Jung Chang: „Wilde Schwäne“

Drei Frauen in China von der Kaiserzeit bis heute
Aus dem Englischen von Andrea Galler und Karlheinz Dürr

Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf., München 2004, Erstauflage 1991

Jung Chang wurde1952 in China geboren und ist 1978 über ein Stipendium nach England gekommen wo sie bis heute lebt. Ihre autobiographische Familiengeschichte „Wilde Schwäne“ führte sie zu weltweitem Erfolg, gleichwohl sind ihre Werke in China nach wie vor verboten. Das Buch gewann 1992 den NCR Book Award und 1993 den British Book of the Year Award.

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Im Interesse an der Geschichte Chinas, der politischen Geschichte wie der Geschichte des Denkens sind Konfuzius und Laotse zunächst die Denker, anhand derer über die Traditionsgeschichte und die Prägungen des chinesischen Volkes ein Stück weit eine Annäherung erfolgen kann. Zum Verständnis des modernen Chinas ist allerdings die Geschichte des 20. Jahrhunderts, vor allem die Zeit unter Mao Zedong der Schlüssel. Die Art und Weise, wie der Kommunismus unter Mao instrumentalisiert und mit welcher Rücksichtslosigkeit er umgesetzt wurde, kann wiederum nur verstanden werden, mit den Hintergründen der Tradition der Denker, vor allem Konfuzius. War Mao also nur möglich durch die konfuzianische Tradition?

Wenn man der Erzählung von Jung Chang folgt, ergeben sich jedenfalls schlüssige Zusammenhänge. So ist im Geiste des Konfuzius, der auf den Edelmut und die Redlichkeit eines jeden Volksvertreters setzt, die jeweilige Rechtsprechung an die Personen gebunden. Der Beamte ist das Gesetz, was je nach Person auch eine willkürliche Auslegung des Gesetzes bedeutet und Missbrauch aus Machtinteressen. So war es im traditionellen China der unterschiedlichen Dynastien und so war es besonders unter Mao.

Auch die besondere Ehrerbietung der jüngeren Generation gegenüber der älteren ist eine konfuzianische Verpflichtung. „Wer in China an die besseren Seiten eines Menschen appellieren wollte, kleidete das gern in ein moralisches Gebot des großen Weisen.“ (Ebd., S.61) Die konfuzianischen Moralvorstellungen sollen hier nun nicht diskreditiert werden. Es kann mit ihrer Hilfe jedoch sehr deutlich veranschaulicht werden, dass Moral nicht als Gesetzesvorlage taugt, wenn nicht ein eindeutiges Regelwerk darauf aufgebaut wird, denn die moralischen Vorschriften allein bieten ein gerüttelt Maß an Interpretationsspielraum. Zum Beispiel die von Konfuzius geforderte Loyalität innerhalb der Familie wurde in späteren Jahrhunderten in eine Ehegattentreue überführt, die bis in den Tod reichte und der Frau zu manchen Zeiten gebot, ihrem verstorbenen Ehemann freiwillig in den Tod zu folgen.

Die ständige Überprüfung auf Moralvorschriften lässt sich auch leicht als ein Instrument zur gegenseitigen Überwachung etablieren. Jung Chang schildert in ihrem autobiographischen Roman über drei Generationen genau dieses Verhängnis von angestrebter moralischer Integrität und ihrem Missbrauch.

In den vierziger Jahren hielten die Japaner die Mandschurei besetzt und konnten dort sehr einfach ein System der Nachbarschaftskontrolle einführen. Da die Moral als Begründungsgrundlage eingesetzt wurde, konnten die Menschen sich kaum der geforderten Spitzeltätigkeit entziehen. 1945 erklärte der japanische Kaiser die Kapitulation. Die acht Tage später einmarschierende sowjetische Rote Armee bediente sich sofort derselben Nachbarschaftskomitees zu ihrer Etablierung. Gleichzeitig herrschten die Kuomintang, eine Nationale Volkspartei, seit 1927 in weiten Teilen Chinas, vor allem in den Städten, während die Kommunisten zunächst über die ländlichen Regionen versuchten, ihren Einflussbereich auszuweiten. Auch die Herrschaft der Kuomintang war gewalttätig, grausam und willkürlich.

