Frank Witzel: Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969

Frank Witzel hat mit seinem Titel „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manischen depressiven Teenager im Sommer 1969“, MSB Matthes & Seitz Berlin Verlagsgesellschaft mbH, Berlin 2015, den Deutschen Buchpreis 2015 erhalten!

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Frank_Witzel entfaltet auf 800 Seiten eine Geschichte, die als Erzählung auf verschiedenen Zeitebenen die Wahrnehmung eines Jugendlichen und Erwachsenen in verschiedenen Lebensphasen reflektiert. Mit großer Detailgenauigkeit werden die späten 60er und frühen 70er lebendig, der Geschmack von Brause auf der Zunge, die Musik der Beatles und der Stones, die Kämpfe mit den Eltern um jeden Zentimeter Haarlänge. Der Titel entspricht dem Aufbau des Romans: es wird etwas ausgesagt, das sich im selben Atemzug selbst widerlegt.

Ein Mensch erzählt seine Geschichte, indem er Geschichten erfindet. „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion“ ist eine seiner Geschichten, mit denen er eine Annäherung an sich selbst sucht. Beschrieben wird dabei eine Art Anarchismus, der nicht per se als radikale Verneinung daherkommt, sondern aus einem Nicht-Verstehen-Können, die Welt-so-nicht-annehmen-Können erwächst. Dabei ist dieser Jugendliche hochsensibel und leidet in hohem Maß an seiner Besessenheit, die Dinge bis ins Kleinste analysieren zu wollen und keine Antworten zu finden.

Es wird auch nicht ein Muster bedient, in dem Radikalisierung entsteht im Wechselspiel Aktion – Reaktion. Erzählt wird vielmehr so, als würde ein Prozess in Gang gesetzt, der aus der Situation des Ver-rückt-seins, des in dem Gefüge seiner Umwelt nicht seinen Platz Findenden zu Fehlinterpretationen seines Handelns führen. Der Jugendliche findet für sich keinen anderen Ausweg, als sich selbst für verrückt zu erklären.

Es entstehen in einzelnen Passagen Identifikationsmuster des Protagonisten mit den Gründungsmitgliedern der RAF. Dieser Jugendliche spielt mit dem Namen, gibt sich als Erfinder des Zeichens aus, und vergleicht Bader, Enslin, Meinhof mit Figuren seiner kindlichen Erinnerung und Fantasie. Wahrnehmung und Wahn vermischen sich in einem Kaleidoskop mehrerer Betrachtungsschichten: man kann sich in die Zeit hineinversetzen, in die gesellschaftspolitischen Konflikte und in die Situation eines Anderswahrnehmenden, der sich auch als Erwachsener noch nicht sicher beantworten kann, wo die Grenzlinie verläuft zwischen Terrorist und Märtyrer. Die katholische Erziehung wird als ideologische Vereinnahmung des Jugendlichen beschrieben.

Aus seinen Analysen zwischen religiösen Eiferern, die sich in der Erziehung des Jugendlichen ihr eigenes Heil versprechen, und radikalen Revolutionären ergeben sich für den Jugendlichen durchaus Analogieschlüsse: beide machen sich zu Märtyrern einer größeren Sache.

Erst gegen Ende des Buches erklärt der Erzähler, dass er nur von der eigentlichen Geschichte, von dem, was er wirklich getan hat, ablenken wollte. Wobei das, was der Erzähler dann auftischt, eine weitere spannende Geschichte ist auf dieser Reise durch Politik, Kulturgeschichte und Popmusik. Aber wie der Titel verspricht: wieder eine Erfindung.

Über das Erzählen von Geschichten, sowohl in Traumbilder verkleidet, als auch über Geschichten, die wie autobiographische Erinnerungen daherkommen, wird in diesem Buch die Komplexität einer jugendlichen Psyche aufgefächert, die an den reellen Gegebenheiten beinahe zerbricht und deren einziger Fluchtpunkt die Depression bleibt.

Sprache und Gestaltung

Frank Witzel entwickelt diese Geschichte im Stil eines poetischen Realismus‘ auf 830 Seiten in wechselnden Erzählsituationen, die aus den erlebten und empfundenen Situationen des Protagonisten ein „ver“-„rücktes“ Bild über die erzählte Zeit abgeben. Ingo Schulze titelt auf der Coverrückseite: „Ich erfahre so viel über den untergegangenen Westen und über die Gegenwart – erst jetzt weiß ich, dass ich mir genau so einen Roman über dieses Land schon immer gewünscht habe.“

 

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