Christa Wolf: „Was bleibt“

Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 1994, Erstausgabe 1990

25 Jahre Deutsche Einheit, ein guter Zeitpunkt um wieder mal zu fragen: „Was bleibt?“

Christa Wolf, nach Reich-Ranickis Einschätzung „Deutschlands humorloseste Schriftstellerin“, ist kurz nach der Wende mit dieser Erzählung an die Öffentlichkeit und damit ins Fettnäpfchen getreten. Ursprünglich 1979 geschrieben und nach dem Mauerfall erst überarbeitet und veröffentlicht löste die Erzählung einen großen Literarturstreit aus, in dem Christa Wolf und die gesamte DDR-Literatur auf den Prüfstand gestellt wurden.

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Ulrich Greiner attackierte die Autorin als berechnend und verlogen, weil sie erst nach dem Ende des SED-Regimes den Mut aufbrachte, diese kritische Darstellung der Überwachung durch die Stasi zu veröffentlichen. (Greiner, Ulrich: Mangel an Feingefühl.)

Frank Schirrmacher von der FAZ wetterte gegen Christa Wolfs Loyalität dem Staat gegenüber und ihr langes Schweigen, betitelte sie gar als „versagende Intellektuelle im Angesicht totalitärer Herrschaft.“ (Schirrmacher, Frank: Dem Druck des härteren, strengeren Lebens standhalten, in Anz, Thomas: Es geht nicht um Christa Wolf., S.77-89).

In der Beschäftigung mit Wendeliteratur kommt Christa Wolf nach wie vor eine bedeutende Rolle zu und gerade die Erzählung „Was bleibt“ ist exemplarisches Beispiel für den inneren Zwiespalt der Autorin. Von Ranicki als „DDR-Staatsdichterin“ beschimpft sieht sie es doch als ihre Aufgabe als Literatin, die den Apparat auch von außen analysiert, über die Literatur die Empfindungen dazustellen, die sie innerlich zermürben. Und die Verhältnisse zu kritisieren, die ihr eine Arbeit als Schriftstellerin fast unmöglich machen. Nun, eine auf diese Art formulierte Kritik konnte zu Zeiten des Regimes nicht veröffentlicht werden, gleichwohl musste sie geschrieben werden von der Autorin, um sich ihrer selbst zu versichern.

Sie beschreibt einen Tag, einen einzigen Tag der Überwachung durch die grauen Herren im Auto vor ihrem Fenster. Die Suche nach einer neuen Sprache ist das, was sie aufrechthält, und das Wissen, dass sie „eines Tages auch darüber reden wird.“ (Ebd., S.5) Aber noch ist es nicht so weit. Sie begibt sich in einen inneren Dialog, in dem sie sich aufspaltet. Das multiple Wesen setzt sich zusammen

aus einem „das sich kennen wollte“, einem, „das sich schonen wollte“ und einem, „das immer noch versucht war, nach derselben Pfeife zu tanzen wie die jungen Herren da draußen vor meiner Tür“. (Ebd., S.56) Im Laufe des Dialogs erteilt sie demjenigen Ich, das sich schonen wollte, eine Kündigung. Ein mutiger Schritt. Sie beschreibt im weiteren Verlauf den Abend einer Lesung im Kulturhaus zum Thema „Wachstum- Wohlstand- Stabilität“, bei der die Autorin weiß, wie viele Besucher von der Staatssicherheit genau auf jedes ihrer Worte hören und bei der sie feststellen muss, dass ein Großteil ihrer eigentlichen Fans vor der Tür bleiben muss. „Ausverkauft.“ Es gab einen Polizeieinsatz wegen angeblich aggressiver Zusammenrottung. Der Autorin ist klar, dass sie nun weniger denn je mit ihrer andeutungsweisen Art der Kritik von innen heraus wirken kann: „Ich konnte nichts mehr tun. Kaltgestellt nennt man das. Mit dem Rücken an der Wand.“ (Ebd., S.104) Es sind die kleinen Feinheiten, z.B. das Schillerzitat : „Fremd bin ich eingezogen.“ Und nicht in Anführungszeichen geschrieben, also als persönliches Statement formuliert: „Fremd zieh ich wieder aus.“ ( Ebd., S.105)

Natürlich haben andere Autoren noch während des sozialistischen Diktats – Skeptizismus hieß Senkung des Lebensstandards, nach Ulbricht – schärfere Kritik geübt als Christa Wolf, oder andere Konsequenzen gezogen. Ob das mehr Wirkung gehabt habt, sei dahingestellt. Die kunstvolle Art und Weise, wie Christa Wolf mit der „Kassandra“ und den Poetik-Vorlesungen dazu Politik und Mythos durch Verflechtung für wirkungsvolle Kritik nutzt, sucht ihresgleichen.

Irgendwann einmal wolle sie es genau beschreiben, „…in meiner neuen Sprache, die härter sein würde als die, in der ich immer noch denken musste.“ (Ebd., S.8) Und das hat sie getan. Welche Formulierungen in der Erzählung „Was bleibt“ dabei vor und welche nach der Wende entstanden sind … Nun, ein viertel Jahrhundert später ist das vielleicht nicht mehr von derselben Bedeutung, wie 1989. Auf die Frage, was bleibt, antwortete sie damals: „Dass es kein Unglück gibt außer dem, nicht zu leben. Und am Ende keine Verzweiflung außer der, nicht gelebt zu haben.“ (Ebd., S.108) Diese Traurigkeit am Ende eines 40 Jahre langen Eintretens für eine neue Gesellschaftsform ist ein bedrückendes Resümee. Aber in ihrem 2010 erschienenen Buch „Stadt der Engel“, in dem sie sich noch einmal mit ihrer DDR- Vergangenheit auseinandersetzt, eröffnet sie: „…zum Schreiben haben mich ja immer die Konflikte getrieben, …“ (Christa Wolf: Stadt der Engel, Suhrkamp Verlag, Berlin 2010). Und darin hat sie gelebt, in ihrem Schreiben.

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2 Kommentare zu „Christa Wolf: „Was bleibt“

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