Jung Chang erzählt von ihrer Großmutter, der noch die Füße zerschmettert und eingebunden worden waren und die als Konkubine eines Generals eine Existenz als Frau hatte einnehmen müssen. Die intelligente Tochter entschied sich für ein Medizinstudium und für die Kommunisten, weil sie das Ende der Unterdrückung der Frau versprachen. Außerdem war ein Grundsatz der Kommunisten dasselbe bescheidene Leben unter allen Genossen. Es war aber nur zu erreichen durch Disziplin, absoluten Parteigehorsam, ständige Selbstkritik und unbedingte Unterordnung (siehe Konfuzius). Das Ergebnis der kommunistischen Machtübernahme 1949: „Meine Mutter fand, dass sich gegenüber der Vergangenheit gar nicht so viel geändert hatte, nur bat man jetzt die Partei und nicht mehr das Familienoberhaupt um Erlaubnis.“ (Ebd., S.175/76)

Aus der Tradition des Konfuzius entstammte auch die Verachtung körperlichen Kontakts, vor allem zwischen den Geschlechtern in der Öffentlichkeit. Reglementiert wurden nicht nur die Beziehungen sondern auch ihre Ausdrucksformen. Jegliche Gefühlsäußerungen galten als bourgeoises Verhalten und wurden streng verurteilt. „Dass niemand einen Schritt ohne die Erlaubnis der Partei tun durfte, wurde ein wesentliches Element der kommunistischen Herrschaft in China.“ (Ebd., S.189/90)

Die Kommunisten schrieben sich den Erhalt der Würde des Menschen auf ihre Fahnen und wollten den Kotau abschaffen. Gleichzeitig wurden aber auch alle Freiheiten abgeschafft. Es durfte nicht einmal mehr zu Hause gekocht und gegessen werden, das Leben für die Gemeinschaft in der Gemeinschaft hatte sogar Regeln für das Waschen mit heißem Wasser. Jung Changs Mutter war es aufgrund eines fehlenden Ranges nicht einmal erlaubt, sich im Wasser ihres Mannes zu waschen. Es wurde ständige Selbstkritik gefordert, immerwährende Schuldgefühle begleiteten den Alltag, Versammlungen wurden zum Herrschaftsinstrument: es blieb praktisch keine Freizeit, die Reinigung der Seele erforderte kleinliches Eindringen ins Privateste, dabei wurde jedes Privatleben systematisch zerstört.

Am erschütterndsten an diesen Berichten Jung Changs ist die Selbstverständlichkeit, mit der die linientreuen Revolutionäre in blindem Gehorsam bis zur vollkommenen Selbstaufgabe den von Mao proklamierten Erfordernissen der Revolution Folge leisteten, und sei es, dass sie ihre Familien dafür opferten.

„Das war Maos große Erfindung: Die gesamte Bevölkerung war Teil der Kontrollmaschinerie.“ (Ebd., S.255)

Die Eltern von Jung Chang wurden mehrfach Opfer der verschiedenen politischen Kampagnen. Die erste galt 1955 der Aufdeckung >>versteckter Konterrevolutionäre<<, beide Eltern wurden denunziert, verhaftet und die Kinder auf verschiedene Kinderheime verteilt. Auf Massenversammlungen wurden Anklagen erhoben, die frühere Kontakte zur Kuomintang belegen sollten und eine Einstufung als Konterrevolutionär mit sich brachten, was bedeutete, dass die ganze Familie gebrandmarkt worden wäre. Zu dieser Zeit überlegte sich Changs Mutter zum ersten mal, sich von der ganzen Familie loszusagen, um vor allem ihre Kinder zu schützen.

