Potentiale der Volkshochschulen im Bereich Allgemeinbildung und Neue Medien

Über die spezifischen Bildungsinteressen verschiedener gesellschaftlicher Milieus und Tendenzen in der Erwachsenenbildung – Anforderungen im Bereich Neue Medien mit einbeziehend – wird versucht, im Interesse des Auftrags der Volkshochschulen zukünftige Potentiale in der Erwachsenenbildung aufzuzeigen und in folgenden Artikeln ihre Gestaltungsmöglichkeiten zu diskutieren.

Helmut Bremer hat in „Soziale Milieus, Habitus und Lernen“ einige Forschungsergebnisse unter anderem im Bereich der freiwilligen Erwachsenenbildung an der Volkshochschule zusammengefasst und kommt zu dem Ergebnis, dass in zweierlei Hinsicht ein großes Potential der vhs unausgeschöpft ist: Zum einen wird der kulturelle Auftrag der Erwachsenenbildung zur Integration und zur „Verwirklichung von Lebenschancen und die Möglichkeit von mehr gesellschaftlicher Teilhabe“ (ebd., S.164) zu wenig verfolgt, zum anderen wird von ökonomisch marketingstrategischer Seite aus betrachtet zu wenig zur Zielgruppengewinnung getan. Diese beiden Anforderungen zusammen zu bringen, spiegelt das bekannte Spannungsfeld anspruchsvoller Bildungsprojekte: der Anspruch folgt einem neuhumanistischen Bildungsansatz, die Projekte müssen aber ökonomisch gesichert sein; soziale Inklusion soll oben auf der Agenda stehen, neue Zielgruppen sollen zur Finanzierung der Programme ebenfalls angesprochen werden. Aus Bremers Forschungsarbeit lassen sich verschiedene Schlüsse zu den Potentialen und ihren Etablierungsmöglichkeiten ziehen.

Die Grundlage für Bremers Ergebnisse im Allgemeinbildungsbereich bilden Milieustudien auf Basis der Sinusmilieus. Nach Heiner Barz (2000, Weiterbildung und soziale Milieus. Neuwied-Kriffel: Luchterhand) erlauben sie eine Einteilung je nach Milieu in spezifische Haltungen zur Bildung: die oberen Milieus zeichnen sich aus durch einen selbstbewusst kritischen Habitus den Bildungsangeboten gegenüber, während die Haltung bei den mittleren und unteren Milieus eher praktisch oder nützlichkeitsbezogen sei (nach Barz, S.173). Die Milieueinteilung folgt hier einem älteren Modell, das zwischen prekären, Arbeitnehmer-, kleinbürgerlichen, konservativen, postmodernen, liberalen, u.a. Milieus unterscheidet, die sowohl in Bildungszugang als auch Status und Einkommen von unten nach oben gestaffelt sind. Diese Einteilung folgt einer klassischen Bedürfnispyramide, nach der in den unteren Milieus pragmatisches Wissen zur Lebenserhaltung gefragt ist, während in den oberen Milieus Selbstverwirklichungsbildung angestrebt wird. Moderne, gebildete Milieus sehen sich eher als gesellschaftsgestaltende und sind dementsprechend auch in den Neuen Medien aktiver und partizipativer. Sie neigen zu persönlichkeitsorientiertem Kompetenzerwerb, während Arbeitnehmer- und traditionelle Milieus auf berufliche Kompetenzen setzen. Bremer, S.157:

„Die größte Affinität zum Angebot der Volkshochschulen besteht beim kleinbürgerlichen Milieu. Möglicherweise distanzieren sich moderne Milieus teilweise deshalb von der Volkshochschule, weil die Angebots- und Seminarkultur besonders von diesen Milieus geprägt ist. Bei oberen Milieus wird allerdings auch häufiger ein zu geringes Niveau beklagt:…“

