eigenen Interessenskonflikten gefangen bleibt. Immer und überall, die ganze eigene Geschichte ist mit dabei. Und da hilft auch das Ringen um die richtigen Worte nicht. Aber gerade das hat mir gut gefallen, denn dieses Ringen, das ist ein ganz großes Wollen, ein Sich- Bemühen und das ist das Einzige, das möglich ist.

Bodo Kirchhoff: Widerfahrnis – Eine Novelle
Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt a.M. 2016, Deutscher Buchpreis 2016

 

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2 Gedanken zu „Bodo Kirchhoff: Widerfahrnis – Eine Novelle

  1. Die Geschichte scheint mir recht interessant zu sein. Ob ich mit Störungen im Text wie der Suche nach der richtigen Wortwahl umgehen könnte, weiß ich allerdings nicht. Da müsste ich mal in der Buchhandlung testlesen.

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