Die gesamte Energie der Eltern wurde für die Revolution beansprucht, familiäre Bezüge konnten sich kaum entwickeln: „Jede Äußerung von Liebe und Zuneigung für die eigenen Kinder war verpönt. Außer der Zeit zum Essen und Schlafen gehörte jede Minute des Tages der Revolution und musste mit Arbeit ausgefüllt sein.“ (Ebd., S.290)

In der nächsten Kampagne gegen die >>Rechtsabweichler<< hatte Mao eine Zahl festgelegt: fünf Prozent Rechte in verschiedenen Berufssparten mussten von ihren KollegInnen ausfindig gemacht werden und durch Denunziation zur Anklage gebracht werden. Wer die erforderliche Zahl nicht erfüllte, wurde selbst angeklagt und lief Gefahr, aus der Partei, aus seinem Beruf ausgeschlossen zu werden und damit die Existenz seiner Familie zu ruinieren. Außerdem war damit immer die Angst vor Folter, die Trennung von der Familie, die öffentliche Verachtung verbunden. So funktionierte Maos Herrschaft. Nach einem Jahr waren 550 000 Schriftsteller, Künstler, Studenten, Lehrer, Wissenschaftler und andere Akademiker ihrer Posten enthoben und zur Zwangsarbeit aufs Land versetzt oder in Arbeitslager eingeliefert worden.

Nun folgte Ende der Fünfziger der „glorreiche große Sprung nach vorn“. Mao wollte die Wirtschaft über eine erhöhte Stahlproduktion ankurbeln. Lehrer, Ärzte, Bauern, alle wurden dazu angehalten, rund um die Uhr Stahlschmelzöfen in Gang zu halten, Brennstoff und Alteisen zu sammeln. Die Ernte konnte nicht eingebracht werden, die Lebensmittelrationen waren so reduziert, dass rund dreißig Millionen Menschen verhungert sind. Mao übertrug 1961 Deng Xiaoping die Aufgabe der Wirtschaftspolitik.

Dann kam das, woran sich viele Chinesen nur mit Entsetzen erinnern können: die >>Kulturrevolution<< . Eine erste Aufgabe für alle war, die >>Kapitalistenhelfer<< ausfindig zu machen. Er ernannte Lin Biao, seit 1959 Verteidigungsminister, zu seinem Stellvertreter. Nun wurden über die Volkszeitung die jungen Leute mobilisiert und aufgefordert, sich an der Kulturrevolution aktiv zu beteiligen. Sie gründeten >>die Roten Garden des Vorsitzenden Mao<<. Diese jungen Menschen, die mit aller Härte erzogen worden waren, zerstörten zuerst Kunstschätze und Kulturgüter und wurden von Mao dafür gelobt. 1966 mussten alle Schüler rund um die Uhr in der Schule bleiben, um sich ganz der Kulturrevolution zu widmen. Schüler überfielen Passanten auf der Straße, um alle Zeichen von bourgeoiser Dekadenz zu vernichten (Haare, Röcke und Hosen abschneiden, Teehäuser schließen etc.) Privathäuser wurden geplündert, Bücher endeten auf dem Scheiterhaufen. „Das Land verlor den größten Teil seines schriftlichen Erbes.“ (Ebd., S. 407) Nur noch Lieder, deren Texte aus Mao-Zitaten bestanden, waren erlaubt. Nach den neuesten Mao Zitaten war die Revolution ihrem Wesen nach gewalttätig.

Wieder durchlief eine Welle der Denunziation das Land und Changs Vater und Mutter, die immer noch linientreue Parteifunktionäre waren und immer ihr persönliches Wohl hinter das der Gemeinschaft, der Partei zurückgestellt hatten, wurden erneut verhaftet und als Kapitalistenhelfer angeklagt. 1967 begann die zweite Phase der Kulturrevolution. Bis dahin im Amt verbliebene Funktionäre nannten sich nun Rebellen. Zum ersten mal hatte sich Changs Vater geäußert, nicht einverstanden mit der Kulturrevolution zu sein. Er hatte einen Brief an den Vorsitzenden Mao geschrieben mit der Bitte, die Kulturrevolution zu beenden. Wieder stand die Überlegung im Raum, ob der Rest der Familie sich zum eigenen Schutz von ihm lossagen müsste. Revolutionskomitees bekämpften die politischen Gegner mit blutrünstigen Methoden, öffentliche Prügelstrafen und Folterungen waren an der Tagesordnung. „Seit jener Zeit unterscheide ich zwischen zwei Arten von Chinesen: den menschlichen und den unmenschlichen.“ (Ebd., S.476)

Changs Vater wurde schizophren. Die absolute Identifikation mit der Partei und die während der Kulturrevolution vollzogene Distanzierung führten zu einer schweren Identitätskrise.

