Maria Braig: Spanische Dörfer – Wege zur Freiheit

Verlag 3.0, Bedburg, 2016

Eine Utopie, in der die Suche nach Freiheit und Akzeptanz durch den Mut junger Menschen einen Weg findet zu einem selbstgestalteten Leben.

Schon Jenny Erpenbecks Roman „Gehen, ging, gegangen“, im letzten Jahr auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis, wurde von den Rezensenten zum Teil als naive Utopie belächelt. Hannah Lühmann schrieb in der „Welt“ am 31.08.15:

„Vieles ist falsch an diesem Buch, unter den jungen Männern, den Flüchtlingen: kein einziger Antisemit, kein einziger Gewalttäter, keiner, der übergriffig wird, vielleicht einer, der stiehlt. Sie sind alle nett und verloren, traurig und traumatisiert, manchmal ein bisschen aggressiv und übermütig. Sie sind Platzhalter in einem Lehrstück über die Welt, wie sie sein könnte.“

Warum eigentlich nicht?

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Die Literatur ist nicht Spiegel einer Welt, wie sie ist, sondern wie sie empfunden, erträumt oder gefürchtet wird. Und eine hoffnungsvolle Utopie hat neben allen Schlagzeilen und menschenverachtenden politischen Entscheidungen nicht nur eine heilsame Wirkung, sondern ist auch der Ort, an dem die Idee eines Humanismus weiterlebt, der in den Köpfen der Leser Erinnerungen an die Hoffnung erhält.

Ein junger Spanier, im Körper eines Mädchens geboren, entschließt sich als Erwachsener seine Geschlechtsidentität zu ändern.
Sein bester Freund, ein Junge mit Down-Syndrom, studiert und möchte Lehrer werden.
Eine Afrikanerin schwimmt über die Straße von Gibraltar in ein anderes Leben, auf der Flucht vor einer grausamen Vergangenheit.

Alle drei sind Außenseiter in einer Gesellschaft, die immer noch auf überkommene Ordnungskriterien pocht und mit Angst vor dem Anderen behaftet ist.

„Das alles war so nicht geplant. Die Figuren treten gerade so in die Handlung ein, wie es ihnen passt, und fordern die Auseinandersetzung mit ihren Eigen- und Besonderheiten“, schreibt die Autorin im Anhang.

In einfacher Erzählweise werden die jeweiligen Auseinandersetzungen mit einer konfrontierenden Realität in einem phantastischen Storyplot miteinander verschränkt.

Wie viel Mut es braucht in einer Welt der Verfolgung, die Utopie eines gleichberechtigten Miteinanders nicht aus den Augen zu verlieren, wird in den emotionalen Szenen zur Sprache gebracht. Gerade durch die Sprachlosigkeit von Manso, der Afrikanerin, die sich keinem Asylverfahren stellen kann, weil sie das, was ihr in ihrer Vergangenheit widerfahren ist, nicht aussprechen kann. Als „Illegale“ verweigert sie sich nicht nur ihrer Vergangenheit, sie sieht auch keine Zukunft.

Leon will sich nicht damit abfinden, als ein Mängelwesen mit einer Krankheit kein selbstbestimmtes Leben führen zu können. Er bezeichnet sich als Menschen mit einem Chromosom mehr: „Oft denke ich auch, nicht ich habe eins zu viel, sondern die meisten Menschen haben ein Chromosom zu wenig, und wenn alle so viele hätten wie ich, wäre die Welt besser.“ (S.45)

Enrique lässt sein spanisches Dorf und Henriqua, als die er geboren wurde, hinter sich und verspricht sich in Deutschland mehr Chancen als Architekt mit abgeschlossenem Studium, als in einem Spanien mit der, nach Griechenland, zweithöchsten Jugendarbeitslosigkeit in Europa. Doch auch in München bleibt er der Servicemann in einer Tapasbar ohne reelle Zukunftschance als Architekt. Über zusätzliche Seminare in München lernt er das Projekt eines italienischen Dorfes an der Küste kennen, das, nachdem die Einheimischen in die Städte abgewandert waren, mit Flüchtlingen besiedelt wurde.

Es ist Leon, mit seinem Hang zu phantastischen Überraschungen, der die Idee eines „Spanischen Dorfes“ mit einer Zukunft für alle drei und viele Andere, auf der Suche nach einem alternativen Lebensentwurf, entwickelt.

Es ist nicht nur die Geschichte, es sind nicht nur die Figuren, es ist das, was bei mir als Leser erwacht an Hoffnung, ohne Schnörkel, ohne komplizierte Doppeldeutigkeit, ganz direkt, warum ich das Buch kaum aus der Hand legen konnte.

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Ein Gedanke zu „Maria Braig: Spanische Dörfer – Wege zur Freiheit

  1. Eigentlich interessiert mich das Thema sehr und scheint bzw. schien mir spannend. Aber wenn es keine realistisch wirkende, sondern utopische Geschichte ist, werde ich mich wohl nicht zum Lesen entschließen.

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