Twilight Saga „Breaking Dawn“

Aktuell zur Premiere des Kinofilms „Breaking Dawn“ kann man sich wieder mal überlegen, ob die Twilight-Saga ein gutes Weihnachtsgeschenk für pubertierende Mädchen ist. Dazu rückblickend einige Gedanken zum Aufbau der Bücher:

Stephenie Meyer: Twilight – Saga

Mythos als Verführung

2007 nominiert für den deutschen Jugendliteraturpreis

Es muss eine große Sehnsucht sein, die sich hinter dem Mythos der unsterblichen Liebe verbirgt, wenn junge Mädchen heute ein 1500 Seiten langes Märchen lesen, obwohl wir in einer Welt leben, die sich so schnell dreht, dass wir oft nach dem Kauf eines Buches schon nicht mehr wissen, warum wir es lesen sollen. Wie schaffen es diese Paranormal Romances zu so ausführlicher Lektüre zu verführen?

Stephenie Meyer, Mitglied der „Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“, einer Sondergruppe der Mormonen, schreibt auf ihrer homepage über die Bedeutung ihrer Religionszugehörigkeit für ihr Schreiben. Heimgesucht von einer Vision eines liebenden Mädchen und eines Vampirs auf einer Lichtung verfällt sie in exaltierte Übersteigerung der religiös begründeten sexuellen Enthaltsamkeit. Sie gestaltet als Chiffre eine monströse Verbindung von Sexualität und Tod. Nur das ewige Leben in ewiger Liebe vermag der Sexualität zur Legitimation ihrer Existenz zu verhelfen. Weniger tut’s nicht.

Die Mitglieder ihrer christlichen Gemeinschaft verstehen sich als Urchristen, die nach der ursprünglichen Lehre Jesu Christi die Kirche von ihren Irrtümern befreit. Als neureligiöse Bewegung beanspruchen sie allein für sich die geistliche Vollmacht zur Ausübung eines wahren Glaubens. Als kleine, außerhalb der Konvention stehende Gemeinschaft sind nur sie allein im Besitz eines fortschrittlichen Wissens, jenseits der weltlichen Verführungen.

Ebenso Meyers Vampire. Auf unkonventionelle Art und Weise übernehmen die in der literarischen Tradition als Verkörperung des Bösen dargestellten Vampire hier bei Stephenie Meyer die Rolle der neuen moralischen Elite. Die „normalen“ Menschen sind nicht dazu befugt, ein Urteil darüber abzugeben, was unter extremsten Bedingungen ein moralisch verantwortliches Leben bedeuten könnte. Nur die Ausgeschlossenen, die in einer übermenschlichen Anstrengung, wider ihre Natur, eine Form der Selbstgesetzgebung erfinden müssen, wissen wirklich, worum es geht.  Noch dazu, weil ihre Einstellung zeitlich unabhängig ist und bleibt. Ein solches Bewusstsein findet seine vollkommenste Form in der Manifestation von ewiger Liebe.

Hier wird zunächst eine Identifikationsmöglichkeit für jugendliche Leser angeboten: Die Protagonistin Bella (Isabella Swan), durch deren Augen die Geschichte geschildert wird, ist überdurchschnittlich belesen. Mehrfach erwähnt wird Brontë’s „Sturmhöhe“, die auch eine wahnsinnige, über den Tod hinausgehende Liebesgeschichte beschreibt. Bella ist eine Außenseiterin auf mehreren Ebenen: schulisch ihren Klassenkameraden voraus, nicht auf Sozialkontakte angewiesen, fremd in der Stadt. In der Cafeteria des Schulgeländes fällt ihr nur einer auf, der noch fremder ist als sie selbst: Edward Cullen, einer von fünf adoptierten Halbgeschwistern einer Familie, die allesamt „Erscheinungen“ sind, wie aus einem Film. Die Faszination für jugendliche Leser liegt einmal in der Situation des Sich-fremd-Fühlens und der Suche nach dem Einen, der versteht. Zum anderen im Aufbegehren gegen gesellschaftlich Überkommenes. Die Herausforderung besteht in der Selbstdefinition dessen, was gut und richtig sein soll und dabei werden durchaus von der Gesellschaft „verteufelte“ Faktoren als mögliche Angebote untersucht. Ein Ekel gegenüber der Welt der Erwachsenen, gegenüber den Zumutungen des Lebens, gehört ebenso  zu jeder Entwicklung, wie die Entrüstung darüber, in Umstände geworfen zu sein, die als unzumutbar empfunden werden.

Leider versteht Meyer nicht, mit diesen Elementen literarisch zu spielen. Formelhaft werden Empfindungen abgehandelt, werden Rollenverteilungen reproduziert: die Ich-Erzählerin bewundert ein männliches Idol, das exemplarisch dafür steht, mithilfe seiner unglaublichen Willenskraft das ihm Auferlegte umzukrempeln:  sowohl seinem wesenseigenen Bluthunger, als auch sexuellen Anfechtungen zu widerstehen ist Reife. Kontrolle wird zum moralischen Verantwortungskodex. Sie selbst reproduziert ein Frauenbild weiblicher Lustanfälligkeit und Dominanz des Körperlichen, des Vergänglichen. Um mit ihm auf gleiche Augenhöhe zu kommen, das spürt Bella schnell, muss sie werden wie er, muss zur Vampirin werden und durch denselben Kampf mit sich selbst seine Liebe verdienen. In den Momenten der aufwühlendsten Empfindungen (und damit operiert der Roman ja dauernd) ist Bella kopflos, haltlos, orientierungslos. Sprachlich gefällt sich die Geschichte in der Vereinfachung. Das Gefühlschaos der jugendlichen Bella wiederholt sich in gleich bleibenden Schleifen ebenso wie die Beschreibungen derselben Örtlichkeiten oder der immer wieder beschworenen schönen Blässe des „Helden“.

Stephenie Meyer also ist als revolutionäre Urchristin befugt, der Mädchen- Welt eine Vorstellung von gereinigter Sexualität, von Liebe als Sakrament zu bringen und setzt damit der zunehmenden Überforderung durch ständig wechselnde Beziehungen und Sexualpartner die stärkste Antithese entgegen: den Mythos der ewigen Liebe.  Eine verführerische Kraft geht davon aus. Doch der Mythos des Ewigen war immer schon Verführung und Versuchung, bedeutet Fixierung und Erstarrung und eben nicht die versprochene Befreiung vom Überkommenen.

Stephenie Meyer hat nach Ende der Twilight- Trilogie bereits die Fortsetzung der Geschichte aus anderen Perspektiven versprochen. Womöglich braucht die Jugendwelt noch ein paar tausend Seiten Beschreibungen vom moralisch fragwürdigen Ringen um Integrität unerreichbarer Idole. Am Ende lieben die Leser aber doch die nicht-heldenhafte Protagonistin, durch deren Augen sie dem Verlauf der Geschichte folgen. Wenn nun diese junge Frau ihre Potentiale entwickeln würde, wenn sich der Vampir bemühen müsste, auf ihre Augenhöhe zu kommen, dann könnten diese Paranormal Romances vielleicht als neue (wenn auch fragwürdige)  Bildungs- und Coming-of-Age-Romane bezeichnet werden.

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