Patrick Modiano: Im Café der verlorenen Jugend

Übersetzung von Elisabeth Edl.
Deutscher Taschenbuch Verlag, 5. Auflage, München 2014, franz. Originalausgabe 2007

Modiano ist ein Erzähler. Von der ersten Seite an gelingt es ihm, eine Illusion zu schaffen, die den Leser einfängt. Ohne große Schnörkel, ohne exaltierte Kunstfertigkeit kommt der Roman damit aus, vier verschiedene Perspektiven zu zeichnen, vier verschiedene Blickwinkel auf das Leben anzubieten und damit eine Person zu umkreisen, die, obwohl in einer Passage aus der Innenperspektive beschrieben, doch vage und schemenhaft bleibt. Es entsteht viel mehr eine Stimmung, die gespannt macht und gefangen nimmt.

Louki, eine junge Frau im Paris der sechziger Jahre, haltlos, illusionslos, treibt durch die Tage und durch die Cafés. Wir ahnen nur aus dem Verschwiegenen die Abgründe der Kindheit, allein mit der Mutter, die als Tänzerin im Moulin Rouge arbeitet und im Leben der Tochter nur eine Abwesenheit darstellt. Ihre frühen Kontakte in zwielichtigen Milieus sind so angelegt, dass der Leser einerseits ahnt, dass hier nicht benannte Ereignisse großen Einfluss auf ihre Liebes- und Beziehungsfähigkeit haben. Andererseits wird die Szenerie durch Loukis Augen von ihrer verführenden Seite gezeigt. Die junge Frau, die mehr will, als das Leben ihr bieten kann, bleibt eine Sehnsuchtsgefangene.

Alle Personen, die uns Louki erzählen, sind in einer Art von Liebesbeziehung zu ihr. Der Detektiv verliebt sich während seiner Nachforschungen, die Freundin aus der Jugendzeit erinnert sich an die Verführungskraft, aber auch an die Verführbarkeit von Louki. Der letzte Erzähler, Roland, ihr Geliebter, erinnert sie als lebendigste Figur. Sie wird in seiner Erinnerung weiterleben. Von ihm konnte sie sich als Einzigem nicht trennen. Was blieb, war der Sprung aus dem Fenster. Der Sprung der Haltlosen, die nicht ohne die treibende Kraft der Sehnsucht hätte leben können.

Über den Nobelpreis für Literatur lässt sich jedes mal trefflich streiten. Was dieses mal sicher gelungen ist: es wurde ein Erzähler ausgezeichnet für seine Fähigkeit, eine Stimmung, eine Zeit, ein Milieu ohne Allgemeinplätze, an Figuren angehängt, nachspürbar zu machen.

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