Universalismus und Religion – Wofür braucht es Allgemeingültigkeit?

Als Mensch, der mit offenen Augen die Aktivitäten der Menschheit betrachtet und mit Erschütterung die Folgen beobachtet, fragt man sich, wozu denn da abstrakte Gedankenfolgen noch gut sein sollen. Helfen sie zum besseren Verständnis von Gerechtigkeitsangelegenheiten? Können abstrakte Überlegungen Machtverhalten und Krieg entgegenwirken? Können wir über theoretische Argumentationen religiöse Konflikte entschärfen?

Was zunächst wie eine Luftblase über den Realitäten hängt, ist doch, nicht nur für die Philosophie als Wissenschaft, sondern für das bürgerliche Leben von weitreichender Bedeutung: Gibt es einen Universalanspruch und wenn ja, worauf?

Wir leben in pluralistischen Öffentlichkeiten in denen über kommunikatives Handeln ein öffentlicher Raum erzeugt wird, an dessen Gestaltung wir teilhaben. Privat und politisch ist Handeln nicht zwei verschiedenen Identitäten zuzuordnen, Handeln und Verhalten findet unter bestimmten Bedingungen statt, die in der Demokratie zumindest die Bereitschaft, faire Kooperationsbedingungen einzuhalten, voraussetzen. Derzeit ist eine Deprivatisierung der Religion zu beobachten, die für unser postsäkulares Zeitalter ein inklusives Modell des politischen Diskurses erfordert, das religiöse Argumente ernst nimmt. Nur über den ernst gemeinten Diskurs sind alle Seiten dazu genötigt, die mögliche Legitimation ihrer Argumente selbst zu prüfen. Verschiedene kulturelle Wertorientierungen finden Ausdruck und Raum in einer Öffentlichkeit, die nicht auf einem Interpretationsmonopol besteht.

Die einzige Basis, auf der etwas Allgemeingültiges formuliert werden kann, ist „der Mensch“ im universalen Sinn, und somit nach Kant das, was anthropologisch den Menschen ausmacht: die menschliche Vernunft, die Fähigkeit zur ideellen Freiheit und daraus abgeleitet die menschliche Würde. Die praktische Philosophie kann sich als einziger Grundlegung auf die menschliche Würde beziehen.

Nach Auffassung der Verf., auch wenn Habermas (siehe Habermas: Naturalismus und Religion) behauptet, Würde sei ein Begriff, der nur diskursiv gewonnen werden kann, Würde sei ein Ausdruck einer „Wir- Perspektive“, sogar die einzige „Wir- Perspektive“, auf der Fragen der Gerechtigkeit abgehandelt werden können, muss diesem gelingenstheoretischen Begriff eine freiheitstheoretische Begründung an die Seite gestellt werden. (siehe Menke/Pollmann: Philosophie der Menschenrechte) Gelingenstheoretisch haben Menschen demnach Würde, sofern es ihnen gelingt, nach ihrer Vorstellung vom Guten ein Leben in Selbstachtung zu führen. Freiheitstheoretisch wird die Würde gewahrt durch die grundlegende Fähigkeit nach eigenem, freien Urteil zu handeln. Dann wäre Würde kein Ziel, sondern eine Eigenschaft. Gelingenstheoretisch setzt Würde die Menschenrechte voraus, die Würde ist abhängig von einer Politik der Gewährleistung. Freiheitstheoretisch ist Menschenwürde eine Eigenschaft, der die Politik in Form von Menschenrechten gerecht werden muss. Wenn die Menschenwürde an eine Symmetrie der Beziehungen gebunden ist, dann müssen zwei Voraussetzungen erfüllt werden: wechselseitige Anerkennung und politische Gleichheit. Nur dann kann Solidarität entstehen, die in der Folge reflexive Auseinandersetzung und Lernbereitschaft auf allen Seiten ermöglicht.

Verschiedene Transformationsprozesse der Vergangenheit haben gezeigt, dass Verschiebungen im religiösen und weltlichen Bewusstsein die Öffentlichkeit nachhaltig verändert haben. Wenn wir das säkulare Interpretationsmonopol diskursiv in Frage stellen, impliziert das die Aufforderung an andere Argumentationsweisen, auch ihre Interpretationshoheit zur Disposition zu stellen. Die Voraussetzung eines solchen Diskurses ist die Anerkennung einer vorpolitischen Gleichheit, die nur vom Menschen als Gattungswesen abgeleitet werden kann. Pluralität ist nur zu denken und zu leben auf der Basis einer universalen Gleichheit und setzt die Bereitschaft der Anerkennung dieser Gleichheit voraus, von allen Seiten.

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3 Gedanken zu „Universalismus und Religion – Wofür braucht es Allgemeingültigkeit?

  1. Religion ist das Bedürfnis der Menschen, an etwas zu glauben, Sinn zu finden um das Dasein „auszuhalten“. Aber auch, im besten Sinne, ist Religion ein Ergriffenwerden vom Göttlichen. Religion, so verstanden, ist somit immer exklusiv an eine Persönlichkeit verbunden und sollte besser als Spiritualität bezeichnet werden. Religionen (Christentum etc) waren und sind Machtinstrumente von Insitutionen und Führungsschichten, etwaige religiöse Inhalte sind nur Mittel zum Zweck. Wenn auch Religionen Evolutionsvorteile generieren mögen, leisten sie historisch sowie in der Gegenwart keinen nachhaltigen Beitrag für eine Formulierung von Universalien.
    Ebenso erscheint auch ein Beitrag aus politischen/sozialen Umfeld zweifelhaft, da dieser einem Zeitgeist unterworfen zu sein scheint, siehe Menschenrechte vs. Folterpraxis auch in westlichen Ländern.

    • Ja, Spiritualität ist etwas Persönliches, nun wird aber über Religionen mit ihren Begriffs- und Machtdefinitionen öffentlich diskutiert und verhandelt, auch von Diskursteilnemern, die keinen Zugang zu dieser Art von Spiritualität haben und die Herausforderung derzeit liegt darin, eine Möglichkeit zu finden für einen konstruktiven Diskurs, in dem unter der Voraussetzung der Wertschätzung unterschiedlicher Haltungen eine Verständigung gesucht wird. Und hier kann eine universale Akzeptanz der menschlichen Würde oder eine Einigung auf eine Würde als Bedingung für Toleranz sowohl vom Ausgangspunkt als auch von der Zielrichtung her dazu beitragen, dass alle DiskursteilnehmerInnen ihr eigene Haltung darauf hin überprüfen.

  2. Ein Diskurs zwischen bzw. mit Religionsgemeinschaften wird in der Regel in oberen Hierachien ausgetragen, der aber wiederum mit säkularen Machtinteressen verknüpft ist. Daher sind Zweifel einer Effizienz oder Ehrlichkeit und Offenheit derartiger Gespräche angebracht.
    Als eine viel mehr versprechene Option mag die Befreiungstheologie angeführt werden, die u.a. die Wiedererlangung der Würde des Menschen zum Ziel hat, wobei auch hier ein Versagen der Führungsschicht, in diesem Fall der christlichen Kirche, offen liegt. Dazu ein (Interview)Zitat von Kamel Daoud, ein algerischer Kolumnist und Schriftsteller (durch eine Fatwa mit dem Tode bedroht): „Die Reilgion zu reflektieren, auf Distanz zu gehen, die eigene Freiheit gegenüber den Himmel zu verteidigen, ist für mich wichtig, ja sogar lebensbotwendig“.

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