Der Apparat, der aufgefahren wurde, um die >>Kapitalistenhelfer<< zu entlarven, war immens: „Damals wurde jedem Kapitalistenhelfer mindestens ein Team zugeordnet, das seine Vergangenheit bis ins kleinste Detail erforschen sollte, manchmal waren es auch mehrere.“ (Ebd., S.501) Auch ihre Mutter wird zwei Jahre gefangengehalten und gefoltert. Ab 1966 wurde sechs Jahre lang kein Unterricht mehr an Chinas Schulen erteilt.

Für die Schriftstellerin selbst beherrschte bis in ihre späte Jugendzeit ein hoher Identifikationsgrad und der Kult um die Person Mao ihr Bild der politischen Geschehnisse: „Mein Lebenszweck war praktisch mit seinem Namen verbunden.“ (Ebd., S. 513)

Ab 1968 wurden auch die Schüler zur Umerziehung zum neuen Menschen aufs Land geschickt. „Die Landverschickung von 15 Millionen Menschen innerhalb weniger Monate war eine der größten Völkerwanderungen der Geschichte; …“ (Ebd., S.534) “>>Neue Menschen<< hieß, wir sollten so werden wie die Bauern.“ (Ebd., S.540) Die Folge der großen Landverschickung war, dass die Industrie in den Städten nur noch unzureichend funktionierte, die Krankenhäuser und viele andere Einrichtungen konnten ihren Aufgaben nicht mehr nachkommen.

Was aus alter Überlieferung zur sozialen Stigmatisierung beitrug wie Unehelichkeit, Illoyalität innerhalb der Familie etc, wurde auch während der Kulturrevolution politisch wieder aufgewertet. „Sie wagten nicht zu widersprechen, chinesische Kinder waren dem ethischen Kodex des Konfuzianismus unterworfen. Sie mussten den Eltern >>unterwürfig<< gehorchen.“ (Ebd., S.590) Ehepaare hatten das Recht, zwölf Tage im Jahr zusammen zu sein.

Am 26.6.1965 verkündete Mao als Richtlinie für das Gesundheits- und Bildungswesen.: „Je mehr Bücher man liest, desto dümmer wird man.“ (Ebd., S.599)

Mit dem Tod Lin Biaos – angeblich plante er einen Putschversuch 1971 – und durch seine Säuberungskationen verlor Mao seinen Einfluss auf die Armee, er musste Deng Xiaoping zurückholen. Es wurden eine Reihe von Funktionären rehabilitiert, darunter auch die Mutter der Autorin. Der alte Verwaltungsapparat wurde wieder hergestellt, wieder auf Produktivität statt ausschließlicher Revolution gesetzt und zum ersten mal seit sechs Jahren wurde an Schulen wieder unterrichtet. Die Arbeiter hatten sich während der katastrophalen Zeit der Kulturrevolution nach den alten Funktionären zurückgesehnt. 1972 wurde auch ihr Vater aus dem Lager entlassen. Allerdings als gebrochener, kranker Mann. Er starb im Alter von 45 Jahren, ihre Tante und ihre Großmutter wurden aufgrund der verheerenden medizinischen Lage nur knapp über 60 Jahre alt.

Frau Mao versuchte 1974 wieder eine Revolution anzustacheln und die Bildung zu diskreditieren: „In der verrückten Logik jener Tage ging man davon aus, dass jemand, der in seinem Beruf gute Leistungen erbrachte (>>fachkundig<< war), automatisch politisch unzuverlässig (>>weiß<<) war.“ (Ebd., S.655) „Unwissen konnte ich akzeptieren, nicht aber seine Verherrlichung und noch weniger den Anspruch, dass die Unwissenheit zu regieren habe.“ (Ebd., S.657)

Auf subtile Art und Weise war jedes moralische Gewissen mit der Zeit zerstört worden, eben durch den ständigen Missbrauch und widersprüchliche moralische Appelle.

Als Fazit für Maos Philosophie formuliert die Autorin das Bedürfnis nach permanentem Konflikt, der eine „moralische Wüste“ (Ebd., S.697) schuf.

Jung Chang gab eine, von der Wissenschaft umstrittene Mao-Biographie heraus.

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