Gegenwartsliteratur

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs stellte sich auch in der Literatur eine große Krise ein: die Krise des Erzählens, oder: ‚Wie ist Literatur überhaupt noch möglich?‘ Bekannt ist ein Zitat von Theodor W. Adorno:  „…nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben ist barbarisch…“ Wie sollten Dichter, die mit der Realität der Barbarei unter den unterschiedlichsten Blickwinkeln konfrontiert waren – die in Deutschland während des Nationalsozialismus veröffentlicht haben, oder nichtöffentlich schrieben für die Schublade, oder im Exil arbeiteten – in dieser neuen Lebensrealität schreibend Ausdruck finden?

Eine Form, die aus den vielen Unsicherheiten resultierte, war die Krise des Ich, wie sie sich in Max Frischs Dichtung darstellt. „Ich bin nicht Stiller“ (Max Frisch: Stiller), die Verweigerung der Identität, die Frage nach der Zusammensetzung von Identität hängt zusammen mit der Frage nach Verantwortlichkeiten. „Ich ziehe Geschichten an, wie Kleider“ (Max Frisch: Mein Name sei Gantenbein). Der Aufbruch zu neuen Formen der Subjektivität ist der Suche nach Erklärungsmustern geschuldet.

Was ist das gelebte Leben und was davon ist erzählbar?                                                   „Ein großer Teil dessen, was wir erleben, spielt sich in unserer Fiktion ab, das heißt, dass das wenige, was faktisch wird, nennen wir’s die Biographie, die immer etwas Zufälliges bleibt, zwar nicht irrelevant ist, aber höchst fragmentarisch, verständlich nur als Ausläufer einer fiktiven Existenz. Für diese Ausläufer, gewiss, sind wir juristisch haftbar; aber niemand wird glauben, ein juristisches Urteil erfasse die Person. Also was ist die Person? Geben Sie jemand die Chance zu fabulieren, zu erzählen, was er sich vorstellen kann, seine Erfindungen erscheinen vorerst beliebig, ihre Mannigfaltigkeit unabsehbar; je länger wir ihm zuhören, um so erkennbarer wird das Erlebnismuster, das er umschreibt, und zwar unbewusst, denn er selbst kennt es nicht, bevor er fabuliert – „( Gesammelte Werke, Band V,S.332)

Dass Autobiographie ein Stück weit Fiktionalität ist, dass Individualität und Identität nicht dasselbe sind, der Mensch sein eigenes Ich verpassen kann, sind dichterische Themen, die für Frisch Ausdruck einer Generation sind und dennoch immer wieder die Freiheit der Wahl betonen. Frischs Werke sind auf den ersten Blick desillusionierend, auf den zweiten Blick die Suche nach der Selbstwahl, denn das Entscheidende ist im „Stiller“ „…daß einer mit sich selbst identisch wird. Andernfalls ist er nie gewesen!“                                        Frisch zieht sich zurück auf Subjektivität als Ausdrucksmittel, spätere Generationen wählen wieder ganz andere Stilmittel, als Beispiel sei genannt die politische Literatur der späten 60er.

Der Begriff der Gegenwartsliteratur ist gekennzeichnet von einer  „Neuen Unübersichtlichkeit“ (Jürgen Habermas). Unfassbar viele Strömungen haben sich im Laufe einiger Jahrzehnte entwickelt. Irgendwann wird sich die zeitliche Einordnung als Gegenwartsliteratur verschieben auf die Wende 1989. Kann es in diesem Zusammenhang wieder einen Versuch zu einer neuen Funktionsbestimmung von Literatur geben?

http://de.wikipedia.org/wiki/Max_Frisch

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