Literaturnobelpreis 2015 für Swetlana Alexijewitsch

Zum Literaturnobelpreis für Swetlana Alexijewitsch

Buchrezension „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“
Aus dem Russischen von Ganna-Maria BraungardtSuhrkamp Taschenbuch Verlag, 2015

Kaum eine Preisvergabe wird jedes Jahr auf Neue in ihrer Würdigkeit so heftig kritisiert, wie die Auswahl des jährlichen Literaturnobelpreisträgers. Dieses Jahr richtete sich die Kritik auf die Frage: Ist es überhaupt Literatur, wenn jemand eine Collage aus Zeitzeugenberichten zusammenstellt?

Natürlich bewegt man sich als Autorin hier an der Grenze zwischen Reportage und Literatur. Auch Irina Liebmann musste sich dieselbe Kritik gefallen lassen mit „Berliner Mietshaus“ in den 80er Jahren, jetzt wird das Buch wieder beachtet als Zeitzeugenliteratur zur Wende.

Was macht Literatur zur Literatur? Selbst wenn ein Gespräch wiedergegeben wird, so wird schon allein durch die Auswahl, durch Auslassungen, durch kommentierende Ergänzungen, ein Gestaltungsziel verfolgt und umgesetzt: die Intention, eine bestimmte Stimmung, eine Emotion, eine mit einem bestimmten Blick verbundene Perspektivübernahme herauszufordern. Und die Art und Weise der Gestaltung ist eine künstlerische. Im Klappentext zu „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“ erklärt Swetlana Alexijewitsch ihr Programm: „Ich schreibe keine Geschichte des Krieges, sondern eine Geschichte der Gefühle der Menschen im Krieg“. Und im Interview zur Verleihung des Preises erklärt sie, dass sie sehr wohl Material wie ein Journalist sammle, damit aber als Literatin arbeite.

Vielfach hörte man dieser Tage harsche Kritik, z.B.: „Literatur muss … eine eigene imaginative und weltverwandelnde Kraft haben“, sagte Radisch der Deutschen Presse-Agentur. „Das ist bei Swetlana Alexijewitsch nicht der Fall.“ (zu lesen in der Süddeutschen Zeitung vom 10.10.15 unter der Rubrik „Literatur“)

Aber genau diese Kraft im Ausdruck findet die Autorin dieser Rezension bei Alexijewitsch. Sie will Romane aus Geschichten schreiben. Und das tut sie. Es entsteht eine imaginierte Welt beim Leser, und wenn die Basis auf tatsächlich Erlebtem beruht, so hat dies eine um so stärkere verwandelnde Kraft. Alexijewitsch will sich weiter für Demokratie und Menschenrechte einsetzen. Auch oder gerade weil ihre Bücher in ihrer Heimat Weissrussland immer noch nicht erscheinen dürfen.

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In dem Buch „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“ versucht sie, dem Grund auf die Spur zu kommen, warum die Frauen schweigen zu einem Thema, das eine in der Historie männliche Geschichte spiegelt: „Sie haben sich selbst nicht vertraut. Sich nicht anvertraut. Eine ganze Welt blieb uns verborgen. Ein separater weiblicher Kontinent.“ (Ebd., S.14)

Und genau das macht Literatur eben auch aus: das Angebot einer bisher nicht gekannten oder nicht beachteten Perspektive. „Der >>weibliche<< Krieg hat seine eigenen Farben und Gerüche, seine eigenen Empfindungen und seinen Raum für Gefühle. Seine eigenen Worte.“ (Ebd.)

Und die Zusammenstellung dieser Worte durch Swetlana Alexijewitsch ist Literatur und eines solchen Preises würdig.

Es ist erschütternd, zu lesen, wie Frauen, junge Mädchen, obwohl sie zunächst abgelehnt wurden, bis zur höchsten politischen Instanz der damaligen Sowjetunion vordrangen, um ihren Einsatz an der Front zu erzwingen. Es berichten Frauen in allen Positionen: Hauptmann der Luftstreitkräfte (ja, es gibt für manchen Bereiche keine weiblichen Berufsbezeichnungen), Flakartilleristin, Kommandeurin eines MP-Schützenzuges, Partisaninnen uvm. Sie berichten von dem drängenden Wunsch, die Heimat an der Front zu verteidigen. Unabhängig von der persönlichen Haltung gegenüber der Politik Stalins wird der Heimatboden zum Identifikations-Symbol. Und dann ist da auch noch das Verlangen, Teil der Geschichte zu sein, einer Geschichte, die sich später eben nicht der Erinnerungen dieser Frauen bedient, um ein Erinnerungsbild zu gestalten. Das tut Swetlana Alexijewitsch. Und die Farben, in denen sie die Geschichten zeichnet, wie die Frauen ihr eigenes Wohl und das Wohl ihrer Kinder opfern, sind in Kunst verwandelte Worte, die den Menschen zeigen, den Menschen im Krieg. Die Abgründe sind ein Thema, aber auch das Große, das aus dem Leiden entsteht:

„Ich betrachte das Leiden als höchste Form der Information, die direkt mit dem Mysterium zusammenhängt. Mit dem Mysterium des Lebens. Die ganze russische Literatur handelt davon. Über das Leiden hat sie mehr geschrieben als über die Liebe.“ (Ebd., S.25)

2 Kommentare zu „Literaturnobelpreis 2015 für Swetlana Alexijewitsch

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  1. im gegensatz zu dir kann ich die argumentation von iris radisch nachvollziehen. die arbeit von alexijewitsch ist wertvoll und wichtig, das ist keine frage. und natürlich sind auch in dieser (und sicherlich auch in anderen) sammlung von erinnerungen literarische passagen, aber ob dies allein schon die preiswürdigkeit ausmacht? dies auch unter dem gesichtspunkt, welch hervorragende schriftsteller den preis bislang nicht zugesprochen bekommen haben. falls es dich interessiert, meine besprechung des buches ist heute online gegangen.
    herzliche grüße
    fs

    1. Vielen Dank, deine Argumentation ist schlüssig, vor allem was die Anteile der Interviews angeht, ich würde aber annehmen, dass auch diese einer literarischen Gestaltung durch die Autorin unterliegen. Danke für den Kommentar und für den Hinweis auf deine sehr detaillierte Rezension, lesenswert!
      LG
      Dagmar

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