„Welt“- Literaturpreis: Haruki Murakami „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki „.

Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe. Dumont, Köln 2014.

Wieder einmal wird in den Rezensionen häufig der Begriff „Magischer Realismus“ bemüht, um eine Besonderheit des Erzählens mit wenigen Worten zu erklären. Was ist es, das Haruki Murakami zu diesem besonderen Erzähler macht, dass die Welt von ihm fasziniert ist?

Die Geschichte von Tsukuru Tazaki, einem in Tokio lebenden Mittdreißiger, der Bahnhöfe konstruiert, ist eine Geschichte vom Verlieren, Suchen und Finden einer Identität. Aus für ihn unerklärlichen Gründen wird Tsukuru als Student von seinen Jugendfreunden ausgestoßen und fällt in eine tiefe Depression mit Suizidgedanken. Die einzig mögliche Erklärung liegt für ihn in der einfachen Tatsache, dass in seinem Namen als einzigem keine Farbe bezeichnet wird. Sechzehn Jahre lang bleiben ihm die wirklichen Gründe verborgen, ein Leben verändert und entwickelt sich, ungefragt. Wie wenig logisch, wie wenig erklärbar das Gewebe ist, das wir Leben nennen, aus den sich kreuzenden Lebenslinien gewoben, das erzählt Murakami’s Geschichte von Herrn Tazaki. Seine späteren Beziehungen bleiben oberflächlich, bis die Frau, die ihm mehr bedeuten könnte, ihn dazu auffordert, sich mit der vergangenen Geschichte auseinanderzusetzen, um eine Zukunft zu haben. Auf dieser Reise in seine eigene Vergangenheit werden überraschende Zusammenhänge sichtbar, aber auch das, was für immer im Verborgenen bleibt, wird nun zu einem akzeptierbaren Teil seines Lebens. „Er begriff endlich in den Tiefen seiner Seele, dass es nicht nur die Harmonie war, die die Herzen der Menschen verband. Viel tiefer war die Verbindung von Wunde zu Wunde.“ S.266

Das Besondere sind nun die vielen kleinen Schlupflöcher, durch die ein phantasiebegabter Leser zusätzliche Deutungsebenen in die Geschichte einbauen kann. Ein mysteriöser Freund von Tsukuru Tazaki führt ihn – und den Leser – auf einen Pfad voller Geheimnisse, auf dem das Leben mehr ist, als das Erklärbare. Dieses „mehr“ ist auch mit Unsicherheit und Angst verbunden, es macht Türen auf und Abgründe. Auf seiner Reise in seine Heimatstadt und nach Finnland erlebt Tsukuru nicht nur eine neue Vergangenheit. Er knüpft lockere Verbindungslinien zwischen allen unerwarteten Ereignissen und gibt die Deutungshoheit an den Leser weiter. Wenn man durch die angebotenen Türen geht, eröffnet sich eine Welt voller Zauber, ohne kitschig zu sein. „Magischer Realismus“ eben!

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