Es kann hier also ein gewisses Potential für Allgemeinbildungsprogramme für moderne und für gebildete Milieus gesehen werden. Vor allem Frauen sind nach wie vor eine Zielgruppe für neue Projekte, denn diese stellen nach dem 51.Volkshochschulbericht für das Jahr 2012 rund 76% der Teilnehmenden an allen vh- Kursen. Um hier das Potential auszuschöpfen und gleichzeitig Integration zu fördern kann eine Bildungsakademie für Frauen mit gemeinsamen Kursen für alle (z.B. Kommunikation, Neue Medien) Frauen mit unterschiedlichen Bildungshintergründen zusammenbringen. Ein spezifiziertes Zusatzangebot kann auch anspruchsvolle Anforderungen oder partizipatorische Bedürfnisse befriedigen. In einem Allgemeinbildungsprojekt ist „…gerade die heterogene Zusammensetzung der Teilnehmenden anzustreben, um Milieugrenzen thematisieren und bearbeiten zu können,…“ (Bremer, S.158).

Eine Studie von Rudolf Tippelt, Meike Weiland, Sylvia Panyr, Heiner Barz (2003, Weiterbildung, Lebensstil und soziale Lage in einer Metropole. Bielefeld: wbv) zeigte, dass die modernen Performer am stärksten an Weiterbildungsmaßnahmen interessiert sind. Heiner Barz und Rudolf Tippelt (2004, Weiterbildung und soziale Milieus in Deutschland, Band 2: Adressaten- und Milieuforschung zu Weiterbildungsverhalten und –interessen. Bielefeld: wbv) konnten in einer deutschlandweiten Befragung zur allgemeinen Weiterbildung feststellen, dass die oberen und jüngeren Milieus stärker daran teilnehmen als andere Milieus, die vhs aber überwiegend von traditionellen und bürgerlichen Milieus besucht werden. Die vhs sind im Gesamten „…der mit Abstand am stärksten besuchte Anbieter (25%)“ (Bremer, S.162), doch bei den Weiterbildungsaktivsten erreichen sie nur 12,3 bzw. 16,9 %.

Hier wären sicherlich Zukunftspotentiale für die Volkshochschulen, zumal bisher der Altersdurchschnitt laut Volkshochschulbericht in fast 40% der Kurse bei über 50 Jahren liegt.

Bezogen auf eine Unterteilung nach statischen und dynamischen Bildungsinteressen kann vermutet werden, dass der Form nach eher statische Bildungsformate praktiziert werden, während die Jüngeren und gebildeten InteressentInnen eher an dynamischen Konzepten interessiert sein dürften. In Bezug auf Bildungsprogramme mit und zu Neuen Medien liegt hier großes Potential, um neue Zielgruppen für die Volkshochschulen anzusprechen. Interaktive Informations- und Gestaltungskompetenz ist ein an vielen vhs bisher vernachlässigter Bereich. Mediennutzung in Form von Basiskenntnissen für Konsumenten wird gelehrt, jedoch Medienkompetenz als zivilgesellschaftliche Kompetenz für Demokratisierungsprozesse wird bislang zu wenig gefördert.

Sozialer Selektivität durch Weiterbildung entgegenzuwirken kann nur über emanzipatorische Allgemeinbildungsprojekte angestrengt werden. Die vhs stehen für den Anspruch „Bildung zur Verbesserung von Lebenschancen und Bildung als gesamtgesellschaftlicher Prozess für alle Bürgerinnen und Bürger“. In diesem Sinne ist für die Zukunft besonderes Augenmerk auf Medienbildung und gesellschaftliche Teilhabe zu richten.

Für die Einrichtung von Allgemeinbildungsprojekten und ihre Ausstattung mit Medienkompetenzprogrammen können mit der entsprechenden bildungspolitischen Begründung Fördermittel über die Bundeszentrale oder Landeszentrale für politische Bildung zur Anschubfinanzierung beantragt werden.

Grafiken: Sinus Institut für Markt und Sozialforschung

http://www.sinus-institut.de/fileadmin/bilder/downloadcenter/2014-01-20-Digital_User_Groups-Strategisches_Zielgruppenwissen_Slide_01.pdf

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