Wolfgang Bauer: Über das Meer – Mit Syrern auf der Flucht nach Europa. Eine Reportage.

Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2015

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Angesichts eines erneuten Bootsunglücks im Mittelmeer mit hunderten von Todesopfern hat diese Reportage immer noch eine entsetzliche Aktualität und als BürgerIn Europas sieht man sich fassungslos in einem Handlungsvakuum gefangen angesichts der Tatsache, dass korrupte Schlepperbanden skrupellos Menschenleben ihren Geschäftsinteressen opfern und ein “Europa“ sich nicht einigen kann und nicht in der Lage ist, diesen Machenschaften das Handwerk zu legen durch menschenwürdige Unterbringung von Flüchtlingen.

Wolfgang Bauer, Journalist und Autor dieser Reportage, und Stanislav Krupar, Fotograf, wagten ohne alle Rücksichten auf ihr eigenes Wohl unter dem Deckmantel falscher Personenangaben die Flucht von Ägypten übers Mittelmeer. Sie begleiteten eine Gruppe von Syrern, von denen mancher nicht seinen ersten Versuch unternahm.

Dabei erfahren sie, dass es mittlerweile eine Netzwerkbildung gibt mit Verkaufsstellen über das ganze Land verteilt und so genannten Verkaufsagenten, die von der Struktur her der Tourismusbranche ähnelt, nur dass diese Geschäfte in der Illegalität von einer Menschenverachtung gekennzeichnet sind, die blankes Entsetzen verursacht.

Schon die ersten Stationen in Ägypten, mit kleinen Minibussen zum Strand gekarrt, über den Sand geprügelt und wieder zurück, in Wohnungen tagelang versteckt und vergessen, bringen die Männer an den Rand ihrer Nerven und Kräfte. Asus erzählt, dies sei sein fünfter Versuch: Verhaftungen durch die Küstenwache, aufgeschlitztes Schlauchboot, falsche Schmuggler, die nur das Geld abnehmen …

Der große Schwarzmarkt hat eine eigene Welt der Nacht erschaffen, in der Verbrecherbanden das Leben und den Handel kontrollieren. Neben Drogen, Prostitution und Schutzgelderpressung ist auch der Menschenhandel mittlerweile ein Markt, auf dem Menschen unter Konkurrenzbedingungen wie Ware gehandelt werden. Aber das wissen wir ja alles längst. Was wir vielleicht nicht wissen: durch gegenseitiges Kidnapping der Ware Mensch werden die Preise in die Höhe getrieben. Diese Flüchtlinge, über die hier berichtet wird, werden mehrmals gekidnappt, mehrmals wird Lösegeld bezahlt und wenn sie es schließlich doch auf das Meer hinaus schaffen, besteht immer noch die Gefahr, dass die Küstenwache auftaucht und die Flüchtlinge von den Schmugglern einfach ins Meer geworfen werden.

Das Boot mit den beiden Europäern wird von der Küstenwache gesichtet, die Schmuggler fahren eine Insel an und entledigen sich schnell ihrer illegalen Fracht. Manchmal werden Flüchtlinge von der Küstenwache bei der Verhaftung erschossen. Der Journalist und der Fotograf haben Glück. Sie werden enttarnt und zwangsausgeflogen. In den folgenden Wochen bleiben sie in Kontakt mit den anderen Flüchtlingen und berichten weiter.

Die Gruppe, die es schließlich doch noch auf ein Motorboot schafft, stellt nach dem Umsteigen in ein Fischerboot unterwegs fest, dass sie nicht wie versprochen nach Italien, sondern nach Griechenland fahren, um dort noch mehr Flüchtlinge aufzunehmen. Es steigen nicht so viele zu wie vereinbart, es hat nur die Hälfte bis zum Boot geschafft. Das ist dem Kapitän zu wenig, dafür opfert er nicht sein teures Boot, sie müssen umsteigen auf ein Holzboot, das bereits überfüllt ist. Erpressungen auf offener See folgen, Drohungen und Bonusversprechungen wechseln sich ab. Die Flüchtlinge auf dem Holzboot sind bereit mehr zu bezahlen, wenn nicht noch einmal so viele zusteigen, doch der Kapitän muss sich beugen, angeblich weil seine Familie zu Hause bedroht wird. So kommt es, dass fünfhundert Menschen auf wenigen Quadratmetern kauern, frieren, hungern, dursten und hoffen. Doch die letzte Hoffnung droht zu ersterben, als sie nach fünf Tagen auf dem Meer feststellen müssen, dass sie zwei Tage lang an der lybischen Küste auf und ab fahren, weil der Kapitän dreitausend Euro pro Kopf zusätzlich von seinen Bossen erpressen möchte. Sie sind gekidnappt auf offenem Meer.

Am Ende kommt dieses Boot doch noch in Italien an und alle werden gerettet. Aufgrund des Notrufs eines anderen Bootes von dieser Stelle, das nicht so viel Glück hatte am Tag zuvor, ist die italienische Küstenwache gerade hier auf Patrouille.

Die meisten Flüchtlinge geben nicht ihre richtigen Namen an, sie wollen woanders hin in Europa. Die italienische Polizei lässt sie in der Nacht fliehen. Sie boykottieren die europäischen Asylgesetze, nach denen jeder Flüchtling, der in Italien registriert wird, nur dort Asyl beantragen kann.

Die Reporter holen einige der Flüchtlinge in Italien ab und wollen zur Weiterreise nach Schweden verhelfen, werden aber prompt an der österreichischen Grenze festgesetzt. Doch auch die Österreicher wollen die Flüchtlinge nicht, registrieren nur Fingerabdrücke, erfassen keine Namen und schicken sie zurück nach Italien.

Auf Umwegen und mithilfe von Verwandtschaft schaffen es diese Syrer nach Schweden. Wenn sie mit diesem Gepäck ihrer Erlebnisse und Traumata dort ankommen, betrachten sie das gleichmäßige Leben der Europäer und bewegen sich wie in einer unwirklichen Filmkulisse. Alaa kommen die Menschen um ihn herum vor wie funktionierende Maschinen, die jeden Tag ihr Programm herunterspulen.

Diese Flüchtlinge sind nicht fremd, weil sie von einem anderen Erdteil kommen, sondern sie sind fremd, weil sie das, was sie von Menschen und durch Menschen erleben mussten, traumatisiert und mit einem Gefühl der Entfremdung von aller Menschlichkeit. Der Humanitätsanspruch Europas ist an diesen Grenzen gnadenlos gescheitert.

Neben der detailgetreuen Schilderung der unsäglichen Umstände und Machenschaften zwingt diese Reportage den Leser, sich in die Situation hineinzuversetzen. Es ist kaum aushaltbar und schon gar nicht verstehbar, dass sich an dieser Situation immer noch nichts geändert hat. Das Buch endet mit den Worten „Zwingt die Frauen, Männer, Kinder nicht länger auf die Boote.“ (2015) Das ist Europas Verantwortung.

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Ein Kommentar zu „Wolfgang Bauer: Über das Meer – Mit Syrern auf der Flucht nach Europa. Eine Reportage.

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  1. Es ist ja prima, dass Wolfgang Bauers Reportage nun auch im Verlag der Bundeszentrale für politische Bildung eine Heimat gefunden hat und so hoffentlich noch viele Leser gewinnt.
    Viele Grüße, Claudia

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